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DIE TERRASSEN DES
PHILOSOPHISCHEN GARTENS
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| Eine Philosophie aus
einzelnen Sätzen
Jeder Satz treibt ein Spiel mit der Imagination seines Lesers. Am 1. April 2006 wurde die Spieleterrasse erfunden. Sie ist der Platz für den Satz, der aus dem Ärmel geschüttelt wird, für den Kaffeesatz morgens oder abends oder nie. Chacun à son goût. Die Terrasse wird (spätestens) am 31. März 2013 geschlossen, nach dann sieben Jahren. Nach sieben Jahren beginnt ein neues Leben. Hinweis auf zwei thematisch zusammengehörende Philosophiebücher von Matthias Müller: - Alle im Wunderland. Verteidigung des gewöhnlichen Lebens (Diederichs Verlag, München) Leseprobe DNB Weitere Verweise - Philosophische Notapotheke. Erste Hilfe bei Sinnfragen (Diederichs Verlag, München) Leseprobe English Sample Verweise im Rahmen des Protests gegen Stuttgart 21 siehe hier und zum Beispiel hier Der Satz des Tages: 6.2.2012: Philosophie ist der Reim, den du dir auf das Leben machst.
Philosophieren heißt auf Erkenntnisverhütung verzichten. Lider, die kleinen Bettdeckchen der Augen. Mit den Augen Bündnisse schmieden. Augenblickelang. Küsse sind Lippenbekenntnisse. Wolken, diese Jalousien der Erde. Das Leben gelingt am ehesten, wenn man es aus Liebhaberei betreibt. Zwei, die sich anziehen, ziehen sich aus. Mundlandung. Im Leben fast jedes Heranwachsenden kommt irgendwann der Moment, an dem er zum Flug auf den Mund eines geliebten Menschen abhebt. Das ist ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein gigantischer Sprung für den Heranwachsenden. Selbst-Interview (Ausschnitt). Warum interviewen Sie sich selber? – Weil ich schon immer wissen wollte, was ich mich selber fragen würde. – Und, sind Sie mit der ersten Frage zufrieden? – Nun, mich irritiert, daß ich mich selber sieze. Warum duze ich mich nicht? – Fragen Sie das mich? – Nein, ja, das heißt, ich frage mich das selber. – Und wie lautet Ihre Antwort? – Was glauben Sie? – Bin ich der Fragensteller oder Sie? – Aber haben nicht Sie mich gesiezt? – Doch, das ist wahr, ehrlich gesagt, bin ich aus dem Konzept gekommen. Am besten wir beginnen von vorne. – Gut. Fangen Sie an. – Warum siezt du mich?
5.2.2012: Menschen, diese nachahmenden Tiere, ahmen allzu leicht die Fehler der anderen nach und allzu selten deren Vorzüge. 4.2.2012: Lea Odesa: „Die Neigung, die Liebe, das Licht deiner Nähe, alles trinkt dich, und aus der Ferne geht die Sonne auf, der Gedanke eines jeden Tages, der allein denkens- und dankenswert ist.“ 3.2.2012: Am Morgen, wenn du die Augen öffnest und der Lippenstift der Sonne auf dem Laken glänzt, weißt du, wofür es sich zu leben lohnt. 2.2.2012: Wir wollen die Liebe wieder entzünden in jedem verwaisten traurigen Geist. 1.2.2012: Willst du Geisterbahn fahren, dann nimm die U-Bahn. 31.1.2012: Wie mißt du das Gewicht von Gedanken? – Daran, ob sie dich beflügeln oder herunterziehen. 30.1.2012: Carl Apfelschnitz: „Die sterblichen Überreste im Sinne von Gebeine – das müßte doch die unsterblichen Überreste heißen – die sterblichen Teile haben sich ja schon in Nichts aufgelöst?“ 29.1.2012: Es war so kalt am Meer, die Tränen, die sie vergoß, verwandelten sich in Schneeflocken und schwebten langsam davon. 28.1.2012: Sie schrieb mit ihrem Lippenstift die innigsten Gedichte. 27.1.2012: Die Rolltreppen sind seine Musen, jedesmal, wenn er auf einer fährt, schreibt er einen Vers. 26.1.2012: Nach einem langen Gang in der Mark Brandenburg ist auch das in der Jackentasche mitgeführte Tagebuch tiefgefroren, sind Vorder- und Rückseite eisig kalt. Die Eintragungen im Buch heizen ein. 25.1.2012: Architektur ist Erotik im Raum. 24.1.2012: Das Bett mit seinen vier Bettpfosten ist ein ruhigstehendes Pferd, auf welchem du schläfst und träumst. 23.1.2012: Ratlosigkeit bringt Dinge in Bewegung. 22.1.2012: Carl Apfelschnitz: „Das Ziel muß lauten: nicht nur schön sein, sondern wunderschön sein.“ 21.1.2012: Er verfeinerte die Dinge, indem er über sie schwieg. 20.1.2012: In den Zeilen / leuchten Zeiten wieder auf. 19.1.2012: Carl Apfelschnitz: „Tausendmal habe ich mit der Bahn hier gehalten, ohne daß mir der Name je aufgefallen wäre: Hildesheim. Das Heim von Hilde. Wie mögen Hilde und ihr Heim aussehen? Steig aus und nimm beide in Augenschein.“ 18.1.2012: Carl Apfelschnitz: „Dieses Buch, ists nicht ein Vogelbauer? und die Sätzchen darin Spätzchen der Phantasie?“ 17.1.2012: Sie hatte eine romantische Seele und ließ einen Ofen einbauen, um ihre Liebesbriefe darin verbrennen zu können. 16.1.2012: Die Freunde trafen sich immer freitags zum gemeinsamen Abendessen. Einmal schlug Lisa vor, daß heute ein jeder den Mund nur aufmachen solle, wenn er etwas gescheites zu sagen habe. An dem Abend blieb jeder stumm, und bald schlichen die Freunde hungrig nachhause. 15.1.2012: Die beiden Freundinnen flochten ihre langen Haare ineinander, so daß der entstehende Zopf sie geradewegs untrennbar verband. So wandelten sie durch die Straßen wie siamesische Zwillinge. 14.1.2012: Nachts im Zug, wenn du rückwärts fährst, hast du oft das Gefühl, vorwärts zu fahren. So ist es mit dem Leben auch. 13.1.2012: Sie klingelte bei ihm, und als er sie hereinließ, schwieg sie. Sie wies auf ihre Lippen, er begriff, daß sie versiegelt waren. Auch verstand er anhand ihres Gebarens, daß sie selbst ein Brief sei, den sie persönlich zustelle. Um den Brief zu lesen, mußte er ihre Lippen entsiegeln, das tat er mit aller Vorsicht. In dem Brief stand viel schönes, er hatte die ganze Nacht zu lesen 12.1.2012: Jeder Tag, den du lebst, ist ein zeitliches Plus, was deine Lebensdauer betrifft, und ein zeitliches Minus, was die verbleibende Frist bis zu deinem Tod angeht. 11.1.2012: Demokratie ist die Staatsform, in der die Bürger nicht ausschlafen dürfen. Immer wieder müssen sie früh aus den Federn und die unverantwortlichen Verantwortlichen in ihre Schranken weisen. Bemerkbar macht sich in den Funktionseliten eine unselige Tendenz auf Bürgerausschaltung. Wenn du vor deiner Amtszeit eine Politik des Gehörtwerdens propagierst, wird diese, wenn du im Amt bist, zur zynischen Formel. Eine fatale Schwerhörigkeit entfaltet sich an Stelle des Versprechens, zu hören und zuzuhören. 10.1.2012: Sie erwachte und sah, daß es schneite, es schneite in ihrem Zimmer, es schneite Zeit. 9.1.2012: Was bewegt dich? – Die Sehnsucht setzt mich jeden Morgen auf den Weg. 8.1.2012: Mit dem Schlag ihrer Wimpern fächerte sie ein Staubwölkchen auf. 7.1.2012: Der Tag erfüllt dich mit Licht. 6.1.2012: Die (wohl) unfeinste Form der Knickerigkeit: anderen kein Lächeln zu schenken. Das Lächeln hat in der Geschichte der Menschheit mutmaßlich mehr für den Frieden getan als jede sonstige Geste oder jedes Wort. Das Lächeln wäre überhaupt der nobelste Friedenspreisträger weit und breit. 5.1.2012: Im neuen Café am Solarbahnhof, auch Solarcafé genannt, vorm Südflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs, wärmen sich die Besucher am Feuer, das in einer glühenden Öltonne Tag und Nacht lodert, während zwei Polizisten aufpassen, daß nichts passiert. Im nahen Schloßgarten schützen hunderte menschengroße Laubpuppen die Bäume, von kopfüber gehängten Christtännchen beschirmt, und erhitzte Diskussionen machen die Runde. Zwei zwanzigjährige Frauen klettern angeseilt auf eine zweihundert Jahre alte Platane, in welche ein Wohnkubus hineingebaut ist. Der Gasmaskenmann in seinem weißen Overall sitzt am Wegrand auf einem Gartenstuhl und bescheidet die Fragen der Passanten mit bestechenden Antworten. Unweit der Parkwache läuft eine Ausstellung über den bildlich imaginierten Solarbahnhof. In den Zelten findet eine Lukrez-Lesung statt. Ländlich-städtische Szenen Anfang Januar 2012, Szenen, die freie Bürger machen. 4.1.2012: Strebe wie die Kinder und die Bienen lustig summend blütenwärts im Garten, unerachtet winterlicher Zeit, denn Blüten treiben immerzu, wo eine schöne Seele sich bewegt entfaltet. 3.1.2012: Kennst du dich? – Nur vom Hörensagen. – So gehts mir mit mir auch. 2.1.2012: Erkläre dir die Tage, das meint: mach sie dir klar; verkläre sie zugleich, das heißt: beschreib sie so, daß sie dich erfreuen. 1.1.2012: Die Dämmerung eines Jahres leuchtet im Morgenrot eines Versprechens. Man kann dieses Rot nicht knipsen, aber es kann dich bewegen und auf die Reise schicken. 31.12.2011: Der Garten des Traums hat auch im Winter Saison. 30.12.2011: Beide schwiegen beredt, und als sie wieder auseinandergingen, hatten sie alles gesagt. 29.12.2011: Geh wenigstens einmal am Tag aus der Deckung – wage dich vor! 28.12.2011: Lebenskunst heißt, eine Regel aufstellen und die Ausnahme von ihr genießen – gerade auch dann, wenn die Ausnahme zur Regel werden sollte. 27.12.2011: Jeder Mensch ist ein Provisorium – und bleibt es bis zum Ende. 26.12.2011: Nicht blind vertrauen, sondern sehen und vertrauen. 25.12.2011: Als das Paar abends wieder zusammentraf, unter der Brücke am Fluß, erzählte es sich vom Tag. Den Tag über streiften sie getrennt durch die Stadt, und nur ihre Spleens, ihre Launen und die Zufälle des Universums leiteten ihre Schritte. „Was hast du gesehen, gehört, geschmeckt, gefühlt, welche Düfte kitzelten dein zartes Näschen? Gib mir die Übersetzung deines Tags.“ Und sie trug ihre Übersetzung vor, eine höchst eigenwillige eines einmaligen Streifzugs. Anschließend übersetzte er, und sie verglichen ihre Übersetzungen. Indem sie so jeden Abend übersetzten, gelangten sie ans andere Ufer. 24.12.2011: Wenn andere dir nicht widersprechen, dann widersprich dir selbst. (Einer muß es ja tun.) Oder glaubst du, du wärst ein Mensch, der den Widerspruch nicht verdient hätte? Dann würdest du dich schlecht kennen. Jeder trägt den Widerspruch in sich, von Geburt an. Der Mensch ist nicht allein das sprechende, er ist vor allem das sich widersprechende Tier. Wenn es noch ein Heiligtun gibt, dann ist der Widerspruch das Heiligtum jedes Menschen, der Widerspruch ist seine sterbliche Seele. 23.12.2011: Am traumreichsten schläft man nach dem Schwimmen in der Sonne. 22.12.2011: Carl Apfelschnitz: „Die sogenannten Verstandesmenschen rauben mir den letzten Verstand.“ 21.12.2011: Die Bienenflügel, aus Sonnenfäden genäht, in dem Land der Spleens, der Ideale, der Phantasien, die leichten Flügel, die fehlen, die du vermißt und die in den flaumigen Büschen der Wolken versunken liegen. 20.12.2011: Stelle das Bett so, daß jeden Morgen das Spektakel des Sonnenaufgangs deine schlafende Neugier weckt. 19.12.2011: Lena Lisboa: „Wäre das nicht wünschenswert, ein geschmeidiger Mensch zu sein, geschmeidig zu denken und mit dem Geist zu tanzen?“ 18.12.2011: Es gibt auch den Jogginghosensonntagsstaat. 17.12.2011: Wenn du einen Menschen beleidigen willst, so laß die Tiere aus dem Spiel. Du Hund! Du Schwein! Du Affe! Du Gans! Du Kuh! Du Ziege! Kein Tier hat es verdient, mit einem Menschen verglichen zu werden. 16.12.2011: Über Nacht legte sie eine Folie in den Garten, um den Tau der Sterne aufzufangen. Morgens ging sie hinaus und wusch sich das Gesicht am Sternenborn. 15.12.2011: In der Annahme, daß in einem, im eigenen Denken, in den Gewohnheiten, zahllose unbemerkte Irrtümer verborgen sind, wäre es nur recht und billig, jeden Tag wenigstens einen von ihnen aufzudecken und in Luft aufzulösen. 14.12.2011: Literatur, das einzige Haus, in dem unendlich viele Menschen wohnen und lieben können. 13.12.2011: Sorgen, Zweifel und Mutlosigkeit sind so unerbetene wie unruhige Gäste, die sich allzugern in den Herbergen des menschlichen Geistes einquartieren, man sollte ihnen gleich nach der ersten Nacht, noch vor dem Frühstück, ein Taxi rufen und sie ohne Federlesens hinauskomplimentieren. 12.12.2011: Die Tage flattern so schnell vorüber, man muß wirklich aufpassen und zeitig zu Werke gehen, sonst ist schon der nächste Tag im Anflug. 11.12.2011: Darauf, wie du träumst, hast du keinen Einfluß, aber darauf, wie du denkst und sprichst! 10.12.2011: Vermutlich schreiben in diesen Jahren immer weniger Menschen von Hand, kritzeln immer weniger wenigstens einmal am Tag irgendetwas auf einen Fetzen Papier und haben so eine intime Begegnung mit sich selbst. Denn die Handschrift ist wie man weiß nicht nur wie der Daumen Ausdruck einer Einmaligkeit, sondern, und wichtiger, Ausdruck einer Persönlichkeit, oder wenn man will der private Fluß, der in der Landschaft aus Papieren mäandert. In der Handschrift entschleiert sich jeder, sie ist der zu Papier fließende Spiegel innerer Stimmungen und Schwankungen. 9.12.2011: Der angenehmste Glanz ist der Glanz des Himmels, sich in ihm zu sonnen, tut der Seele gut. 8.12.2011: Um in Gesellschaft ein gutes Bild abzugeben, braucht es den passenden Rahmen. 7.12.2011: Statt einer Mittagspause machte er eine Morgenpause. Die dauerte dann oft den ganzen Tag. 6.12.2011: Nachmittags machte der Soziologe sich auf in die berührte Wildnis – er ging unter die Leute. 5.12.2011: Was stehst du so in der Weltgeschichte herum? – Laß mich doch. Ich steh gern in der Weltgeschichte herum. 4.12.2011: Sie schrieb ihre Gedichte immer nur auf das Schulterblatt ihres Freundes. 3.12.2011: Jeden Morgen das gleiche Spektakel, du irrst durch das uralte Schloß deiner Träume, und plötzlich tauchst du unter und tauchst in einer ganz jungen Wohnung wieder auf. 2.12.2011: Jeden Morgen, vor dem Losschwimmen, erst einmal den Sorgen- und Gedankenschutt abladen. 1.12.2011: Er bewegte sich im Wald wie eine Ameise im Gras. 30.11.2011: Ideal. Eine Rose sein, schön, mit farbigen Blüten, und stachelig. 29.11.2011: Sie wohnte unweit eines felsigen Tals, in dem, wie sie sagte, ein Echo zuhause war. Jeden Morgen, auf dem Weg zur Arbeit, ging sie dorthin und rief nach dem Echo. Auf ihren Ruf hin antwortete es, und sie freute sich und fühlte sich auf belebende Weise gestimmt, als wäre sie ein Instrument. 28.11.2011: Karla Ammerstein: „Die Dummheit der Vielen hat auch etwas erhabenes – sie lassen sich von (sachlichen) Argumenten nicht beeindrucken, nicht irritieren. Die Erhabenheit dieser Dummheit ist allerdings nichts schönes, nichts anziehendes, nichts, worauf man stolz sein könnte. Schönheit im politischen Raum entsteht dann, wenn die beteiligten Raumgestalter offen und ehrlich, nüchtern und sachbezogen reden und handeln, alles andere ist Kokolores und Schmu, ist würdelose und lächerliche Schauspielerei.“ 27.11.2011: Ihr bevorzugter Radiosender war die Stille Welle. Jeden Morgen, nach dem Aufwachen, knipste sie das Radio an, das auf ihrem Nachtschränkchen stand, und lauschte dem Sinfoniekonzert der Stille. 26.11.2011: Karla Ammerstein: „Sich plagen, wozu? Die Zeit der Plagen ist vorbei.“ 25.11.2011: Kaffee am Morgen, der Lift zum Spielplatz des Lebens. 24.11.2011: Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, der Mensch sei das Tier, das Gesetze beschließt, um sie zu verletzen. 23.11.2011: Wieder, aus der Finsternis, wird ein Tag entbunden, ist plötzlich da. Der Tag, die Offenbarung der Räumlichkeit, in der du dich promenierend irgendwohin bewegst, in der die Lebenden miteinander spielen. Die Nacht dagegen erscheint als Inbegriff von Raum- und Zeitlosigkeit, die du lediglich schlafend sinnvoll überbrückst. 22.11.11: Den Künstler faszinierte das Nebensächliche, die Hauptsachen interessierten ihn nicht, die Nebensachen waren seine Hauptsachen. „Hauptsache nebensächlich“ war auch der Titel seiner ersten Einzelausstellung. Als jedoch bei der Vernissage ein Kritiker etwas nebensächliches über seine Kunstwerke sagte, reagierte er äußerst pikiert. 21.11.2011: Liebe ist wie das Feuer zu unterhalten. 20.11.2011: Jeden Morgen ist ihr Geist voller Gedankenblüten, und wenn es tagsüber licht ist, die Sonne leuchtet und ein sanfter Regen niedergeht, kann sie am Abend die Früchte pflücken und mit ihren Liebsten teilen. 19.11.2011: Mühselig sein – selig vor Glück, das jede Mühe bereitet. 18.11.2011: Ihre Träume ermüdeten sie sehr, so daß sie nach dem Erwachen erschöpft und stumpf in ihrem Bett lag und bald in einen tiefen Schlaf fiel. 17.11.2011: Was tust du heute? – Ich will das Nichts umsorgen, es auf Händen tragen, wie jeden Tag. Und wie jeden Tag wird es nicht glücken, nicht glattgehen, denn irgend etwas kommt dazwischen, früher oder später. – Wem erzählst du das, so ist das Leben. – Ja, so ist es. – Auf das Dazwischenkommende! – Hoch soll es leben! 16.11.2011: Das Schweigen vor dem Einschlafen, das Schweigen nach dem Aufwachen, das Boot, mit dem du übersetzt, ans Ufer deiner Insel. 15.11.2011: Alles, was der Mensch berührt, wird festlich werden und er selbst gesunden. 14.11.2011: Man möchte jeden Morgen den Zugang zum Tag finden, doch eh du dich versiehst, wird es wieder dunkel, und du irrst noch immer vor der Wand mit der rieselnden Zeit auf und ab auf der Suche nach der geheimen Tür. 13.11.2011: Das Rauschen von Regen eine kleine Nachtmusik. Das Rauschen der See ein Wiegenlied. Das Rauschen der Träume Fanfaren des Morgens. 12.11.2011: Geh still wie die aufgehende Sonne nach Hause und murmel so zart wie der kleine Landfluß von der Liebe. 11.11.11: Baden gehn, jeden Tag, in der Bibliothek der Wellen. 10.11.2011: Träume, Märchen der Seele. 9.11.2011: Mit dem Geist gegenwärtig sein, ganz Gegenwart, und nicht im Halbirren, Halbschlafenen vorübertaumeln! 8.11.2011: Es kommt darauf an, sich selbst vor sich selbst sehen lassen zu können. 7.11.2011: Die Arbeit kuriert die meisten von ihren Grillen. 6.11.2011: Frau November, still, zart, überlegt, zieht sich aus, wirft ihr Blätterkleid von sich und legt sich in die Sonne. 5.11.2011: Lug und Trug pflastern den Weg, Illusionen weisen die Richtung, der Abgrund ist das Ziel. 4.11.2011: Natalia Lisboa: „Deine unendliche Ruhe, die die Unruhe des Universums ist und sich in dem Abendrot auf deinen Wangen zeigt. Aber das Morgenrot der Liebe ist dir das liebste.“ 3.11.2011: Jedes Gedicht ist Teil der umfangreichen Natursammlung „Die Freude zu leben“, geschrieben mit der Tinte der Traurigkeit. 2.11.2011: Natalia Lisboa: „Mitten am hellichten Tag gehst du durch die Stadt und wachst auf, bleibst stehen, als könnest du nicht im Wachen weitergehen, als könnest du nicht im Gehen staunen. Staunen ist deine Form des philosophischen Erwachens.“ 1.11.11: Natalia Lisboa: „Die Trauer fiel auf ihr Gesicht wie der Lichtschatten eines landenden Vogels.“ 31.10.2011: Die bunten Laubwälder leuchten wie fair gehandelte Bioklamotten. 30.10.2011: Je älter man wird, desto mehr muß man in seine Zukunft vertrauen. 29.10.2011: Idealisten, Hebammen einer besseren Welt. 28.10.2011: Der Tag hat kein Gesicht, es ist gerade deine Aufgabe, ihm ein Gesicht zu geben, ein Gesicht voll Liebe und Freiheit. 27.10.2011: Dichter, Jongleure mit Worten, zählen zu den Straßenkünstlern, nur manche treten in großen Zirkussen auf. 26.10.2011: Man weiß es nicht, ist sie so müde oder ist sie so weise, jedenfalls ruht sie in sich. 25.10.2011: Aus dem Travel Book von Lea O. „Aus dem Schlafhaus sanft vertrieben, kam ich in die Kaffeehalle; nach einiger Zeit verließ ich sie und trat auf den spiegelnden Platz hinaus und gesellte mich zu den anderen Genossen. So verging der Tag in Gesprächen. Bei Sonnenuntergang badeten wir im Meer. Es ist jeden Tag dasselbe, und es könnte ewig so weitergehen.“ 24.10.2011: Unsere Großväter moserten gern über das scheinbare „Klump“, das sich auf den Böden und in den Scheunen und Schuppen über die Jahre hin ansammelte. Heute kaufen wir das wirkliche Klump als billige Massenware und bezahlen teuer dafür. Dieses Klump, neuwertiger Giftabfall, geht bald zu Bruch und landet auf den Müllhalden Afrikas. Das ist ein Bild von vielen schrecklichen Bildern unserer Epoche, einer Epoche des nicht verdienten Profits, der geistigen Nullitäten und des mitgefühlfreien Brutalismus. 23.10.2011: Lena L. weiß, sich ein Butterbrot schmieren, macht gute Laune. 22.10.2011: Man kann einen Tag nicht wie einen Satz korrigieren, sondern muß ihn gleich richtig leben. 21.10.2011: Carl Apfelschnitz: „Sei in allem, was du tust, unangestrengt, und seis noch so anstrengend.“ 20.10.2011: Wenn ein Frauenzimmer und ein Männerzimmer zusammenkommen, entsteht ein Kinderzimmer. 19.10.2011: Du bist Zeit, und die Zeit ruht nie, läuft dir davon, macht dir Beine; nur abends, nachts, kommt sie zu sich, ruht sie aus, schläft sie ein, wirst du zeitlos. 18.10.2011: Die Wellen des Feuerballs umspielen dich, und die himmlischen Sonnenschirme, die ziehenden Wolken, spenden Schatten. 17.10.2011: Wochentage, die bunten Verse, die reimlos klingen, die zwischen den Zeilen, im Dunkel der Nacht, dich sanft verschlingen. 16.10.2011: Lena L.: „Der Mensch ist scheints nicht dazu geboren, gerade zu stehen. Man spürt die Triftigkeit dieser These beim Anblick von würdevollen Hosenträgern, die sich fürs Gruppenbild in Positur bringen und sich dabei kerzengerade hinstellen, oder angesichts strammstehender Soldaten, unbeweglicher Torwächter. Gewöhnlich stellt der Mensch einen Fuß vor, einen zurück, er stützt die Hände auf die seitwärts schwingenden Hüften, er wippt auf und ab, vor und zurück, er kreuzt die Beine, er vollführt einen Tanz, unentwegt und unbewußt. Der Mensch ist der entbundene Tänzer. Im Tod findet das Tanzen sein logisches Ende. Tot sein ist nichts anderes als die Unfähigkeit, das Tanzbein noch schwingen zu können. Der Tod ist der Tanzmuffel par excellence. Tanzen oder Nichttanzen, das ist die Frage.“ 15.10.2011: Natalia Lisboa: „Von den Vorwürfen wegzukommen, ist das schwierigste überhaupt. Führe dein Leben so, daß du nie auch nur den leisesten Vorwurf formulierst. Jeder Vorwurf, den du machst, ist ein Klimakiller.“ 14.10.2011: Laß dir einmal am Tag vom ziehenden Fluß die Seele pflügen. 13.10.2011: Erwünschte Arbeit ist beglückende Last. 12.10.2011: Was tönt dir, Nachtkind, tief in der stillen Brust? Ist es die Sehnsucht nach des Tages Wind, nach des Lebens Lust? – Es tönt in jedem Fall ein Lied, das in allen Dingen spielt. Das Lied läßt mein Herz heftig pochen, es rührt sogar, hör ich, die ältesten Knochen; es ist das Lied vom Leben, vom nimmermüden Weben. Hiervon sind wir Kinder die sterblichen Künder. 11.10.2011: Wenn sie im Wald spazierenging, hatte sie immer das Gefühl, nur ein Gast zu sein, und entsprechend verhielt sie sich. 10.10.2011: Schon hängen die Blätter an der Kirsche schlaff wie Fledermäuse. 9.10.2011: Natalia Lisboa: „Wohin man auch geht, man kommt zu den Rosen, sonnt sich in ihrem Schein, ihr Liebreiz lockt, ihre Farben und ihr Duft trösten, die Dornen rufen Schmerz hervor. Das Leben ist ein dorniger Rosenpfad.“ 8.10.2011: Wenn der Tag noch unvollständig ist, am frühen Morgen, ist er doch vollkommen, denn zur Vollkommenheit gehört das Versprechen einer anbrechenden Zeit. Daher weckt jede Vollendung auch eine traurige Stimmung, weil die Vollendung nichts mehr versprechen kann. 7.10.2011: Du dirigierst den Chor der inneren Stimmen, und alle singen durcheinander. 6.10.2011: Natalia Lisboa: „7:23 Uhr Sonnenaufgang über der Elbe bei Lutherstadt Wittenberg, die Sonne spiegelt sich an der geriffelten Oberfläche des fließenden Wassers. Auf den Wiesen schläft dünner Nebel, ein Wolf durchstreift suchend das betaute Feld. Die Weiden stehen still und atmen in Träumen versunken. Die Rehe rücken nah zusammen, sie tun das ohne Glauben, ohne Hoffnung, sie tun es allein in Liebe.“ 5.10.2011: Schlaf, eigentlich Nichtzeit, Zeit des Zeitschlafs; erst wenn die Sonne, der brennende Uhrzeiger, am Horizont erscheint, läuft die Zeit wieder (und läuft davon). 4.10.2011: Schlaf, ein Gebirge aus Stille, in welchem Träume ins Tal hinabrauschen. Erwacht der Morgen, versiegen die Bäche, verschwindet die Stille; das Tal der Klänge läutet und ruft. 3.10.2011: Der Mensch ist das Tier, das bei Müdigkeit den Kopf abstützt. 2.10.2011: „Versäume nicht das Säumen auf den Äckern der Zeit.“ 1.10.2011: Lena Lisboa: „Nimm als Vorbild das leichte Streben eines Vogels in Wipfeln aus Licht und Blättergrün.“ 30.9.2011: Jetzt, in diesen Tagen, muß jeder schauen, wie er sie nicht versäumt, oder er doch an ihren Säumen entlang das Licht für die Wintermonate in sich aufnimmt. Es sind im Grunde transzendente Tage. Wie es am Tag eine Abenddämmerung gibt, so gibt es im Jahr eine Jahresdämmerung, eine Zwischenzeit, in der die Welt mitsamt den Blättern und den Blüten noch einmal aufleuchtet, bevor sie den ganzen Bettel hinwirft. 29.9.2011: Morgens ins Meditationsbad steigen und alle fruchtlosen Gedanken vergessen. 28.9.2011: Ein Specht, der in einer Kuckucksuhr schläft und von der Ewigkeit träumt. 27.9.2011: Natalia Lisboa: „Das morgendliche Dösen, Träumen, Lesen im Bett erinnert an jene ferne Zeit, als man noch nicht zur Schule mußte und einen der Ernst des Lebens noch nicht in seinen Klauen hatte; im Dösen, Träumen, Lesen ergreift einen der begeisternde Unernst des Lebens, gewinnt man eine Ahnung abenteuerlichen Seins. Diesem musischen Bettreich entschlüpft man nur ungern.“ 26.9.2011: „Ich gehe in deinen Augen spazieren, in den heiteren Tagen deines Geistes.“ 25.9.2011: Natalia Lisboa: „Jenes Rauschen von Licht zwischen Bäumen, der Weg zur Quelle, aus der die Stille der Liebe sprudelt, und die Worte, von denen die Lippen schweigen, begleiten mein Sinnen und bringen mich zur Vernunft, solange ich lebe.“ 24.9.2011: Die ewig einladenden Landstriche, der Landstrich der Freundschaft, der Landstrich der Liebe, im Land des Friedens. 23.9.2011: Die Köche des Seins, Sonne, Regen, Erde, Wind, decken den Früchtetisch. 22.9.2011: Natalia Lisboa: „Die einzig wegsamen Wege sind doch die unwegsamen.“ 21.9.2011: [2000. Eintrag:] Egal, wohin du gehst, geh liebwärts. 20.9.2011: Der Schlaf, das endliche Jenseits. 19.9.2011: Wie der Vogel seine Schwingen ausbreitet, zückt der Dichter seine Feder. 18.9.2011: Sätze aus buntem Glas kritzeln, ein Fenstermosaik dichten und ins Haus des Alltags einbauen. 17.9.2011: Natalia Lisboa: „Diese Tage, ein Rausch aus weißem Licht und Gesang, waren unvergeßlich zart, unausschreibbar nah, und in dem Augenblick, da du gehst, fallen die Regentropfen aus Sehnsucht in deinen Schoß, hallen in der Weite der Zeit ungehört nach.“ 16.9.2011: Natalia Lisboa: „Meine Heimat? Meine Heimat ist ein gesunder Schlaf.“ 15.9.2011: Zum Nachdenken muß man zu zweit sein. 14.9.2011: Morgens im Bett der Gedanke „Ich lebe“ – und alles verändert sich, du springst und schwebst in den Tag hinein. 13.9.2011: Barfuß gehen und mit den Füßen denken. 12.9.2011: Sie ging ans Meer und mußte lachen. Dann ging sie nachhause. Warum lachte sie? Ist die Unendlichkeit so lächerlich? Wahrscheinlich. Das Endliche ist das Ernste. 11.9.2011: Herzschrittmacher, jemand, der dir ans Herz wächst, es beflügelt. 10.9.2011: Träume rauschen und tosen wie seit Urzeiten an die morgendliche Küste, aus den schäumenden Wellen tauchst du auf, wirst neu geboren, hinausgeworfen auf den Strand der Wachen. 9.9.2011: An sich ist die Nacht die Mutter, die große und kleine Kinder stillt. Die stille Nacht, die Nacht, in der die Menschen gestillt sind. 8.9.2011: Unter der Zunge verborgen ruhen verschwiegene Sorgen. Öffne die Tenne und schnalze sie hinaus. 7.9.2011: Sie liebte es, von einer Gutenmorgengeschichte geweckt zu werden. 6.9.2011: Natalia Lisboa: „Ich warte auf einen Einfall wie auf einen Bus, von dem ich nicht weiß, ob es ihn gibt und wann er kommen wird. Ich weiß nicht einmal, ob ich mich an einer Bushaltestelle befinde. Und ehe ich mich versehe, quietscht ein bremsender Bus neben mir, die Türen springen auf, ich steige ein.“ 5.9.2011: Ihre sie umspielende Stille war wie die Stille des schlafenden Meeres, unaufhörlich flüsternd und vor Geschichten schwanger. 4.9.2011: Die Wege entfalten sich immer im Auge des Orkans, im fliegenden Licht einer Liebe, im Singsang der Hände und aus der stillen Bereitschaft, zu geben und zu gehen, wann immer möglich. 3.9.2011: Sie war froh, wenn sie nichts zu tun hatte – sie konnte dann in Ruhe über alles und nichts nachdenken. 2.9.2011: Sie wollte auch jenseits des Sommers nicht darauf verzichten, im Kiesbett zu schlafen. Sie holte mit der Schubkarre Kies vom Fluß und schüttete ihn ins Schlafzimmer. Mit Freude schlummerte sie da von Träumen umflüstert. 1.9.2011: Früher oder später geht alles den Bach runter, das Spiel des Lebens nimmt einen unspielerischen Lauf. 31.8.2011: Jeden Tag lang auf der Urstraße gehen, bis die Urwelt sich auftut und du deine Urfassung verlierst. 30.8.2011: So hell der Tag auch leuchtet, er ist das Mystische schlechthin. 29.8.2011: Die Anwesenheit der Wolken hat etwas tröstliches. Die Wolken die Gesellen, deren Schweigen beredt ist. Wenn sie wollen, gießen sie die Landschaft. Die Regenschirmindustrie ist ihnen ewig dankbar. 28.8.2011: Liebe, wünschenswerteste Illusion. 27.8.2011: Als Autofahrerin hatte sie eine Schwäche für Umleitungen. Kaum hörte sie von einer, fuhr sie schon hin. Auch als Schreiberin bevorzugte sie Umschreibungen. Sie wollte sowieso, weder als Autofahrerin noch als Autorin, je ans Ziel kommen – wozu auch? Und wenn sie doch ein Ziel angeben müßte, dann jenes, keines zu haben. Und indem sie dieses Ziel angab, hatte sie es schon erreicht: ihm ausweichend, gelangte sie direkt ans Ziel. 26.8.2011: Der Geist ein Wanderzirkus, der Zirkusdirektor ein Clown. 25.8.2011: Heute werde ich Täler versetzen. 24.8.2011: Die Dusche, der zivile Regen. 23.8.2011: An diesen glühenden Tagen im saukalten Waldsee wohnen. 22.8.2011: Ihre Hände, lebhaft wie ein Vogel, unerhaschbar für jede Katze. 21.8.2011: Die einzige Macht, die für sie zählte, die sie verehrte, war die Ohnmacht. Jede andere Macht verachtete sie. 20.8.2011: „Schreib doch einmal an einem Tag nichts. Laß nur Wind und Wellen zwischen den Zeilen wehen und rauschen, Wind und Wellen sagen doch alles.“ 19.8.2011: Warum hast du mich nicht angesprochen? – Weil ich mich nicht stören wollte. 18.8.2011: Der Sand am Strand: kein Sanduhrensand, nichts rieselt hinab ins untere Glas, Zeit ist hier nicht, fließt nicht, ist von den Wellen verwischt, verwischt sind die Grenzen des Lebens, des Todes, offen scheint das vage Niemandsland, durch das du ziehst und in dem du Zug um Zug verschwimmst. 17.8.2011: Jede Nacht verschwindest du im Dunkel der Liebe. Jeden Tag erscheinst du am Strand der Sehnsucht. Dein Leben ist Wechsel, unbegreiflich wie der Wind und die Wolken, unendlich wie das Glitzern der See. 16.8.2011: Der Gesang, aus der Natur tönend, richtet dich auf und wirft dich spielend ans Ufer, wo alles Wissen verschwimmt. 15.8.2011: Irgendwann wird das Bett, dieses Matratzenboot, ins Wasser gelassen, und sein Passagier taucht ein in die Ewigen Schlafgründe. 14.8.2011: Lider, die automatischen Jalousien des inneren Schlafzimmers. 13.8.2011: „Wenn du mir nachts einen Strauß Sterne pflückst, duftet das Licht deiner Liebe.“ 12.8.2011: Menschen bauen Gärten, um aus dem Irrgarten des Lebens zu flüchten. 11.8.11: Welche Wege die Hände gehen jeden Tag... wo sie hinwandern, hinfliegen, wo sie sich ausruhen und einander küssen... 10.8.2011: Wachheit muß man sich erschlafen. 9.8.2011: Nicht nur abends mit den Gedanken tanzen gehen. 8.8.2011: Der Mensch, ein Varieté der Illusionen. 7.8.2011: Erhöhter Herzschlag, Trampolin der Liebe. 6.8.2011: Die verheißenen Stunden heben sich aus dem Traum, und zwischen Schleiern aus Nebeln tauchen abstrakte Blüten auf und küssen Farben ins Licht des Tages hinein. 5.8.2011: Der Himmel reißt auf, und das Himmelbett erscheint in umschmeißendem Licht. 4.8.2011: Die Wege wogen dir entgegen, und je weiter weg du gehst, desto näher kommst du dir. 3.8.2011: Sie tauchte auf wie das Pronomen für die Liebe schlechthin. 2.8.2011: Naturkosmetik. Sie schminkt sich mit Morgenröte, und als Lidschatten nimmt sie Himmelblau. 1.8.2011: Gedanken, diese Seifenblasen des inneren Seifentopfs. 31.7.2011: Sie schlief in einem stockfinsteren Zimmer, und in ihren Träumen war es taghell. 30.7.2011: Die in Wasser gekleidete Frau entsteigt den schäumenden Fluten und läßt ihr Kleid zurück. 29.7.2011: Lesen, in der Allee aus Licht spazieren und den Herzschlag des Tages fühlen. 28.7.2011: Auf alten Photographien sieht die Vergangenheit dich an und erschrickt über dein heutiges Gesicht. 27.7.2011: Diesseits der Liebe blühen die Blumen der Sehnsucht, und inmitten der Liebe reißt ein Sturm sie heraus und trägt sie weithin über das Land. 26.7.2011: Im Sommer sind wir die Tage, werden fließend, verschwimmen im See, die Zeit wird träumerisch und vergißt uns allesamt. 25.7.2011: Menschen in Moll gehen in einer Dur-Landschaft spazieren. 24.7.2011: Natalia Lisboa: „Die leichte Brise der Melancholie erfrischt deinen sommerlichen Geist.“ 23.7.2011: Diese gesalzten Menschen, die an der Meeresküste leben, mit ihren salzigen Augen, ihren salzigen Worten und ihren salzigen Lippen. 22.7.2011: Sie las immer auch das Kleingedruckte des Tags, nicht nur die Überschriften und die Hauptsachen, las nicht nur von Sonne und Mond, von Wolken und Regenbogen. Sie las auch von der Ameise, die über die Stirn ihres im Garten schlafenden Kindes lief, abrutschte und hinab in den Blütenkelch eines Gänseblümchens fiel. 21.7.2011: Wind, Massage für die Bäume. 20.7.2011: Natalia Lisboa: „So viele Augen siehst du jeden Tag, so viele Seen, die von Träumen, Sehnsüchten und Liebe glitzern.“ 19.7.2011: Die Meeresküste, der Rocksaum der Ewigkeit. 18.7.2011: Die Wörter wehen wie der Wind, sie wohnen nicht, sind selber Wohnung, in diese darfst du ziehen, in dieser kannst du leben, überall und allezeit. 17.7.2011: Natalia Lisboa: „Mach beim Wandern keinen Umweg um den See, sondern durchschwimme ihn!“ 16.7.2011: Obwohl Goethe kein Musiker war und von Tuten und Blasen und jeglichem Klimbim praktisch keine Ahnung hatte, war er doch in seiner geschriebenen Sprache einer der musikalischsten Melodiker der deutschen Literatur. 15.7.2011: Eine Handvoll Steine vom Weg pflücken und sie mit den Augen verschmausen. 14.7.2011: Wolken, diese Wasserlasser. 13.7.2011: Schwäne liegen in den sanften Wellentälern und schaukeln. 12.7.2011: Natalia Lisboa: „Im Juli und August halte ich Sommerschlaf, wache erst im September wieder auf.“ 11.7.2011: Jeder Tag ein Vers in einem lebenslangen Gedicht, zwischen den Zeilen flackern Träume. 10.7.2011: Vom Ufer des Schattens aus sprang sie in den See des Lichts und schwamm eine gleißende Runde; zurück im Schatten, tropfte das Licht von ihr ab. 9.7.2011: Der Schatten, in den du im Sommer flüchtest, ist eine natürliche Datscha ohne Außenwände. 8.7.2011: Sie befreit sich vom Wetter, erklärt sich unabhängig von ihm und ruft den heiteren Sonntagsstaat aus, in dem sie auch im Prasselregen gelassen vor die Türe geht. 7.7.2011: Der Meeresarm umarmt dich, der Meerbusen nährt dich, das Licht der Lagune schimmert am Abend, am Morgen, die Wellen gehen durch deine Träume, und mit Liebe wird das Leben logisch. 6.7.2011: Zwischen Schlaf und Tag balancierst du auf der luftigen Hängebrücke des Traums. Wenn sie reißt und der Abgrund dich aufnimmt und verschlingt, erwachst du gleichwohl, auf unerklärliche Weise, unversehrt in den weichen Kissen deines Federbetts und darfst mit Erleichterung und Grausen in den Abgrund zurückblicken, der dich doch nicht wollte und dich wieder ins Licht hinauf ausgespuckt hat. 5.7.2011: Die Welt wäre ein friedlicherer Ort, wenn Politiker, Manager und Militärs im Pyjama zur Arbeit kämen. 4.7.2011: Menschenkehrer. Auf der Straße sich in sich kehren und in sich gekehrt des Weges ziehen. 3.7.2011: Jeder Tag eine Insel, die Sehnsucht verführt dich zu gehen: den ungewohnten Weg an der tosenden Gassenküste. 2.7.2011: Die Wolken füttern die Felder mit Regentropfen. 1.7.2011: Im Sommer gilt die Meereszeit, in ihr gehst du baden, die Stunden verschwimmen, die Tage fahren zur See. 30.6.2011: Sie war todmüde, doch ihre Lust, zu schreiben, war so groß, daß sie, am Schreibtisch einschlafend, noch im Schlaf weiterschrieb. 29.6.2011: In ihrem drängenden Versuch, eine existentielle Gelassenheit zu erlangen, wirkte sie höchst ungelassen. 28.6.2011: Jeden Tag lichtwärts fallen ins schwebende Dunkel der Liebe. 27.6.2011: Ein Lächeln zart, wie die Welle, die die Möwe liebt. 26.6.2011: Eine Liebe, die man zurückläßt, behält das abreisende Herz für sich. 25.6.2011: In der ausweglosen Situation die Ausweglosigkeit als den wahren Weg erkennen. 24.6.2011: Sie versalzte das Lob, sie übertrieb, und ihm schmeckte es nicht mehr. 23.6.2011: Die Wunden, die das Leben schlägt, mit Liebe verherzen. 22.6.2011: Am Meer den Seelentand wegspülen, reiner Sand, der übrig bleibt. 21.6.2011: Ich möchte mich in deine Gesangswellen stürzen. 20.6.2011: Im Park des Meeresrauschens die Sprache der Liebe hören, verstehen, sprechen und singen. 19.6.2011: In den Gärten aus Regen lustwandeln. 18.6.2011: Sich die Wolkendecke über den Kopf ziehen, sich unter ihr geschützt und zuhause fühlen. 17.6.2011: Sich nach der Winduhr richten; immer wenn der Baum rauscht, rückt der Zeiger weiter (und du schaust auf). 16.6.2011: Das Haus verlassen und einem Fremden über den Weg laufen – sich selbst. 15.6.2011: Egal, in welche Richtung sie spaziert, sie spaziert immer in der Form eines Violinschlüssels. 14.6.2011: Gedichte pflanzen, eine Gedichtewiese, bunt und duftend, herzstärkend. 13.6.2011: Morgens von den Klippen des Schlafs in die Fluten des Lichts stürzen. 12.6.2011: Am heiteren Strand der Lichtwellen luftbaden. 11.6.11: Das Meer hat einen erzieherischen Einfluß. 10.6.2011: Traumverregnet stand sie auf und ging an die Sonne. Die Sonne wischte die Träume sanft beiseite. 9.6.2011: Natalia Lisboa: „Gleich nach dem viel zu frühen Aufstehen schlüpfen wenigstens die Füßchen wieder in ein feines Fußbett.“ 8.6.2011: Er nennt seine Sätze nicht Sätze, sondern Gänge, denn er schreibt nicht im Sitzen, sondern im Gehen. 7.6.2011: Die Sonne verschwindet hinter einer Wolke wie ein Mensch hinter einem Busch. Beide erscheinen wieder. 6.6.2011: Morgens in die Sonne blinzeln, und die Sonne blinzelt zurück. 5.6.2011: Natalia Lisboa: „Das verlorene Kind, auf der Bordsteinkante sitzend, sagte: Menschen wie mich muß es auch geben.“ 4.6.2011: Grabsteine, die Personalausweise der Toten. 3.6.2011: Verwandle den Tag in eine Frucht, sie fällt dir abends von selbst in den Schoß. 2.6.2011: Diese sonnenwasserfeinen Tage, die verschwimmen und dich verschlingen, nur zuhause, im Schatten, tauchst du auf. 1.6.2011: Kannst du dich noch verirren, so berechtigst du zu den größten Hoffnungen. 31.5.2011: Die Küche ist im Grunde ein Teil des Bauches. 30.5.2011: Die brandenden Meereswellen massieren den Sand deiner Seele. 29.5.2011: Wort für Wort eine Oase in der Wüste erschreiben. 28.5.2011: Das weiche Licht des Morgens spült dir Leichtigkeit ins Herz und macht dir Beine, zum Springen und Schwingen gut. 27.5.2011: Einmal am Tag das Zimmer des eigenen Geistes aufräumen. 26.5.2011: Jeden Morgen der Aufbruch, die erneute Suche nach dem Anfang der Welt. 25.5.2011: Der morgendliche Sonnenstrahl, der ins Zimmer fällt: ein Defibrillator für die Seele. 24.5.2011: Natalia Lisboa: „Notizen schreiben wie der Wind. Sich auf nichts einlassen außer auf das Spiel des Lebens.“ 23.5.2011: Nur wer sich Zeit läßt, ist auf der Höhe der Zeit. 22.5.2011: Am Sonntag zwischen schwebenden Sternen im See verschwimmen, und am Montag im reißenden Fluß erwachen. 21.5.2011: In Wohngebieten der ewige Rasenmäherkrieg. Der Rasenmäherfrieden bleibt eine Utopie. 20.5.2011: Stille ist die Hängematte der Seele. 19.5.2011: Was ist das morgendliche Kaffeeschlürfen anderes als eine Wiedergeburtsmeditation? 18.5.2011: Morgens in der Gewißheit erwachen, daß auch dieser Tag Augenblicke unvergeßlicher Schönheit gebären wird. 17.5.2011: Konzentriere dich. – Worauf? – Auf das Leben. 16.5.2011: Jede Nacht ein See, in den du am Abend eintauchst; jeder Tag eine Insel aus Licht, an deren Ufer du morgens strandest. 15.5.2011: Sie ist fliederspirituell. „Meine Spiritualität ist die Fliederspiritualität. Jedes Frühjahr, wenn der Flieder blüht, ist es um mich geschehen. In der restlichen Zeit des Jahres erhole ich mich.“ 14.5.2011: Die Weichheit der Wellen, die ihre Worte waren, berührte mich und löste alle Härte auf, die in mir war und nur darauf gewartet hatte, als Schaum zu stranden. 13.5.2011: Natalia Lisboa kritzelt: „Ich muß nicht auf andere Gedanken kommen, ich habe andere Gedanken.“ 12.5.2011: Die Nacht ist ein gähnender Schlund, in ihm entschwinden die Müden. 11.5.2011: Was erfüllt mich heute? Das Licht, das aus allen Himmeln gießt... 10.5.2011: Ihre von der Sonne geleitete Gesinnung beeinflußt die Passanten, sie gehen langsamer weiter, in einer mäandernden Form, ja sie tanzen über die Straße. 9.5.2011: Der warme Wind rast über den See, sät im Spiegel glitzernde Sterne und bläst am Ufer im spitzblättrigen Schilf, während junge Frauen elegisch und innerlich schwebend ins Wasser springen. 8.5.2011: Sie konnte nicht gehen oder schlendern, sie tanzte von hier nach da, von da nach dort und zurück und immer weiter. Auch im Schwimmbad schaffte sie nie auch nur eine einzige Bahn, sondern sie tänzelte kreuz und quer durchs Becken. 7.5.2011: Du mußt die Tage ausführlich und exakt mitgehen, sonst zerbröselt das Leben. 6.5.2011: Heimweh hat wahrscheinlich jeder, Heimweh nach einem Duft, einem Du, einer Stadt, einer Liebe, einer Zeit... Heimwehgesund tauchen und schwimmen die Menschen durch die schillernden Tage. 5.5.2011: Den guten, zarten Weg durchs Gebirge des Alltags gehen. 4.5.2011: Letzten Sommer, an einem wolkenlosen Tag, die Türen standen offen und der Wind rauschte in den Bäumen, hatten wir überraschenden Besuch. Eine Herde Schafe kam durch den Garten, die wollenen Tiere strömten über die Terrasse zu uns herein und zogen, nach einer kurzen Wohnungsbesichtigung, durch die Haustür wieder ab auf die angrenzenden Felder. 3.5.2011: In der goldenen Innenwelt, im unantastbaren Morgen, Himmelsdienst feiern und wolkenzart verschweben. 2.5.2011: „Gehst du?“ – „Ja, aber ich weiß nicht wohin.“ – „Oh, dann komme ich mit.“ 1.5.2011: Sie sagt: Das Geld und ich sind ein gutes Paar. Wir lieben es, auszugehen. 30.4.2011: Jeden Abend um acht Uhr ist für sie Tagesschauzeit. Sie setzt sich aufs Sofa oder im Garten auf einen Stein und betrachtet den Tag. Was ist heute geschehen? Habe ich richtig gehandelt, bin ich gut im Trödeln gewesen? Welche Fehler habe ich gemacht? Wem gegenüber habe ich mich unschön verhalten? – An manchen Tagen, an denen irgendetwas unerhörtes passiert, schließt sich an ihre Tagesschau noch ein Brennpunkt an. Hierbei denkt sie über dieses Unerhörte eigens und intensiv nach. 29.4.2011: Jeden Tag so lange schwimmen, bis man liebenswürdig wird, für sich und für andere. 28.4.2011: Das Bild des eigenen Lebens sollte ein täglicher Genuß sein. 27.4.2011: Wenn die Flut kommt im Innern, alles stehen und liegen lassen und dicht am Strand gehen. Im Seetang, der ans Ufer schwimmt, Bernstein finden. 26.4.2011: Unter dem blausten Himmel rascheln Bäume mit tausend Handvoll Sonnenlicht. 25.4.2011: Der Junge träumte, ein Fußballer zu werden, der seinen Stiefel herunterspielt. Überhaupt wollte er ein Erwachsener werden, der alles herunterspielt und sich zu keinster Zeit aufspielt. Ein Herunterspieler, so sah er sich in Zukunft. 24.4.2011: Enfants terribles sind eigentlich die meisten Erwachsenen. 23.4.2011: Der Wind blättert in den Bäumen, in diesen jedes Frühjahr neu erscheinenden Gesangsbüchern. 22.4.2011: Das Blättermeer flutet aus den Bäumen in die Stadt herein, sein Rauschen schwillt an, die Wellen rollen durch die Straßen und umrauschen die Felsklippen der Häuser. 21.4.2011: Gedankenblätter leuchten in der liebenden Sonne. 20.4.2011: Jetzt, im warmen, hellen Jahr, endlich wieder in den Schatten treten, ins Clair-obscur des Lebens. 19.4.2011: In der Stille, von selbst, erwachen, auftauchen aus einem See aus weißen Federn. 18.4.2011: Jede Nacht umziehen, geräuschlos, ohne zu gehen, schlafend, und am Morgen in einer anderen Wohnung, in einem anderen Tag erwachen. 17.4.2011: Sie wechselte die Wohnung, sie wechselte die Kleider, sie wechselte die Sprache, sie wechselte sich aus. 16.4.2011: Augen, licht und zart, versunken im Anblick des duftenden Meers und seiner unendlichen goldenen Wellen. 15.4.2011: Aber jede Zeile, inmitten des Tages, redet von Sehnsucht, atmet die Liebe und träumt von jenem Gestade, an dem Endliches und Unendliches sich verschlingen. 14.4.2011: Wie morgens, auch tagsüber erwachen, zu sich kommen. 13.4.2011: Lena Lisboa: „Heute den ersten Baumblätterschatten gesehen.“ 12.4.2011: Dichter / Wortscheinwerfer. 11.4.2011: Mäandern, menschlichste Bewegung. 10.4.2011: Der glitzernde See hypnotisiert die Frau, die in seinen Wimpern spazieren geht. 9.4.2011: Wenn man schlafen geht, tritt man ins innere Kino ein. Während des Einschlafens schwindet das Licht im Saal. Man hat zuvor nicht erfahren, welche Art Film man sehen wird, eine Komödie, eine Tragödie, einen Horrorfilm; man weiß nur, daß man wahrscheinlich wieder eine herausragende Rolle übernehmen wird, die man dann allerdings, in der Regel, nicht durchschauen kann. 8.4.2011: Jeden Tag bis ins Niemandsland gehn, nur in ihm zuhause sein. 7.4.2011: Jeden Morgen in das Wasser des Traums springen. 6.4.2011: Das nachtmüde Kind sprang aus dem Bett und flog dem offenen Tag in die Arme. 5.4.2011: Meditieren, atmen in einer fremden Sprache, die nichts bedeutet und alles sagt. 4.4.2011: Jeden Tag der rituelle Weg zum Schrein der heiligen Kaffeemaschine, in der der Sud des Guten Morgens gebraut wird. 3.4.2011: Freiheit ist Musik, beginnt mit dem „Auf etwas pfeifen“. 2.4.2011: Frühling und Sonne: Wandel. Seifenblasen steigen auf. Jeder Tag ist der Vortag eines Versprechens, das sich erfüllt. Der Gesang wird nicht nachlassen, er wird aus dem Atem eines schlafenden Sees im Frühlicht neu erklingen. 1.4.2011: Kindheit, das ist wie Butterbrot und Schulhofspiele. 31.3.2011 [5 Jahre „Spiele“]: Frau und Mann sehen sich an, sehen sich ins Gesicht, sehen ein Gedicht, interpretieren sich, verlieren sich, und am Ende bleiben Fragmente. 30.3.2011: Carl Apfelschnitz kritzelt: „Stadtmensch, Landmensch, Meermensch, Flußmensch, Seemensch, Luftmensch, Bergmensch, Talmensch, Eismensch, Schneemensch, Sandmensch, Waldmensch, Grasmensch, Weltmensch, Urmensch, Unmensch... Menschenskind, was kann der Mensch nicht alles sein!“ 29.3.2011: Lena Lisboa: „Auch Tage können schweigen, man muß nur ruhig sein wie ein Reh, um es zu hören.“ 28.3.2011: Aus dem rieselnden Sand der Sanduhr eine Skulptur formen, die die Zeit überdauert. 27.3.2011: „Kannst du mir helfen?“ – „Ja, aber nur, wenn du dir selber hilfst.“ 26.3.2011: Das Erwachen am Morgen gehört zu den kleinen Ironien des Lebens. 25.3.2011: Tage vergehen, damit du immer einen neuen hast, neu anzufangen. 24.3.2011: Die Insel leuchtet in der warmen Abendsonne. Im italienischen Nachbargarten kicken kleine Jungs, und die Musik des Lebens spielt ewig weiter. 23.3.2011: Wehmut – eines dieser unersetzlichen deutschen Einwortgedichte. 22.3.2011: Schon der Anblick eines Flusses kann reinigen. 21.3.2011: Natalia Lisboa: „Ich liebe die Freundlichkeit des Frühlings, und alles andere ist mir egal!“ 20.3.2011: Jeden Sonntag gibt die Pianistin sich selbst ein Konzert. Für sie ist das ein Symbol des Lebens: sich selbst ein Konzert geben. 19.3.2011: Sie besucht täglich den Kiosk, in dem es nur veraltete Tageszeitungen gibt. Beim Blättern in diesen Blättern versinkt sie jedes Mal in einer gleichsam meditativen Ruhe, sie schläft ein. 18.3.2011: Carl Apfelschnitz: „Jeden Tag den eigenen Saustall verlassen und eine Augenweide finden.“ 17.3.2011: Die beflügelnde Eleganz des grauen Himmels. 16.3.2011: Auf dem Weg sein, im Hotel des Lebens, gebucht schon vor der Geburt, im Moment der Zeugung. 15.3.2011: Lena Lisboa: „Mein Ideal? Ein komischer Kauz sein, komisch-zart und weise, warum nicht?“ 14.3.2011: Die verschlungenen Gedanken wie die klugen Schlangen beschwören. 13.3.2011: Die Lichtung spüren im Wasserwald der Dusche. 12.3.2011: Das alte Paar ging jeden Nachmittag ins Kaufhaus und fuhr eine Stunde lang Rolltreppe. Das war seine Art zu flanieren. 11.3.2011: Der Frühling sendet per Einschreiben Tauwinde; sie wiederbeleben den zugefrorenen Geist des Empfängers. 10.3.2011: Im Grunde sind die Menschen Geigen, ungleich gebaute, und die Zeit, dieser Geigenbogen schlechthin, mag eine Weile jede Geige streichen und überhaupt verstreichen und am Ende der Reigen das Leben vergeigen. 9.3.2011: Nachts mitten im Konzert der Sterne einschlafen. 8.3.2011: Träume, die Boulevardzeitungen der Seele. 7.3.2011: Die Augen, jetzt, im Frühling, verjüngen sich und werden zärtlich. 6.3.2011: Für manch einen ist das Tirili der Vögel, das ihn morgens aus dem Schlaf singt, Kaffee für die Seele. 5.3.2011: Die beiläufigen Sätze sinds, die in ihrer Leichtigkeit, ihrer schwingenden Ironie die Maschine des Lebens ankurbeln. 4.3.2011: Der Vorteil des Sommers – daß man sich tagsüber, weit entfernt von zuhause, erschöpft auf irgendeiner Wiese schlafen legen kann. 3.3.2011: Natalia Lisboa: „Es ist ein unheimlicher Umzug, jedes Jahr, der Wiedereinzug des Frühlings in die Herzen der Menschen.“ 2.3.2011: Die heutigen Bildhauerateliers sind die Fitneßstudios. In ihnen schlagen schwitzende Bildhauer lebende Skulpturen aus dem eigenen Fett heraus. 1.3.2011: Sich auf frischer Tat ertappen, jeden Tag, bei der Überwindung der Schwerkraft. 28.2.2011: Innig sein, in sich, egal ob man zuhause weilt oder außer Haus in Gesellschaft. 27.2.2011: Hinausgehen und das aus den Augen verlorene mit den Augen wiederfinden. 26.2.2011: Aus den Lichtfäden des Tages ein Frühlingslied spinnen. 25.2.2011: Der Reisende interessierte sich nicht für Landkarten, er orientierte sich anhand von Weinkarten und fuhr damit gut. 24.2.2011: Die zarten Brücken, die zwei Menschen zwischen sich mit Worten errichten, Brücken, die beim Auseinandergehen zu Nichts zerfallen und in der unhörbaren Erinnerung, ihrem lichten Schein doch bleiben und den Fluß der Zeit überwölben. 23.2.2011: Natalia Lisboa: „Wann hast du das letzte mal bis tausend gezählt, als Kind hast du das doch immer getan?“ 22.2.2011: Natalia Lisboa: „Das Ziel: heitere Traurigkeit.“ 21.2.2011: Natalia Lisboa: „Was fange ich heute ein? Den Windkuß an der Hausecke? Die rüschchenhaften Schneeflocken auf dem Feld? Das Wimmern des eingesperrten Nachbarhundes? Den durch die Wolken brechenden Sonnenstrahl? Das Zwitschern der Amsel in der Dämmerung? Die schlafende Messefrau in der U-Bahn? Das auf dem Barhocker thronende silberne Kätzchen?“ 20.2.2011: Der kaum erforschte Dschungel im Kopf, der vielleicht, im Grunde, unerforschliche, in dem große Flüsse still mäandern, seine Lebensadern. Gedanken erheben sich wie Papageien zum lichten Flug, schweben im Kreis und tauchen wieder unter ins undurchdringliche Blätterwerk. 19.2.2011: Was ist Küssen anderes als ein Gedicht auf die Lippen eines geliebten Menschen schreiben? 18.2.2011: Der Tag bricht an, sobald am Horizont die Kaffeesonne erscheint. 17.2.2011: Mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen schweben. 16.2.2011: In einer Stunde die Einstellung zum Leben so ändern, daß man sich im Spiegel nicht wiedererkennt. 15.2.2011: Sie will nicht mit der Zeit gehen, selbst ihre Spaziergänge unternimmt sie gegen den Uhrzeigersinn. 14.2.2011: Die großen Bibliotheken haben wie große Badehallen eine eigene Sphäre, in der unbeschlossene Gesetze spürbar sind. Die weit gestaffelte Landschaft der Arbeitstische und Rechercheplätze, die geschwängerte Stille der Lesenden und Schreibenden, die Millionen Bücher um einen her, die wie mesopotamische Mauern die Stadt des Geistes schützen und prägen. 13.2.2011: Wenigstens einmal am Tag seine Gedanken kämmen. 12.2.2011: Natalia Lisboa schreibt: „Das meiste Chaos im Universum findet sich auf der Erde – auf meinem Schreibtisch.“ 11.02.2011: Es ändert vieles, wenn du vom Arbeitszimmer aus einen Fluß siehst. 10.2.2011: Am Abend das Gefühl, den ganzen Tag nur schlafgewandelt zu sein. 9.2.2011: Jeder Tag ist eine Welle im Meer des Seins, und du selbst bist nicht mehr als eine Schaumkrone, die vergeht. 8.2.2011: Die Sonne, Milchstraßenlampe. 7.2.2011: Regentropfen, die schönsten Perlen. Sie fallen auch vor die Säue. 6.2.2011: Auf der Türschwelle den Wind der Erzählung spüren und mit ausgebreiteten Schwingen abheben und wegfliegen. 5.2.2011: Außer sich sein, an einem unheimlichen Ort. Lieber in sich gehen, spazieren in der Landschaft der Gedanken. 4.2.2011: Der Schlaf ist das Himmelreich der Müden. 3.2.2011: Sie ist überzeugt, daß man Philosophie nur singen könne. 2.2.2011: Die gealterten Barrikadenkämpfer versammeln sich im Gewölbe vor den Barriquefässern und rufen mit träumerischen Augen und erhobenem Glas: „Es lebe die Revolution!“ 1.2.2011: Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens den Leichtsinn finden. 31.1.2011: Morgens das Fenster öffnen und das Weltradio hören. 30.1.2011: Reisen und in der Fremde mit sich Bekanntschaft machen. 29.1.2011: Eine Form von Großzügigkeit – sich seine Fehler vergeben. 28.1.2011: Was die Leute auf der Straße oder zuhause einander erzählen, ist Teil ihrer Autobiophonie. 27.1.2011: Das Apartmenthaus – ein Bienenstock, in der Früh summt jeder hinaus auf der Suche nach Blumen. 26.1.2011: In gewöhnlichen Straßen finden sich nirgendwo Sitzbänke. Nur auf Plätzen, in Parks, auf Promenaden stehen welche und laden ein. Aber sollte nicht auch in einer alltäglichen Straße hin und wieder ein Sitzbänkchen am Platze sein? 25.1.2011: Nachts, eingebettet in tausende von Federn, schwirren die Träume unruhig durchs Haus. 24.1.2011: Du bist der Vogel, fliege. 23.1.2011: Man soll sich über den Schmu nicht ärgern, der einem überall widerfährt; die Welt ist nun mal nicht von Weisen erbaut und auch nicht von Weisen bevölkert. 22.1.2011: Wandern von Wort zu Wort jeden Tag. In jedem Wort weilen, ein Wortkundiger werden. Das Wort verlassen und über die wortlosen Felder streifen. Nach der unbeschreiblichen Zeit im Wortlosen wieder ein Ziel haben, streben nach einem am Horizont erschienenen Wort. 21.1.2011: Ohne Lachen hat alles keinen Sinn. 20.1.2011: Küssen, nahmündlich plaudern. 19.1.2011: Sich im Schaumbad der Phantasie rekeln. 18.1.2011: Zärtliches, die Wogen hell, unbedenklich verloren in den Sternen weit und reich. 17.1.2011: Essen ist letztlich eine heilige Handlung. In fröhlicher Gesellschaft, und sei es die eigene, am schönsten. 16.1.2011: Sich mit einem Schal aus Gedankenseide wärmen. 15.1.2011: Winter, an künstlichen Lichtspielen reich; Sommer, Reich natürlicher Schattenspiele. 14.1.2011: Früher oder später geht jeder fremd, wird jeder seinen Träumen und Idealen untreu. 13.1.2011: Wer denkt sich die Drehbücher der Träume aus? Ist der Werauchimmer zurechnungsfähig? 12.1.2011: Sobald die Tage wieder spürbar länger werden, kann einem nichts mehr passieren. 11.1.11: Tausend Wege zum Kommunismus, zum Friedhof, dem Reich seiner Vollendung. 10.1.2011: Das eigene Denken, der verschlungene Garten, den jeder im Idealfall täglich pflegt, auch im Winter. 9.1.2011: Im Zug unter Avatar-Sklaven; sie sind an aufgeklappte Rechner verkabelt, verstöpselt, ihre Gesichter vom strahlenden Schirm magnetisiert, dem Unmittelbaren geraubt. In der Tür erscheint ein Mädchen, im Schlepptau ein Pferd. Mädchen und Pferd wandern den Gang hinunter und verschwinden im Speisewagen. 8.1.2011: Wenn in einem freundlichen Buch nur ein guter Gedanke steckt, wie ein Diamant im Erdreich, nur wertvoller und schöner, als ein Diamant je sein könnte, dann hat sich die Leserei schon gerechtfertigt. 7.1.2011: Im Winter, nach frisch gefallenem Schnee, die Pfade neu trampeln. 6.1.2011: Das Heim finden, in dem dich nichts heimsucht. 5.1.2011: Schwierigster Versuch: wenigstens einen Tag lang auf jedes dumme Wort verzichten. 4.1.2011: Leben ist der Rhythmus von ineinander und auseinander. 3.1.2011: Auf der Straße im Schneesturm schwärmen. 2.1.2011: Carl Apfelschnitz notiert: „Manche sind zu vornehm, um sich mit sich zu beschäftigen.“ 1.1.11: Erzittern unter dem großen Brausen der Liebe. 31.12.2010: Kaffee, der Monarch des Morgens. Er entläßt niemanden, der ihn nicht zuvor gekocht und getrunken hat. 30.12.2010: Eine entwaffnende Redeform sollte man sich angewöhnen. – Und warum tust du es nicht? – Ich bin dabei. 29.12.2010: Auch das Gespräch mit der Bäckerin, wenn es gut geht, wird ein Liebeswechselgesang sein, ebenso das mit dem Schaffner, der Verkäuferin, dem Gärtner, wie überhaupt jede Zwiesprache. 28.12.2010: Niemandem etwas vorwerfen, nichts bereuen (zwei Quellen der Weisheit). 27.12.2010: Die Blablaisten aller Länder sind vereinigt und vertreten überall ihre elende Ideologie, den Blablaismus. 26.12.2010: Würde man die Weihnachtsfeierlichkeiten abschaffen, gäbe es weniger Streß, weniger Streit und weniger Unfälle. Folglich gäbe es mehr Besinnlichkeit, mehr Frieden und weniger Tote und Verletzte. Folglich ist es unvernünftig und paradoxerweise unchristlich, die Weihnachtsfeierlichkeiten nicht abzuschaffen. 25.12.2010: Ihre Träume spielen auf ihrer Seele Klavier. 24.12.2010: In einer Biographie über ein Schaf steht geschrieben, es sei in wohlbehüteten Verhältnissen aufgewachsen. 23.12.2010: Die Küche ist nicht unbedingt der Ort des guten Geschmacks. 22.12.2010: Vielleicht sollten Eltern, zumindest eine Zeitlang, ihre kleinen Kinder siezen, aus Respekt vor diesen geborenen Persönlichkeiten. 21.12.2010: Bei Vollmond am Fenster den wandernden Schatten des Baumes beobachten. Es gibt wie Sonnenuhren auch Monduhren. 20.12.2010: Der gelungene Schlaf ist ein unmerkliches Schweben von einem versinkenden Tag hinüber in eine neu auftauchende Welt. 19.12.2010: Morgens verschlafen, nach heftigem Traumschneetreiben verspätete Landung auf dem Flughafen des Tages. 18.12.2010: Jeden Morgen, beim Erwachen, die Renaissance des eigenen Lebens. 17.12.2010: Die Gedanken eines Menschen sind so willkürlich, chaotisch und unvorhersehbar wie das Wetter. 16.12.2010: Schlaf – unbehelligte Zeit. 15.12.2010: Schneeflocken, die Flausen des Winters. 14.12.2010: Ein Satz schimmert wie eine Libelle, durch den Garten der Träume fliegend. 13.12.2010: Eine Autobiographie, einen Lebenswetterbericht schreiben. 12.12.2010: Jeder Tag ein Stein, das Leben ein Gebirge, zerklüftet. 11.12.2010: Jeder Tag ist eine originale Symphonie, ihre Aufführung, ohne Dirigent, dauert vierundzwanzig Stunden. 10.12.2010: Die Amsel schwebt durchs Fenster herein und klagt: „Der Tag verfliegt zu schnell, unfaßbar, unerhaschbar.“ 9.12.2010: Wo wohnst du? – Ich gebe dir meine Anschrift, sagte sie und schrieb ein Gedicht. 8.12.2010: Atem schöpfen als wäre der Mund eine Schöpfkelle. 7.12.2010: Sie kam von Träumen unbehelligt durch die Nacht und erwachte bildlos im neuen Tag. 6.12.2010: Wieviele Männer verbringen Stunden, ja Tage, wenn nicht Wochen ihres Lebens mit dem Studium von Sporttabellen! 5.12.2010: Das Leben, diese Spieluhr, ihre Zeiger rücken immer und sind immer schon verrückt. 4.12.2010: Wenn man sich begegnet, begegnet man einem Ausländer mit vorübergehender Aufenthaltserlaubnis, sie gilt für das Inland des Lebens. 3.12.2010: Wenn man zu schnell oder zu langsam geht, kommt man nie zu sich. 2.12.2010: Du wirst jeden Morgen neu geboren. Du kehrst aus der Umlaufbahn des schwerelosen Tiefschlafs zur Erde zurück. Luftige Träume entzünden sich beim Eintauchen des Raumschiffs in die Erdatmosphäre. Gelandet, findest du dich in einem weißen Ozean wieder. Schlaftrunken orientierst du dich neu. 1.12.2010: Jeden Tag am Patchworkmosaik des eigenen Lebens arbeiten. 30.11.2010: Ein Inbild, manchmal zu sehen, der Liebe: Zwei, die sich schonen, sich trösten. 29.11.2010: Ernst Schneewall: „Erst Schneefall, dann Schneeball.“ 28.11.2010: Die hoffnungslose Begeisterung der Tochter trieb der Mutter die Tränen in die Augen, und sie sank lächelnd auf den Divan nieder. 27.11.2010: Im Wolkenschloß den Tag verträumen, heiter. 26.11.2010: Wie gehts dir? – Bestens, ich bin rundum unglücklich. 25.11.2010: Du weißt nicht, in welcher Asservatenkammer deine Flügel liegen, du weißt nicht einmal, daß du Flügel hast, die in einer Asservatenkammer liegen und von den freien Lüften träumen. 24.11.2010: Ohne Sicherung, nur mit den Augen die Wolkenberge besteigen. 23.11.2010: Im Traum das finden, was man am Tag vergeblich gesucht hat. 22.11.2010: Und die Sehnsucht wohnt jetzt in den Wolken, die, von der Sonne angeschminkt, über allen Gipfeln schweben. Die Menschen aber richten sich im Innern ein. 21.11.2010: Im Traum Kaffee trinken und davon aufwachen. 20.11.2010: Carl Apfelschnitz: „Der November in seiner Düsternis macht mich trunken.“ 19.11.2010: In den Träumen wie in den schäumenden Wellen des Meeres baden gehen. 18.11.2010: Sie entflieht der überfüllten U-Bahn und atmet auf, als in der Seitenstraße ein kalter Regen sie bis auf die Knochen blamiert. 17.11.2010: Kunst werden ist menschlich. 16.11.2010: Selbst wenn ich mich schlecht fühle, bleibe ich doch ein Teil der Erd- und Weltgeschichte, und die Erinnerung an diese Tatsache kann mein schlechtes Gefühl im Nu auflösen und ins angenehm Lustvolle und Abenteuerlustige verwandeln. 15.11.2010: Der November, gewiß der feinste Monat des Jahres. Er umgrenzt wie keiner sonst eine authentisch besinnliche Zeit. Die Welt offenbart sich düster und nackt, als wäre sie ein Bühnenbild von Beckett, und wirft den Menschen zurück auf sich selbst. 14.11.2010: Unser Arbeitsgebiet ist das Leben. Überstunden werden nach Tarif entlohnt, in Form von Erfahrungen. 13.11.2010: Zwischen den Zeilen wachsen Rosen. 12.11.2010: Wer mit sich im unreinen ist, ist ganz bei sich. Mit sich im reinen ist man im Tod. 11.11.2010: Jedes Projekt abblasen und sich ganz dem Hier und Heute verschreiben. 10.11.2010: Die scheinende Sonne ruft die Menschen aus ihren Häusern heraus, und die Herausgerufenen staunen über die stumme Tänzerin am Himmel. 9.11.2010: Weich leuchtet das Meer, und die Träume verschwimmen wie Wolken, morgens. 8.11.2010: Die nimmermüden Bäche des Lebens sausen in dir, kreisen reihum, reißen dich mit. 7.11.2010: Das, woran er glaubte, war Kaffee. Kaffee brachte ihn jeden Morgen zurück ins Leben. 6.11.2010: Der Tagesofen im Winter, kaum ist er an, geht er wieder aus, und es ist zappenduster. 5.11.2010: Sie sind so aneinander gewöhnt, daß sie auch gleichzeitig gähnen und gleichzeitig mit den Wimpern klimpern. 4.11.2010: Siehst du das Geheimnis? – Welches Geheimnis? – Öffne die Augen. 3.11.2010: Die Linien des Tages nachzeichnen; als wäre der Tag ein abseits liegendes Flußland (und das ist er ja auch). 2.11.2010: Das Tagebuch ein existentieller Reisebericht, ein Logbuch des Lebens. Als wäre der Schreiber ein Nachfahre des Christoph K., der die Meere des gewöhnlichen Lebens durchpflügt und unter der Flagge der Hoffnung fährt. Der Hoffnung, die den Namen Indien trägt. Es erfüllt sich die Hoffnung nie, der Schreiber sucht vergeblich den Weg nach Indien. Er landet an unbekannten Küsten dafür, er begrüßt sie, überrascht zwar, doch freundlich bald. 1.11.2010: Der erdige Duft der im Wind laufenden Wiese und das Leuchten der Sonne, das auf den Grashalmen blitzt, erinnern sie daran, was sie im Leben sucht. Sie sucht nichts. Alles, was sie sich ersehnt, ist gehen, immer nur gehen. 31.10.2010: Natalia Lisboa: „Ich möchte keinen Leitstern, ich pfeife auf die Sterne, sie können mir gestohlen bleiben. Alles, was ich will, ist kochen, denken, reden, und alles zusammen: lieben.“ 30.10.2010: Geschwind wie der Wind trittst du ein, mein Kind, und deine Wange bringt der Berge roten Glanz. 29.10.2010: Die Katze aus dem Sack lassen – im Denken, Schreiben, Lieben – und Katzenjammermusik in jemandes Ohren sein. 28.10.2010: Die Tage tröpfeln in großen Tropfen vor mir hernieder. 27.10.2010: Die Wege sind gepflastert mit Blättern, Heimat, unvergänglich. 26.10.2010: Jeder Tag ist der Garten, in dem das Leben wächst. 25.10.2010: Jeder Tag ist die Straße, auf der das Leben promeniert. 24.10.2010: Jeder Tag ist der Platz, auf dem das Leben erscheint. 23.10.2010: Wange an Rosenwange beherzt und im Morgenrot den Tag beginnen. 22.10.2010: Im Schlaf wiegt man weniger. – Warum komme ich dann so schwer aus den Federn? 21.10.2010: Je länger einer über die medialen Felder spaziert, desto weiter entfernt er sich von den elysischen Feldern der Phantasie. 20.10.2010: Ein Zug mit zweitausendundzehn schlafenden Passagieren bleibt im Tunnel liegen, und alle wachen auf. 19.10.2010: Wer sieht, was das Leben bringt, steht morgens auf und singt; man weiß, viel ist es nicht; was bleibt, ist ein Gedicht. 18.10.2010: Die Wolken, behutsam schweben sie über der Stadt. 17.10.2010: Verloren in Unrast, verdampft die Zeit wie kochendes Wasser. 16.10.2010: Lea Odesa kritzelt ins Travel Book: „Der Sinn des Lebens besteht darin, sich jemanden anzulachen, jeden Tag, bis ans Ende aller Tage.“ 15.10.2010: Natalia Lisboa: „Wieso fliehen sie denn, die Stunden? Wollen sie nicht einmal stille stehn? Und sein wie ein See? Ich will mich im spiegelnden Wasser schminken und kämmen und meine Maske sehn.“ 14.10.2010: Ich, ein flüchtiger Spielball des Lebens. 13.10.2010: Sie blieb zurück, die Pionierin der Langsamkeit. 12.10.2010: So leben als wäre das Leben wie ein gesunder Schlaf – erholsam. 11.10.2010: Aufwachen, zu sich kommen: die unheimlichste Reise des Tages. 10.10.10: Im Haus des Lebens von Zeit zu Zeit den Raum wechseln. 9.10.2010: Tagwerk, Nachtwerk, Lebenswerk, immer wieder: den Anderen liebgewinnen (der einzige Gewinn, der zählt). 8.10.2010: Morgens wie ein neuer Phoenix aus der Asche des Schlafs verjüngt wieder aufstehen. Being reduced to the ashes of sleep, you arise each morning like a new and young Phoenix. 7.10.2010: Jeden Morgen, nach dem Frühstück, wird zunächst getanzt. In den U-Bahnen tanzen sie Tango. Vor den Banken tanzen etliche Manager solo und ziehen sich aus und springen in den Brunnen. Im Park tanzen fossile Gammler mit den Eichhörnchen. In der Bäckerei tanzt die Bäckersfrau und wirft mit Brezeln um sich. Vor dem Geschäft tanzen die Bäume Charleston. Überhaupt tanzt das ganze Universum einen endlosen Formationstanz. 6.10.2010: Den Geist, die Neuronenorgel, mit Laubfarben stimmen. 5.10.2010: Tags, an der Luft, werden alle Menschen Luftikusse. 4.10.2010: Nachts, im Bett, werden alle Menschen Bettler. 3.10.2010: Im herbstlichen Wald, in der Färberei. 2.10.2010: Die Bäume und die Frauen färben im Herbst ihre Haare. 1.10.2010: Das Gesicht, dieser Bildschirm der Seele. 30.9.2010: Das orangene Licht, das auf den Hügeln grast (jetzt, nach Sonnenaufgang, und jetzt, in der Erinnerung). 29.9.2010: Das beste Wort, das man in der Früh als erstes sagen kann, ist vielleicht tatsächlich „Guten Morgen!“ 28.9.2010: „Hast du den Sportteil?“ (Frühstückstischgesprächsfetzen) 27.9.2010: Wohin holpere ich heute? 26.9.2010: Aus der Küche kommt der Satz: Du kriegst heute nichts mehr gebacken. 25.9.2010: Natalia Lisboa: „Der Stift ist die Brücke deiner Sehnsucht, über sie gehst du zu den anderen Sehnsuchtsreichen.“ 24.9.2010: Egal, wo du bist, du mußt immer so leben, als wäre die Situation ideal. 23.9.2010: Blauer Himmel, duftende Thermik in den Holunderwäldern, das Licht wie frisch zerlaufene Butter, die Zöpfe der Mädchen semmelblond, die Salzluft von der Küste her streicht übers Gesicht wie eine zarte Hand, der Anblick des getäfelten Meers serviert den Glanz der Ewigkeit. 22.9.2010: Unglaublich viele, viel zu viele, halten Unhöflichkeit, offensichtlich, für eine Tugend. 21.9.2010: Gehen wir nun von der Tagesordnung zum Tageschaos über. 20.9.2010: Wege zart wie die Liebe, wie das Licht am stillen Morgen, im Wald, am Fluß, am Hang. 19.9.2010: Menschen sind doch Herumtöner. Den lieben langen Tag über stehen und gehen sie und tönen in der Gegend herum. 18.9.2010: Woran hältst du dich? – An mein Notizbuch. 17.9.2010: Wem verschenke ich mich heute? 16.9.2010: Ruhe, ich muß den Mond betrachten. 15.9.2010: Lena Lisboa: „Im frisch bezogenen Bett schlafen gehen, ist Glück.“ 14.9.2010: Unförmliche Gedanken werden förmlich in der Stille. 13.9.2010: Am Strand auf dem indischen Gesicht der Inderin dieses aufblitzende mineralische Lächeln. 12.9.2010: Ein Buch der Dämmerungen schreiben, und immer nur während der Morgendämmerung und der Abenddämmerung. 11.9.2010: Es scheint im Grunde fast bizarr zu sein, daß durch dieselbe Pforte, durch die man das Essen hineinschiebt, auch die menschliche Stimme heraus tönt, geflügelte Worte und fliegende Sätze, Fragmente und Lieder, chronisch wiederkehrende, der Liebe. 10.9.2010: Jedes menschliche Paar ist auch eine Art Fertighaus. Es läßt sich schnell zusammenbauen, aber auch schnell wieder abreißen. 9.9.2010: Am Ende des Lebens ist jeder ein mehr oder weniger beschriebenes Blatt. 8.9.2010: Jedes Gesicht, eine einmalige Skizze eines Menschen, die Natur zeichnet nach Lust und Laune, wischt am Ende die Tafel aus. 7.9.2010: Eine Zeile, und die Welt wird einen Deut zarter, wie von einer unscheinbaren Rehspur. 6.9.2010: Sich lösen von allem, um dann um so verwunschener und gelöster Anteil zu nehmen. 5.9.2010: Die Menschen, Helden in einem mal traumhaften, mal alptraumhaften Märchen. 4.9.2010: Lena: „Komisch, ich bin eigentlich ein ordentlicher Mensch, aber jedes Mal, wenn meine Mutter mich besuchen kommt, fragt sie, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe.“ 3.9.2010: Die Liebe höret nimmer auf, steht auf einem Grabstein, und man kann hinzufügen: auch der Wahnsinn höret nimmer auf, der in solchen Sätzen in Stein gemeißelt wird. 2.9.2010: Die Sterblichkeit ist ein Traum, den die Unsterblichkeit träumt. 1.9.2010: Liebende sind Fragmente, die zusammenpassen. 31.8.2010: Die Liebe, ist sie anderes, als ein Tanz, der zwischen Vertikale und Horizontale immerzu wechselt? 30.8.2010: Das brausende Meer spült Bernsteine der Erinnerung ans Ufer des Bewußtseins. 29.8.2010: Ein Ereignis: das Blinzeln der Frau auf dem Gehsteig und ihr plötzliches tierisches Singen. 28.8.2010: Höchst liebenswürdig scheint der Mensch, der bei all seiner Läßlichkeit, seiner saumseligen Art doch die Aufmerksamkeit auf das Einzelne zu lenken weiß, auf das Vergessene und Verachtete, auf den Glanz des Abwesenden, vielleicht Unscheinbaren, und der so die Pflanze der Liebe ermuntert zu blühen. 27.8.2010: Auch an einem dunklen Tag, die Wolken schleichen tief, gibt es den einen Augenblick, in dem zwei Menschen, Liebende, sich erkennen und die Welt in ihren Augen verglüht. 26.8.2010: Natalia Lisboa: „Töchterchen, was ist geschehen?“ – Lena: „Mir ist schlecht vor Sehnsucht.“ 25.8.2010: Lena Lisboa: „Wer nicht traurig ist, kann auch nicht hoffen.“ 24.8.2010: Was ist Geist? Geist ist das im Wind vorüberschwebende Samenkorn. 23.8.2010: Der stumme Wasserfall, dessen Klang deinen Garten erfüllt, der spielerische Bach der Worte, die durchs Geäst des Tages blitzen und herabfließen und dich von innen verwandeln. 22.8.2010: Das Leben ist dasselbe, aber jeder Tag ist neu. 21.8.2010: Was ist Liebe? Liebe ist ein Irrtum, der sich richtig gut anfühlt. 20.8.2010: Was ist Zartheit? Zartheit ist die Eröffnung der Umarmung. 19.8.2010: Jeder Tag ein Sandkörnchen am Strand der Ewigkeit. 18.8.2010: Wir sind die Büffel, das Leben, die Prärie heult ohne uns, und sie bebt und zittert, wenn wir kommen. 17.8.2010: Meer sehen und lieben. 16.8.2010: Sich aufs Leben einstimmen, jeden Morgen, und dem Tag entsprechen. 15.8.2010: Der Spaziergang, ein Wandelgang. Du gehst, und es wandelt sich dein Leben. 14.8.2010: Wörter, die nur in ihrer Verneinung überleben – gestüm in ungestüm etwa. 13.8.2010: Meditieren am Morgen – Sprungbrett in einen achtsamen Tag. 12.8.2010: Der Garten, der Mensch sinkt mit verblassendem Ich in den Schlaf. Morgens hüllt Nebel ihn ein; langsam lüften sich die Schleier. Vom prickelnden Regen aus unsichtbarer Wolke wird er vollends wach, Glanz kehrt zurück; als der Himmel aufreißt, scheint es, als lächelte er. 11.8.2010: Regen und Tee, musische Tropfen. 10.8.2010: Von den streunenden Stunden des Sommers bleibt ein Lächeln, eine flüchtige Berührung, das Rieseln und Rauschen des Bachs, das Grünen des Grüns und das Blauen des Blaus, das Schwellen des Traums, der verlorene Kuß, der schnellende Fisch und der Windhauch, entfacht von deinen Wimpern. 9.8.2010: Sie: „Bei mir bleibt nichts dem Zufall überlassen.“ – Er: „Schade.“ 8.8.2010: Der Tag öffnet sich wie ein Licht auf einer Alpenwiese. 7.8.2010: Aus dem Schlaf, aus der Finsternis in den Abgrund des Lichts hinauftaumeln. 6.8.2010: Am Morgen der Aufbruch zu einer interkontinentalen Reise. Du suchst dich und findest einen Fremden. 5.8.2010: Die Liebe ein Traum, schwebend wie eine Schaumblase und zart zerbrechlich. 4.8.2010: Im Halbschlafzimmer liegt die Muse und erzählt von ihren Visionen des Lebens. 3.8.2010: Carl Apfelschnitz: „Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist im wesentlichen die Frisur.“ 2.8.2010: Die Gärten tanzen im Sturm, hingerissen und wund vor Leidenschaft. 1.8.2010: Lena Lisboa meint: „Was heißt schon streng gläubig sein? Wenn schon gläubig sein, dann mild gläubig sein.“ 31.7.2010: In den Sesseln am Meer brüten die jungen Schönen und träumen sich ins Nichts. 30.7.2010: In den Träumen scheint immer Licht. 29.7.2010: Jeden Morgen sich ans Spinnrad setzen und den Traum seines Lebens spinnen. 28.7.2010: Das unerträgliche Licht der Sonne, die Wohltat, im Schatten zuhause zu sein. (Lobet die Wolke.) 27.7.2010: Ein Schauspiel, ein Hörspiel, ein Tast-, Riech- und Schmeckspiel – die Liebe, das Spiel aller Spiele. 26.7.2010: Der Mond schwimmt, fest verankert im All, auf der Oberfläche des Ozeans, der das Weite endlos erfüllt. 25.7.2010: Am Sonntag morgen das Blütenglockenläuten auf dem Feld. Es läutet unhörbar und ruft zu nichts auf. Es läutet auch am Montag morgen in aller Ruhe. 24.7.2010: Das Leben ergibt nur Sinn, wenn es ein Spiel ist. All die Niedertracht, Grausamkeit, Brutalität, all die Schmerzen, die sich Menschen zufügen, haben nur im Zusammenhang eines wirklichen Spiels einen gewissen Sinn. Erträglich werden sie dadurch freilich nicht. 23.7.2010: Im gestaltlosen Fluß unserer Liebe waren die bleibenden Augenblicke jene Lichtblitze, die im Wellental versanken. 22.7.2010: Der Bus des Lebens fährt an die Küste. Dort steigt man aus und wechselt das Element für immer. 21.7.2010: Woher, wohin der Mensch auf dem Feld? Unendlich verborgen geht er im wehenden Korn. 20.7.2010: Aus dem Fluß der Zeit steigen, in die Ewigkeit des Meers tauchen. 19.7.2010: Verprasse dein Geld auf der Bierbank – da hast du wenigstens was davon. (Zweites Boot, aus: „Die Zehn Boote des musischen Lebens“) 18.7.2010: Am Strand im Wechselspiel der Erscheinungen versinken, in der Ebene schillernder Unbestimmtheiten, im Glanz auftauchender und verschwimmender Töne. 17.7.2010: Menschen, Blindgänger. 16.7.2010: Das Gedächtnis, das Reisetagebuch des Lebens. 15.7.2010: Am Strand malt der Wind die Konturen des Unendlichen auf die Haut der Endlichen. Am Strand zeichnet der Wind die Linien des Ewigen auf die Haut der Zeitlichen. Am Strand finden die menschlichen Leinwände den Künstler, der sie verewigt. 14.7.2010: Im honigfarbenen Licht am Meer tollen diese menschlichen Bienen, diese Kinder mit Schwimmflügeln, in den brandenden Wellen umher. 13.7.2010: Sich in den Schatten flüchten, ein Zimmer, in dem man den zudringlichen Gesang der Sonne nicht mehr hören muß. 12.7.2010: Das Glück, ein vorübergehendes Kunstwerk. Das kann auch eine Frau sein, die vorübergeht. 11.7.2010: Am Strand Gesang der Gezeiten, Gesang der Liebe. 10.7.2010: Am Strand in einem Buch lesen und die Zeilen rauschen hören. 9.7.2010: Am Strand ein Buch lesen und zwischen den Zeilen das Meer sehen. 8.7.2010: Am Meer sich in die Kulissen der Ewigkeit stürzen. 7.7.2010: Gesichter öffnen sich am Meer in einem zärtlichen, unerbittlichen Licht. 6.7.2010: Der Kuß, die zarte Silbe, der süße Auftakt eines langen Satzes. 5.7.2010: Eine Frau, versunken am Strand, am Wasser gehend, ist vielleicht das schönste Gedicht, das die Natur schreiben kann. 4.7.2010: Einen Airbus A 380 solange am Start warten lassen, bis die Ameise die Startbahn überquert hat. 3.7.2010: Auf der Terrasse des Sansibar sagt ein Gast, er kommt vom Strand zurück, zu seinen Bekannten: „Das Meer ist eine Autowaschanlage für Menschen.“ In der Tat, der Mann glänzt vor Sauberkeit. 2.7.2010: Den Fuß vor die Türe setzen und eintauchen in die See des Lebens. 1.7.2010: Die Frau, viele Jahre nicht gesehen, ist schöner geworden, die Sehnsucht auf ihrem Gesicht erschienen. 30.6.2010: Natalia Lisboa schreibt: „Beim Gehen am Strand ziehen die Fragen keine Antworten nach sich, es gibt keine Fragen mehr, keine Antworten mehr, nur mehr die Aussagen des Meeres.“ 29.6.2010: Jeden Tag sich verlieren, jeden Tag im Meer verschwimmen. 28.6.2010: Jeden Tag zur Vorlesung des Meeres gehen, Thema in diesem Semester: die Zeitlosigkeit. 27.6.2010: Zwischen den Zeilen ihrer Sätze schimmert das Meer. 26.6.2010: Die anrollenden Wellen, Zeilen eines unendlichen Gedichts. 25.6.2010: Ein Segelschiff zieht langsam weit über den Horizont, hellauf in zärtlicher Kontur. 24.6.2010: Jeden Tag die weißen Wege am Strand bis ins Innere der Sehnsucht gehen. 23.6.2010: „Die Hoffnung kommt mit dem Meer“, sagt Loulou, sagt es mit ihrem bescherungsreichsten Loulou-Lächeln, und vielleicht ist das Meer ein anderes Wort für Liebe, für die Musik der Liebe, weil Liebe Musik ist, und das Meer ist das erhebendste aufspielende Orchester, das die Küsten der Sterblichen immerzu aufwühlt und befruchtet mit all seiner prasselnden Wucht. 22.6.2010: Die Musik ihrer Schritte hören, die Melodie ihrer Gesten, den Blues ihrer Augen. 21.6.2010: Der Anblick des getäfelten Meers im Sonnenschein westlich von Sintra und der Anblick der mit Azulejos getäfelten Häuser in Lissabon. Das eine, das flüssige Meer bleibt der Ort der Sehnsucht, das andere, feste, der Ort des Wohnens, Staunens, Liebens. 20.6.2010: Liebe, Beisichsein im Gegenüber. 19.6.2010: Auf einem Satz wie auf einer Luftmatratze über die Wellen des Tags gleiten. 18.6.2010: In der Liebe ist Kleidung das Konfektpapier einer menschlichen Praline. 17.6.2010: Reich nur an unsinniger Liebe, gab sie sich der Verschwendung hin. 16.6.2010: Sich jeden Morgen von der Sonne erleuchten lassen. 15.6.2010: Jeder Tag die hell ausgeleuchtete Bühne, auf der man sich zur Aufführung bringt. 14.6.2010: Der Glanz einer Welle, flüchtig und unerschwinglich, Balsam für die Seele. 13.6.2010: Lena Lisboa: „Nichts erscheint mir glänzender zu sein als ein glanzloses Leben.“ 12.6.2010: Jeden Morgen im Morgenland erwachen und jeden Abend im Abendland einschlafen. 11.6.2010: Jeder Tag, eine Erscheinung ohne Zukunft. 10.6.2010: Natalia Lisboa: „Die inneren Sonnenaufgänge jeden Tag, einer Sonne, die wirklich aufgeht und das verwunschene Land der Lebenden mit lieblichem Feuer zum Strahlen bringt.“ 9.6.2010: Heiß und schwül, ein Wetter, um in der Luft zu baden. 8.6.2010: In den Gewölben rufen die Kinder endlos den Unernst herbei. 7.6.2010: Die Welt aufschreiben, so wie man die Tür aufmacht. 6.6.2010: Fährtenleser sein der Wolken, des Winds, der Träume, der Blicke, der Lächeln, der Küsse, der Stimmen, der Hände, des Gehens, des Schweigens, der Rätsel der Frauen. 5.6.2010: Dieses Schiff, ein schwanengleicher Wasserbus. 4.6.2010: In meeresfarbenen Geschichten baden gehen. 3.6.2010: Aufwachen, sich wie ein Fenster öffnen, und die Welt mit allen Düften, Tönen, Träumen, Sonnenküssen fliegt herein. 2.6.2010: Wenn die Morgensonne durch die Fenster ins Schlafzimmer blinzelt und lacht, schwingt man sich vom blinzelnden Lachen angesteckt mit Lust aus den schlafenden Federn auf ins weitere Leben. 1.6.2010: Vor dem starken Regen haben sich die Spatzen und Kohlmeisen durchs offene Fenster in die Wohnung gerettet und putzen sich auf dem Boden die Flügelchen. 31.5.2010: Das Rumpeln der ersten Straßenbahn auf dem Bahnhofsvorplatz am frühen Morgen: und wieder beginnt sich ein Tag zu lichten, hebt die Musik des Lebens an. 30.5.2010: Der Bademantel, ein tragbares Handtuch. 29.5.2010: Bei den Vögeln Gesangsunterricht nehmen, in ihrem Studio, den Bäumen. 28.5.2010: Ziehen die Wolken von der himmlischen Bühne ab und verbergen sich im Unsichtbaren, dann trösten sie die zurückgelassenen, obdachlosen Menschen mit einem Swimmingpool für die Augen. 27.5.2010: Sich vom Lachen der Sonne anstecken lassen und auch dann heiter bleiben, wenn sie hinter Wolken verschwindet. 26.5.2010: Erste Voraussetzung für ein gelingendes Leben ist ein guter Schlaf. (Erstes Boot, aus: „Die Zehn Boote des musischen Lebens“) 25.5.2010: Die einzig sinnvolle Form der Vergebung ist das Vergessen. 24.5.2010: Hin und wieder eine Flaschenpost aufgeben – vielleicht gibt es einen unbekannten Robinson Crusoe, der sich über ein Briefchen freut. 23.5.2010: Jemanden umspielen, so wie man jemanden umarmt. 22.5.2010: Morgens und abends am Strand des Tags und der Nacht gehen und die Zeit rauschen hören. 21.5.2010: Blumig sein, Frühling sein. 20.5.2010: Wolken, dieser herrliche Sonnenschirm, der auch noch Wasser ausschütten kann. 19.5.2010: Im Regen glänzt das Himmelsblau in Abwesenheit. 18.5.2010: Musik, die Architektur der akustisch aufregenden Gefühle. 17.5.2010: Wie die Blüten sind, so sind die Gedanken bunt und Vorschein der Frucht. 16.5.2010: Immer wieder, neu, aufbrechen, losgehen, den Dingen nahekommen (den Roman des eigenen Lebens in den Raum hinein spazieren). 15.5.2010: Natalia Lisboa meint: Auf dem inneren Kompaß ist Liebe der Nordpol. 14.5.2010: Die eigene Wohnung, eine Art Dorf, in dem jeder jeden kennt, in dem die Wege geläufig, vertraut sind. Abends, vielleicht nach einem Tag des Umherirrens, nachhause, ins Dorf kommen und die Weltbilder draußen am Tor lassen und weltbildlos zum Schlafhaus gehen. 13.5.2010: Wie ein Gärtner reihum die Worte pflanzen, um später etwas zu essen zu haben. 12.5.2010: In ihrer Hosentasche klimperten die Steine, die sie unten am Neckarstrand aufgelesen hatte, und sie legte sie zuhause wie selbstverständlich ins Bücherregal. 11.5.2010: Wenn die Geschäftsleute nur mehr wandern würden, von Hamburg nach München, von Leipzig nach Freiburg, wohlgekleidet in Anzug und Krawatte, in Kostüm und mit Rollenköfferchen, dann wäre das gut für die Wirtschaft und der Beginn einer anderen Geschichte. 10.5.2010: Mit den Augen im Blütenmeer baden. 9.5.2010: Lenas Wort zum Frühstück: „Das Leben ist wie ein Spiel mit dem spritzenden Gartenschlauch – egal, wohin man hüpft, niemand entkommt seinem Strahl. Erst wenn einer den Hahn zudreht und der Strahl versiegt, hört man auf zu sein, bleibt eine Blumenwiese.“ 8.5.2010: Jeder Friedhof eröffnet im Getriebe der Stadt, der Gemeinde, den anderen Ort, einen epischen Text aus vollendeten Fragmenten, ein endliches Felsenmeer, auf jeder Welle ein Namenszug, er bildet einen Gesang aus Lichtern und Blumen, eine Komödie aus stummen Knochen, ein Gedicht über den Glanz, in dem die Abwesenden erscheinen. 7.5.2010: Unangebunden durch den Tag trödeln, immer wieder dösen, Katzen tun das und manche Menschen auch. 6.5.2010: Liebe, eine Form des Einandergehörens. 5.5.2010: Im Grunde erstaunlich, wie jeder Mensch jeden Tag so vielen Dingen den Rücken zukehrt. 4.5.2010: Jemand, der beim Singen ganz in sich ruht. Klang und Stille in einem. 3.5.2010: Angenehm die sprechende Stille, die stillende Sprache. 2.5.2010: Kaum blühen die Kastanien in ihrer Kerzenpracht, schon schweben die ersten Blüten im Taumel hernieder, sie wischen beim Landen den Gartentisch mit ihrem Gefieder. Seid gegrüßt, Blütenlieder. 1.5.2010: Wie die Flieder fliedern auch die Frauen auf. 30.4.2010: Augen, die Lichttankstellen der Heiterkeit. 29.4.2010: So durch die Straßen gehen, daß alles, was an die Ohren dringt, zum Lied wird. 28.4.2010: Im Frühjahr in der Flußwasserallee ein Bad nehmen und in den Sonnenblitzen zu sich schwimmen. 27.4.2010: Das Morgenradio, das Gezwitschere aus der bewegten Blätterbox vor dem Fenster. 26.4.2010: Der Kuß ist ein Wort, das man nicht nur mit den Ohren versteht. 25.4.2010: So sind die Wege hell und zart, und unwiederbringlich wie Gedanken, wie das Leben. 24.4.2010: Pausen, die Quellen des Tages, des Tagens, des Lebens. 23.4.2010: Morgens, wenn nach dunkler Ebbezeit die Sonnenflut wieder die Küste erreicht und den Träumenden aus seinen Träumen kitzelt, dann hebt sie an, leise und langsam, die Musik der Erzählung. 22.4.2010: Für Martin Heidegger ist der Wohnsitz des Denkens ein „Ort der Stille“; oder, wie Lena meint, ein „stilles Örtchen“. 21.4.2010: Das Kind in der S-Bahn sagte mir: Das Schöne am Glauben ist, daß man glauben darf und nicht wissen muß. 20.4.2010: So leben, daß eine Folge entsteht (Harmonie der Handlungen). 19.4.2010: Auf der Fernreise, unternommen mit Landbummelzügen, die Landstriche nicht nur mit den Augen sehen, auch mit der Nase, wenn das Schiebefenster geöffnet ist: Geographie der Düfte. 18.4.2010: Meditieren, den Wortschatz verlieren, wortschatzlos sein, aufatmen. 17.4.2010: Liebe, für Liebende ein Anmutszeugnis. 16.4.2010: Die Kinder, mit ihren Schulranzen, auf dem Schulweg, unterhalten sich und halten plötzlich inne, als eine Katze aus dem Gebüsch kommt. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich ganz auf die Katze; sie dutzen sie („Du Süße!“). Katze und Kinder sind nun eine Familie. 15.4.2010: An den Flußschnellen innehalten (langsam werden, aufblitzen). 14.4.2010: Die Erde ist vielleicht nur das Irrenhaus im hintersten Winkel des Universums. 13.4.2010: Sich jemanden einverlieben. 12.4.2010: Im Wald der Gedanken die Lichtung finden. 11.4.2010: Natalia Lisboa: „Kinder, die einzigen Heiligen, an die man glauben möchte. In gewisser Weise tragisch: indem sie wachsen, verlieren sie ihr Heiligmäßiges und werden zu Normalsterblichen. Erwachsene, groß gezeichnete Karikaturen von Heiligen.“ 10.4.2010: Jedes Gesicht ist ein kleiner Marktplatz der Gefühle, der Gespräche. 9.4.2010: Nachmittags wird der Waggon des Pendlerzugs zum rollenden Schlafsaal. Von außen fließt Schattenlicht hindurch. 8.4.2010: Im Frühling ist jeder Baum ein Kreißsaal der Natur; in ihm kommt eine ganze Schar von Blättern gleichzeitig zur Welt. 7.4.2010: In jedem Frühjahr, in jeder Gegend: die Suche nach den Weißdornbüschen. 6.4.2010: Natalia Lisboa: „TV, Abkürzung für Teufelsvisionen?“ 5.4.2010: Mit dem Kopf durch die Regenwand gehen (und sich so aufmöbeln). 4.4.2010: In gewisser Weise ist der Tod das Licht am Ende des Tunnels. 3.4.2010: Ihr Lächeln war ein offener Brief, den ich mit einem Kuß versiegelte. 2.4.2010: Etwas zu wünschen übrig lassen sollte man immer. 1.4.2010: Sich in den April schicken, wie einen Lehrling in die Lehre, die das Leben erteilt. 31.3.2010: Es ist eine Religion vorstellbar, in der man die Null anbetet. 30.3.2010: Das Lächeln, ein Absagetelegramm an die schlechte Laune; daß sie sich verflüchtige und ihrer Schwester, der guten Laune, den Vortritt lasse. 29.3.2010: Aufstehen und sich in Frage stellen. Als wäre die Frage eine kalte Dusche, unter die man sich stellt und die einen rundum renoviert. 28.3.2010: Spielen, mit dem Leben spielen, das Leben verspielen, leben. 27.3.2010: Abstrakte und zugleich konkrete Gemälde stellt der Himmel aus. 26.3.2010: Den Frühling im Kopf erleben. 25.3.2010: Sich einmal am Tag besuchen und nachsehen, wie es einem geht. 24.3.2010: Der Winter, in Form der Bäche schmilzenden Schnees, zieht sich im Frühling zu seinem Winterschlaf zurück; die Bettdecke schmückt er mit Schneeglöckchen, Krokussen, Narzissen und bald mit der ganzen bunten Pflanzenwelt. Erst der Herbst reißt die Decke wieder hinweg, und der Winter wacht frierend auf und bereitet sich sein Flockenfrühstück. 23.3.2010: Natalia Lisboa schreibt: „In einem Antiquariat in Bologna fällt mir ein Buch eines gewissen Herrn Schleif aus dem Regal herunter in die Hände: Goethes Diener. Berlin und Weimar 1965. Man muß sie doch lieben, die Germanisten, daß sie es sich nicht nehmen lassen, auch den Dienern Goethes ein über dreihundertseitiges Werk zu widmen. Ich habe das Buch sofort gekauft und auf meiner Zugfahrt durch die Apenninen gelesen und studiert.“ 22.3.2010: Ein Tag, aus dem kein Nutzen gezogen wird und von dem vielleicht nur der Glanz einer Frühlingswolke bleibt, ist durchaus bewundernswert. 21.3.2010: Welchen Umweg nehme ich mir heute vor? 20.3.2010: Frühling, Kaffee für die Seele. 19.3.2010: Liebende: Menschen, die ineinander verschwimmen. 18.3.2010: Man schwebt über die Holzdielenäste hinweg, man lebt in einem Baumhaus. 17.3.2010: So wie ein Baum oder ein Haus, so hat der Mensch seine Wetterseite. 16.3.2010: Jeder ist ein Leibeigener, aus der Tyrannei seines Leibes entflieht keiner. 15.3.2010: Aus dem Travel Book von Lea Odesa: „...auf der Glienicker Brücke im heftigsten Hagelsturm verfing sich eine Eisperle in meiner Ohrmuschel.“ 14.3.2010: Hunde sind Wesen, die sich von Düften an der Nase herumführen lassen. 13.3.2010: Zeilen, buchstäbliche Linien. 12.3.2010: Ein Buch ist eine Art Baum mit vielen Blättern. Eine Bibliothek ist eine Form von Wald. 11.3.2010: Literatur, Heilland. 10.3.2010: Während die Haareabschneiderin einem die langen Haare abschneidet, sieht man im Spiegel verblüfft, wie auch das Alter von einem abfällt und ein junger Mensch zum Vorschein kommt. 9.3.2010: So wie der Berg ruft, Mutter, so ruft der Tag. 8.3.2010: Im Schlaf ist die Schläfe ganz bei sich. 7.3.2010: Es ist ein Gang, groß und zart, wie wenn die Wege glänzen, und wo die Äste im Sturmwind tosen, da beginnt der Augenschein der Liebe. 6.3.2010: In einer Talkshow mit Tieren gab es nur ein Thema: die Krise des Menschen. 5.3.2010: Insofern wir nie selbst frei entschieden haben, ins Leben zu treten, sondern wir ins Leben gezwungen wurden, steht das Ganze unter dem Zeichen der Diktatur. 4.3.2010: Das Gesicht ist ein offenes Buch. (Carl Apfelschnitz: „Manchmal sieht man da zwei Eselsohren.“) 3.3.2010: Jedes Planetarium ist auch ein großes Sonnenstudio. 2.3.2010: Jeder neue Tag ist das Aufscheinen einer weiteren Seite im unendlichen Journal des Kosmos. Menschen tauchen als Einträge darin auf und tauchen wieder unter. 1.3.2010: Im März ein Buch beginnen und es wie die Bäume machen: Blätter vermischten Inhaltes hervortreiben. 28.2.2010: Liebe ist die erregende Erscheinungsform der Weisheit. 27.2.2010: Die Geburt des Lichts, jeden Morgen eine bewegende Einladung zum Leben. 26.2.2010: Jeder Grabstein ein einmaliges Buch, jeder Friedhof eine Präsenzbibliothek. 25.2.2010: Ein inneres Lakonien erschließen und entsprechend lakonisch den Irrnissen der Welt begegnen. 24.2.2010: Nicht die Spur haben, ein Entdecker sein. 23.2.2010: Der Schädel beherbergt ein Kaffeehaus, in dem geschwätzt, geschwiegen, angebandelt, Handel getrieben und geschlafen wird. Ab und zu spielt einer am Flügel. 22.2.2010: Feinselig sein. 21.2.2010: Die länger werdenden Tage pflügen den Winter unter. 20.2.2010: Mit Federn schreiben, beflügelt sein. 19.2.2010: Das Geheimnis des Gelingens liegt in der Einteilung der Kräfte. 18.2.2010: Den klaren Gedanken spinnen wie einen Faden und sich an ihm entlang aus dem Labyrinth der Irrtümer retten. 17.2.2010: Ich gehe spazieren in den wüsten Ebenen der Mark, und ein Bussard erscheint in den blauen Lüften und flattert aufreizend langsam, als würde er nach dem Mittagessen nur ein wenig spazieren fliegen. Er, der fliegende Sarg eines Mäuschens. 16.2.2010: Mit den Kindern schaukeln und erleben, wie die Freude mitschwingt. 15.2.2010: Das Geniale an der Schreibmaschine ist, daß man noch während des Tippens bereits ausdruckt. 14.2.2010: Wenn jedes Dorf einen Trottel hat, dann hat jede Stadt viele Trottel. 13.2.2010: Jemand, der das Gefühl hat, er warte sein ganzes Leben auf etwas; der aber nicht erfährt, worauf. Alles, was er tut, erscheint ihm als eine Nebenbeschäftigung des Wartens. 12.2.2010: Siehst du die Spatzen, wie sie flattern gleich Frühlingsideen? 11.2.2010: Jeder Tag ist eine Weltpremiere. 10.2.2010: Der Mensch gleicht einem Buch mit Druckfehlern. 9.2.2010: Ein guter Satz bemäntelt die Leere. 8.2.2010: Tagesgeldkonto: 24 Stunden. Wieviel Zeit gibt man wofür aus? Was läßt sich für eine Stunde kaufen? 7.2.2010: Der Regen ist die Niederkunft der Wolken. 6.2.2010: Das Ideale, Vernunft und Leidenschaft in sich vereinen. 5.2.2010: Sich Satz für Satz dem Ungeschriebenen nähern. 4.2.2010: Nein sagen können ist das Allerschwierigste. („Nein, das stimmt nicht.“) 3.2.2010: Die gläubige Frau trägt einen durchsichtigen Schleier. Sie glaubt an Gott Eros. 2.2.2010: Ob es noch andere gibt, die Zeitungsartikel von hinten nach vorne lesen? 1.2.2010: An Brecht. Das Fressen ist die Moral. 31.1.2010: Wer ein unbeschriebenes Blatt ist, mag sich fragen, was er darauf schreiben soll. 30.1.2010: Von allen Kleidungsstücken ist vielleicht die Schlafmütze das komischste. 29.1.2010: Ohne die morgendliche Tasse Kaffee würde die halbe Menschheit den Geist freiwillig aufgeben. 28.1.2010: Sich von der Vernunft anstecken lassen, als wäre sie ein Lachen, das freieste Lachen der Welt. 27.1.2010: So leben, daß sich ein Tag auf den anderen reimt. 26.1.2010: Jemanden ernst nehmen, weil er sich spielerisch benimmt. 25.1.2010: Die besten Bücher der praktischen Philosophie sind Kochbücher. 24.1.2010: Liebe ist eine Art Brennstoffhandel. 23.1.2010: Im Paß jedes Menschen steht: episches Fragment. 22.1.2010: Im Meer, zart, nah und hell, schwimmen die Liebenden ihrem Stranden entgegen. 21.1.2010: Am Strand jedes Mal dieses ausufernde Gehen. 20.1.2010: Im Kino sitzen und einen Aktionsfilm sehen ist etwa so, wie wenn ein Steinzeitmensch in seiner Höhle sitzt und ein Gewitter vor dem Höhlenausgang niedergehen sieht. 19.1.2010: Die Photographin, Frau Sonne, lichtet die Erde ab. Die Tage sind ihre Lichtbilder. 18.1.2010: Auf der Schwelle, wenn man das Haus verläßt, tanzen. 17.1.2010: Wo ist die Katze? – Ich hör draußen ein Singen. – Ah, Katzenoper. 16.1.2010: Das schöne Leben besteht aus einer Reihe von belebenden Illusionen. 15.1.2010: Tritt nach dem Sozialismus und nach dem Kapitalismus der Bummelantismus auf den Plan? Bummelantismus, das präzise Bummeln durch den Parcours der Pflichten; der Bummelant bummelt liebenswürdig seinem Ende, das noch immer früh genug kommt, entgegen. 14.1.2010: Aus dem Tag eine Installation flüchtiger Gesten, Worte und Handlungen machen. 13.1.2010: Jungfreulich sein, gerade wenn man älter wird. 12.1.2010: Von den unzähligen Erfahrungen ein paar von ihnen mit nachhause bringen und aufzählen, sie erzählen. 11.1.2010: Das Kunstwerk, ein nimmermüdes Streichholz, das sich im Auge des Betrachters entzündet. 10.1.2010: Draußen unter die Schneeflockendusche springen. 9.1.2010: Am Abend in der Wohnung den Kehraus machen. In der ausgekehrten Wohnung schlafen gehen. Am nächsten Morgen aufgeräumt erwachen und sich Schritt für Schritt die Welt einverleiben. 8.1.2010: Produktive Tauschwirtschaft, ausgehen und Küsse tauschen. 7.1.2010: Sorgen, die Gitterstäbe der Alltagszelle. (Sie schmilzen im Sonnenschein des Lächelns.) 6.1.2010: Die drei Weisen Frauen aus dem Abendland, Gerechtigkeit, Freiheit und Liebe. 5.1.2010: Musik, die tönende Brücke zwischen den Menschen. 4.1.2010: Morgens aufwachen, wach sein, Wache schieben, und beim Schieben der Wache Schütze sein, einer, der die Burg seines eigenen Organismus schützt. 3.1.2010: Im Lachen und im Innern liegt des Lebens Erinnern. 2.1.2010: Lea Odesa in einem Billett: „In der weiten Ebene vor dem Gebirge dann, während der Meereswind Schneewolken aufwirbelt und vor sich her treibt, begegnet mir, wenige Schritte entfernt, ein junger, grauer Wolf. Ohne innezuhalten blickt er mit hängender Zunge zu mir her. Ich erwidere seinen Gruß mit schweigenden Augen.“ 1.1.2010: Sich morgens ins Zeug legen, sich abends ins Bett legen. 31.12.2009: Jedes Jahr in einem anderen Dorf wohnen, im Dorf mit der Nummer 2009 oder mit der Nummer 2010. Zwischen den Jahren, die Zeitspanne, die der Umzug vom einen Dorf ins andere Dorf benötigt. Menschen, Zeitdorfbewohner. 30.12.2009: Der Handschellenspaziergang ist der Spaziergang, bei dem der Spaziergänger seine Arme auf dem Rücken hält und mit einer Hand ein Handgelenk umklammert. Es ist dies der Spaziergang der Muße und der Freiheit. 29.12.2009: Kleine Vögel sind fliegende Pralinen für Katzen. 28.12.2009: Natalia Lisboa schreibt: „Im Traum begegnete mir im Felsenwald oberhalb von Sintra eine Ameise, und die sagte zu mir: Humor und Achtsamkeit sind die beiden Schlüssel, die du brauchst, um in den Festsaal der Freude Einlaß zu finden.“ 27.12.2009: Das Leben ist manchmal wie eine verrückte Jukebox. Du entrichtest brav deinen Obolus, und sie spielt das falsche Lied. 26.12.2009: All die Wege, die man im Leben geht, alle Schleifen und Geraden, alle Pirouetten und Hüpfereien, ergeben eine autobiographische Schrift. 25.12.2009: Was ist ein Geburtstag anderes als ein Tag, an dem etwas mutmaßlich schönes geboren wird, ein Gedanke zum Beispiel, der zu Herzen geht, oder ein Bild, das einen Weg aufzeigt, oder ein Mensch, der markerschütternd zum Himmel kräht, oder ein Anflug von Liebe, der den eigenen Sinn beflügelt und beschwingt? 24.12.2009: Siehst du die Vögel über dem Tal? Sie kennen ihren Weg, den Weg ins Weite, scheint es, ihren einzigen Weg, und doch verabschiedet sich jeder von ihnen, wenn es Zeit ist, aus dem Zug und schert aus den Lüften aus und landet für immer. 23.12.2009: Die Musik des schmilzenden Schnees in der Dachrinne. 22.12.2009: Das sonnengeflutete schneeweiße Land. Der Fluß führt Eisinseln mit sich, auf denen Krähen landen. 21.12.2009: Sich erinnern, im Geäst der eigenen Geschichte klettern. 20.12.2009: Das Leben, ein Festspiel. Ein grausames auch. 19.12.2009: Tagsüber wachwandeln. 18.12.2009: Nichts für ungut! ist durchaus eine hintergründige, eine rätselvolle Redewendung. 17.12.2009: Tagtraumhaft handeln. 16.12.2009: Gibt es nicht in der Weise, wie es Schulschwänzer gibt, ebenso Lebensschwänzer? Die wollen nicht auf die Schule des Lebens gehen, diese ewige Ganztagsschule, und schwänzen lieber, den lieben langen Tag über, in der Gegend umher. 15.12.2009: Für Königsberger Kinder. Vor der Wand wandern. Auf dem Land landen. Im Sand versanden. Mit Kant an der Waterkant Bekanntschaft schließen. 14.12.2009: Die moderne Dusche, die Erfindung des heißen Regens, den man sich gefallen läßt. 13.12.2009: Die blaue Stirn des Morgens. (Auf ihr die blonde Locke des Mondes.) 12.12.2009: Ihr Irrtum bestand darin, sich jeden Tag zu verirren. Erst wenn sie nicht mehr weiterwußte, fühlte sie sich in der Welt zuhause. 11.12.2009: Die Sonne blüht am Winterhimmel, eine gelbe, blasse, eine im stillen Wasser treibende Blüte. 10.12.2009: Willst du Honig schlecken, so bebiene dich beizeiten. 9.12.2009: Die Tochter, vorm Spiegel sich drehend, sagt zu ihrer sie von der Türe aus beobachtenden Mutter: „Ich finde, daß ich gut aussehe, sehr gut sogar aussehe, aber ich stehe nicht auf mich, ich bin einfach nicht mein Typ!“ 8.12.2009: Staaten kennen ein Bleiberecht; das Leben nicht. 7.12.2009: Sternenweltall nachts, Schneeflockenkristall am Tag. 6.12.2009: Regen, Tau der Wolken. 5.12.2009: Lastwagenameisen auf der Autobahn. 4.12.2009: Die Sonne steigt, wie ein gerundeter Gedanke, am Horizont belebend auf. 3.12.2009: Im Moment des Augenschließens am Abend rundet sich der Tag. 2.12.2009: Gespannt sein, wohin die Narretei des Lebens dich führt. 1.12.2009: Das Ende des Tages mit seinem Anfang verbinden und sich so seines Lebens Laufs inne werden. 30.11.2009: Ist nicht jeder neue Tag ein Neuland, das es zu erobern gilt? 29.11.2009: Natalia Lisboa: „In den Gärten von Sintra verlebte ich den Tag, jetzt ist es Abend, und ich sende einen Gruß.“ 28.11.2009: Lachen und Weinen bilden ein Gesangsduett. 27.11.2009: Natalia Lisboa: „Den Horizont der Ebene im Blick, kundschafte ich ihre Mitte aus.“ 26.11.2009: Die erste Handtasche, die zu einem Behältnis geformte Hand. 25.11.2009: Beim Spazierengehen die einzelnen Schatten sehen, als wären sie die Gemälde eines Freilichtmuseums. 24.11.2009: Sich selbst bestätigen, als wäre man ein Existenzbeamter, der sich jeden Tag die eigene Existenz mit einem Stempel bestätigt und beglaubigt. 23.11.2009: So leben, daß am Abend der Tag dich lobt. 22.11.2009: Jeden Tag zu einem lebenden machen, indem man selber tagt. 21.11.2009: Sie verletzte sich im Gehen, und er sprach verbindliche Worte, stillte das Blut ihres dunklen Jammers, und so ging es weiter. 20.11.2009: Sich lichten, jeden Tag, auch im Dunkeln. So lange gehen, bis die Sonne der Achtsamkeit erscheint. 19.11.2009: Der hochrote Horizont, Gebirge aus Licht. 18.11.2009: Die Schrift ist das schmuckeste Kleid des Menschen. Es entblößt ihn allerdings auch. 17.11.2009: Ihre Tränen verglühen, gebirgsbachflink, im Schein der abendlichen Sonne. 16.11.2009: Die Eltern wußten nicht, was aus ihrem Jungen werden sollte. Was willst du werden? fragten sie ihn immer wieder, doch er antwortete nie. Eines Tages sagte der Vater zur Mutter: Wir müssen die weise Frau holen, die weiß doch sonst immer alles. – Ja, hol sie nur, sie wohnt ja gleich nebenan. Und so kam die weise Frau und ging in das Zimmer des Jungen. Hallo, mein Junge, deine Eltern schicken mich, weil ich herausfinden soll, welchen Beruf du ergreifen möchtest. Also frage ich dich: Was möchtest du einmal werden? Der Junge schwieg. Er schwieg fünf Minuten und hätte sicher noch länger geschwiegen, wenn die weise Frau nicht gesagt hätte: Ah, ich verstehe, das ist ein sehr schöner Beruf, ich gratuliere dir. Nun wünsche ich dir alles gute, auf Wiedersehen, mein Junge! Die weise Frau ging in die Küche, wo die Eltern auf sie warteten, und lächelte: Euer Sohn möchte Zungenhüter werden! 15.11.2009: Wie Seevögel in Gedanken über die Küste schweben. 14.11.2009: Von allen Wörtern überholt, blieb sie im Schweigen stecken und sah die Landschaft in ihrem Glitzern. 13.11.2009: Die nach oben sprudelnden Gedanken mit einem Tuch umhüllen, und an diesem Ballon über die Städte und Landschaften schweben. 12.11.2009: Es müßte in Deutschland mehr Läden mit biologisch angebauter Literatur und Philosophie geben. In ihnen wären fast nur immergrüne Klassiker mit ihrem unbegrenzten Haltbarkeitsdatum im Angebot. Denn bei dem meisten Zeug, das in den üblichen Läden ausliegt, handelt es sich um giftige, schnell verderbliche Ware. Es wundert einen, daß an ihren Eingängen keine Warnhinweise angebracht sind. Giftlokal. Zutritt erst ab 18 Jahren. Oder: Das Lesen der meisten hier ausliegenden Bücher gefährdet Ihre natürliche Klugheit, verletzt Ihre Menschenwürde, vergewaltigt Ihr Schamgefühl. Daß in Deutschland alles in allem doch recht wenig gelesen wird, ist eigentlich ein gutes Zeichen. 11.11.2009: Der Gesang des Tages, morgens, in aller Stille, lockt dich aus süßen Träumen ans Licht des Lebens. 10.11.2009: Von ihm wußte man nichts, außer daß er ein großer Fußgänger war. 9.11.2009: Carl Apfelschnitz kritzelt beim Lesen der Ilias eine Randbemerkung über die Teichoskopie (Mauerschau) in sein Notizbuch: „Um das Leben herum verläuft eine Mauer. Die Mauer hat Öffnungen für vielfachen, geregelten Grenzverkehr, für Wareneingang und Warenausgang etwa. Fällt die Mauer, dann löst sich auch das Leben auf.“ 8.11.2009: Gefühle sind auch Lebenstemperaturmesser. 7.11.2009: Gibt es im Universum noch weiteres intelligentes Leben? Gibt es im Universum überhaupt intelligentes Leben? 6.11.2009: Das Kind schritt mit dem Regentropfen in der Hand vorsichtig über die Straße. 5.11.2009: Mit jedem Neugeborenen wird das Gesicht der Zeit geliftet. 4.11.2009: Sich angesichts des Meeresspiegels selbst erkennen. 3.11.2009: Jemandem den Prozeß machen? Lieber selber ein Prozeß sein. 2.11.2009: Sich durch die Stadt bewegen wie ein extraterrestrischer Besucher. 1.11.2009: Im Herbst die Küsse des Sommers zusammenkehren. 31.10.2009: Vor dem Erwachsenengarten warten die Kinder auf ihre Eltern, die jeden Moment herauskommen müßten. 30.10.2009: Die Würde des Tiers ist unantastbar. 29.10.2009: Jeder Mensch ein Wirt; der Wirt seiner Wirtschaft, seines Organismus. 28.10.2009: Inniger als jeder Mundkuß ist der Kuß der Augen; er überbrückt die Ferne und belebt den verborgenen Geist. 27.10.2009: Der Herbst, die Zeit, da die Blätterdachziegel über die Straßen flattern. 26.10.2009: Morgens vor dem Wörterschrank stehen und sich fragen, was man heute anzieht. 25.10.2009: Daß gewisse Tiere Berufe haben, also Pferde, Hunde und Tauben etwa die Berufe des Kutschenziehers, Blindenführers und Briefträgers, wirft arbeitsrechtliche Fragen auf. Fragen wie etwa diese: welche Form von Gehalt, das über das bloße Futterbereitstellen hinausgeht, den Tieren ausbezahlt wird, ob die Tiere das Recht auf einen Ruhetag haben und ob sie in bezahlten Urlaub gehen können. 24.10.2009: Harlekind sein. 23.10.2009: Der Tisch, ein in die Luft gestelltes Stück Boden. 22.10.2009: Natalia Lisboa: „Endlich sagte jemand zu mir einmal: Verstehen Sie mich bitte falsch.“ 21.10.2009: Durch die Welt fahren als wäre sie eine Geisterbahn auf dem Rummelplatz des Universums. 20.10.2009: Ein Buch lesen, in welchem der Leser wie in einem Raumschiff, schwebend auf den Wellen des Äthers, zuhause ist. 19.10.2009: Jeden Morgen prägnant werden und nach neun Stunden mit einer zum Himmel schreienden Erkenntnis niederkommen. 18.10.2009: Das Lächeln des Mädchens im Frühlingshain seiner Gedanken. 17.10.2009: Die Utopie, Halluzination am Horizont. 16.10.2009: In der Dunkelkammer des Tiefschlafs werden die Traumbilder entwickelt. 15.10.2009: Lebenskunst. Jeden Morgen bereit sein für den Hokuspokus der Welt. 14.10.2009: Ideal: Bei der Weltmeisterschaft im Schweigen einen Spitzenplatz gewinnen. 13.10.2009: Welches Mittel hilft gegen Weltschmerz? – Liebe, viel Liebe. 12.10.2009: Die Schule ist auch eine Art Gefängnis, in das man halbetageweise eingewiesen wird. 11.10.2009: In einem Atemzug die Welt bereisen. In der sterblichen Klasse. 10.10.2009: Sie hatte gerade nichts zu lesen bei der Hand, deshalb las sie aus der eigenen, erst aus der linken, dann aus der rechten. 9.10.2009: Sich selbst entziffern wie ein korruptes Papyrusfragment. 8.10.2009: Philosophieren heißt immer auch nicht bei Trost sein. 7.10.2009: Jedes Kruzifix stellt hinterrücks auch die Kreuzigung eines Baumes dar. 6.10.2009: Zeit der Kastanienmehlstraßen. Zeit des verschwimmenden Blaulichts am Horizont. Zeit der magnetischen Äpfel, in der Sonne glänzend, Goldreserven für den Winter. 5.10.2009: Auf dem Friedhof eine Familie, die im Gieskannenbrunnen badet. 4.10.2009: Vielleicht wird es eines Tages in den Zeitungen nicht nur Todesanzeigen für Menschen geben, sondern ganz selbstverständlich auch für Haustiere wie Hunde, Katzen und Vögel. Aber damit das geschieht, müßte erst einmal der fabrikmäßige Massenmord an Tieren wie der an Hühnern, Schweinen und Kühen als Mord ins allgemeine Bewußtsein dringen. 3.10.2009: Der Fluß strömt zwischen den brennenden Ufern und leuchtet hell. Vergeblich sehnen sich die Flammen, sich über den Fluß hinweg zu vereinen. In der Umarmung erlischt ihre Sehnsucht. 2.10.2009: Wie der Wind jeden Morgen in den Urdokumenten blättert und vom Blatt singt wie kein Zweiter. 1.10.2009: In der Erkenntnis von heute den Irrtum von morgen sehen. 30.9.2009: Rita, in einem Billett an ihre Mutter Natalia L.: „Unter dem blauen Himmel deines Herzens ist gut sein.“ 29.9.2009: Der Mund ist ursprünglich, und noch heute, vor allem für die Nahrungsaufnahme da, nicht für das Sprechen. Das Küssen ist, insofern es eine Ableitung des Saugens darstellt, ein Aspekt der Ernährung. 28.9.2009: Einmal am Tag zum Fluß gehen und sehen, daß alles fließt. 27.9.2009: Abends sich bei sich selbst bedanken für den schönen Tag. 26.9.2009: Der Applaus, den ein Musiker vor und nach seiner Aufführung erhält, ist wie der Rahmen, der ein Gemälde umgrenzt. 25.9.2009: Manche Kirche, manche gotische besonders, möchte man Waldkirche nennen; so, als wäre sie ein Heiliger Hain. Man möchte dies deshalb tun, weil ihre vielen Säulen im Besucher den meist unbewußt bleibenden Eindruck erwecken, in einem großen, alten Wald zu sein; als säße man am Fuße von mächtigen Stämmen. Das Licht, das durch die Scheiben fallend wie gesiebt zwischen den Säulen funkelt, mag, gleichsam unbewußt, an jenes „Herbstlicht“ erinnern, wie es Hermann Lenz in seinen Erzählungen beschrieben hat. Es ist das Licht im September, und im Oktober noch, das abgeflacht die hügelige Landschaft erleuchtet und zwischen Bäumen und Häusern liegt wie ein fadenscheiniger Teppich aus seidenglänzendem Gold. 24.9.2009: Es gibt Menschen, die gehen ins Kino wie in eine Kirche. 23.9.2009: Das Bett: Start und Ziel / im Lebensspiel. 22.9.2009: Morgens aufwachen und sich wie ein junger Vogel fühlen, den es in eine fremde Weltgegend verschlagen hat. 21.9.2009: Auf Weltreise gehen, jeden Morgen. 20.9.2009: In der Zwischenzeit, in dieser seltsamsten aller Zeiten, das Leben nicht versäumen. 19.9.2009: Der Ruf der Seemöwen ruft einen, scheint es, dazu auf, Verdrießlichkeit Verdrießlichkeit sein zu lassen und lieber im scharfen Wind der See wie sie die Flügel zu spreizen und ins Blaue zu segeln. 18.9.2009: Eine Zeile, eine Weile lang das Leben einfangen mit seinem Glanz und seinen inneren Inseln. 17.9.2009: Natalia Lisboa: „Er sagte nur ein Wort, und eigentlich sagte er nicht einmal das. Er schwieg. So beeindruckte mich das Wort, das er nicht sagte, noch mehr. Ich ging lang im Wald, die Eichen rauschten. Als ich an die Küste kam, war die See still, auf ihrem Spiegel erschien die Sonne. Da fiel mir das Wort, das er nicht sagte, ein, und ich ging baden.“ 16.9.2009: Am Morgen das Licht hören als wäre es ein Bach, und dann am Bach entlang durch den Tag wandern. 15.9.2009: Natalia Lisboa: „Das empfindsame, unverwelkte Flüstern der Blätter im frühen Wind der aufgehenden Sonne erinnert mich an eine Zeit der Kindheit, in der zwischen der Welt der Wirklichkeit und der Welt der Bücher keine Grenze war. Beide Welten waren eine, sie gehörten zusammen, ich lebte in einem Reich aus zwei Welten, ohne das zu wissen. Als ich Jahre später erkannte, daß es zwei Welten sind, aus denen mein Reich bestand, war die Kindheit vorüber.“ 14.9.2009: Hinausgehen und Farben anschauen, z.B. das Rot der Hagebutten. 13.9.2009: Im Bett liegen, wie in einem Bachbett, und das Traumwasser sehen, das über einen hinwegsprudelt. 12.9.2009: Der Spiegel, unbestechlicher Begleiter des Menschen. 11.9.2009: Poesie: die Hoffnung ins Land der Zitronen ziehen lassen und dafür im Norden Raum haben für das umwerfende Branden der Verzweiflung. 10.9.2009: Natalia Lisboa: „Wäre das Leben doch nur ein Kinderspiel!“ 09.09.09: In der Frühe die Wellen, die hellen im Licht, flüstern, lüsterner Schaum. Hoch überm Küstensaum sagt ciao der Morgenstern, für traumverschleierte Augen sichtbar kaum. Die Rehe treten aus dem Sanddorn, streifen Tau sich auf die Flanken, und preschen über den Strand, stolpern vor Freude. 8.9.2009: Weich, hell, zart, das Reh der Gedanken schlüpft durchs Gebüsch. 7.9.2009: Wellenschaukelliegestuhl. 6.9.2009: Mißt sich das Gewicht des Lebens nach dem Gewicht des Atems? 5.9.2009: Natalia Lisboa: „Liebe, sich gegenseitig elektrifizieren.“ 4.9.2009: Dichten, mit dem Stift schlafwandeln. 3.9.2009: Der Schlaf ist eine Art Meer, in dem man jeden Abend, unbewußt, versinkt. Die morgendlichen Träume, vielleicht rühren sie von den Begegnungen im Wasser her, während der Schlafende langsam zurück an die Oberfläche des Tages taucht. Das Aufwachen ist das Stranden auf dem Sand des Küstensaums. Der wache Tag: ein Landgang. Bis es am Abend zurückgeht an den Strand und in den Schlaf. 2.9.2009: Abendkino. Die Menschen, die kurz vor Sonnenuntergang den Strand betreten und stehend und im Sand sitzend still auf die große Leinwand Himmel starren. 1.9.2009: Frauen, die von der Sehnsucht umspült im Strandbett den Sonnenuntergang erfahren. 31.8.2009: Wellness Wellenbad. 30.8.2009: Strandleben, je länger man hinschaut: ein Stilleben. 29.8.2009: Was das Salz für das Wasser des Meeres ist, ist die Paprika für das Feuer der Liebe. 28.8.2009: Der Tag, ein vieles in sich bergendes und offenbarendes Meer. 27.8.2009: Attraktionen am Strand, wogende Wellenberge, die alle hinwegtragen. 26.8.2009: Zwischen den Zeilen des Meeres lesen. 25.8.2009: In den Zimmern der Zeit den Tag erleben; sie sind nicht gleich groß. 24.8.2009: Ostsee. Die Sandburgmauern und die Wind- und Blickschutzzäune: innerdeutsche Grenzanlagen. 23.8.2009: Natalia Lisboas Tochter Rita: „Aber wer sagt denn, daß man Haustiere duzen darf?“ 22.8.2009: Sich jeden Werktag einen Reim auf sein Tagwerk machen. (Am Feiertag steht nur eine ungereimte Tagfeier auf dem Programm.) 21.8.2009: Natalia Lisboa: „Von meiner Londoner Zeit habe ich vor allem eins in Erinnerung: Tee im Regen am Trafalgar Square.“ 20.8.2009: Junge Frauen am Strand, die längst nicht mehr mit Puppen spielen, die selbst wie große Puppen wirken. 19.8.2009: Das Meer, dieses wechselhafte Fresko aus Farbe, Bewegung, Licht. 18.8.2009: Sich sein Staunen ausschlafen. 17.8.2009: Wenn die Tochter des Hauses die Nachbarin grüßt, so frisch, so frei, so fröhlich, als wäre das Guten Morgen die selbstverständlichste Arie, die Menschen über die Lippen hinweg erschallen lassen, dann geht eine Sonne auf, mögen die Wolken noch so düster und zerrissen über die nahen Bergesgipfel schleichen. 16.8.2009: Der Surrealismus ein Strandphänomen, wenn unter dem blauen Himmel, bei leichtem Wind, das getäfelte Meer bis ins Unendliche führt, im geschwängerten Licht die Badenden verschwimmen und die Wellen zersplittern und über den Sand hinweg schäumen. 15.8.2009: Natalia Lisboa: „Wir gingen an den Strand des Meeres, welcher hinter dem Haus sich öffnete. Die vor Stunden noch fauchenden Wellen waren jetzt ruhig. Die ungewohnte Stille war der Spiegel, in dem wir uns endlich erkannten.“ 14.8.2009: Frage am Abend: Was hast du heute gegen den Schmerz in der Welt getan? 13.8.2009: Meditieren am Meer. Die aufgewühlten Wellen die Mantras, die das Bewußtsein nach und nach ausfüllen. Der Meditierende verwandelt sich in das Branden, Tosen, Rauschen und Fauchen selbst. 12.8.2009: Hafen, abfahrendes Schiff, winkende Menschen; dieses Trennungswinken ist, in gewisser Weise, ein rührendes Zeichen, das Menschen sich geben. Rührend, weil das Winken das Wissen verwischt wie auch zugleich hervorkehrt, daß jedem und allen eine große Trennung bevorsteht, die über die kleine Trennung mit dem Schiff weit hinausgeht. 11.8.2009: Ins Blaue, auch ins Graue hinein schreiben (errötendes Tun). 10.8.2009: Das rhythmische Anklatschen der Wellen; akustische Einschlafmassage. 9.8.2009: Die Stärken stärken und die Schwächen schwächen. 8.8.2009: Was sind die Wahrzeichen des Lebens? 7.8.2009: Natalia Lisboa: „Selbst Gott kann sich nur verständlich ausdrücken, wenn er die Grammatik beherrscht. Noch vor dem Wort Gottes steht die Grammatik.“ 6.8.2009: Das Leben ist eine schöne Bescherung. 5.8.2009: Das älteste Epos der Welt ist das menschliche Gesicht. 4.8.2009: Natalia Lisboa: „Die eigene moralische Integrität, welch ein flüchtiges Phänomen, jeden Morgen erfolgt der Ruf an den Tatort des Alltags, sie muß man sich immer neu beweisen.“ 3.8.2009: Rose, farbige Jahreszeitengefährtin. 2.8.2009: Wellen der Berge, die Trauben mundbar wie je die Früchte des Paradieses. 1.8.2009: Eine Bekanntschaft schließen und eine Freundschaft eröffnen. 31.7.2009: Die heißen Sommerstürme, von wehendem Klang, unerfindlich in ihrer Trauer, stimulieren die Tagträume des Friedens. 30.7.2009: Am Strand von Havanna dieses junge, wilde Genie, in dem der göttliche Funke lebt, der göttliche Funke ist einfach nur sein Herzschlag der Rücksichtslosigkeit. 29.7.2009: Zeichnen, ein Sprechen in der Stille. 28.7.2009: Am Strand am Meer versanden die Meinungen. 27.7.2009: Glück ist das, was einem glückt. In Deutschland kann man sich Glück auch erarbeiten. 26.7.2009: Natalia Lisboa, in einem Billett seufzend: „Ich leide an meinen schlaflosen Tagen.“ 25.7.2009: Das Gewitter, ein wüstes Gedicht des Himmels, verfaßt in einer fürchterlichen Handschrift. 24.7.2009: Die süße Vergeßlichkeit der jungen Frau: als es an der Ampel grün wird, bleibt sie stehen, ihr Schwerpunkt in der Hüfte und ihr Blick an eine Wolke geheftet. 23.7.2009: Sie studierte jeden Morgen Seekarten und hörte die Wellen rauschen. 22.7.2009: Die Müdigkeit ist die Dämmerung der Wachheit. 21.7.2009: Unter Menschen kommen, unter die Räder kommen. 20.7.2009: Morgentau, auf dem Handrücken zitternd. 19.7.2009: Torjubel, wenn der Ball im Netz der Erkenntnis zappelt. 18.7.2009: Poesie: Übergänge schaffen. Von hier nach dort. Aus der Lähmung ins Beflügeltsein. Vom Land an die See. 17.7.2009: Liebe: empfänglich sein für die Sätze aus der Enzyklopädie des Entzückens. 16.7.2009: Den Tag begehen, geradewegs auf einer krummen Linie. 15.7.2009: Schwangerschaft ist eine Art Textinterpretation. 14.7.2009: Er studierte Landkarten, auf denen Ameisenwege verzeichnet waren. 13.7.2009: Natalia Lisboa an Carl Apfelschnitz: „Wenn du müde bist, in deinem Innern, und niedersinkst, unkreativ, blaß, mit geschlossenen Augen, bist du doch ganz da, draußen, mitten im Leben, ein Inbild der Zerbrechlichkeit.“ 12.7.2009: In Erinnerung grabend, im Schutt der Zeit, fand sie das Troja ihrer Kindheit. 11.7.2009: Natalia Lisboa schreibt: „Die Schweißperlen auf dem Angesicht des geliebten Menschen: schlechthin unbezahlbare Perlen.“ 10.7.2009: Beugsam sein (und sich zum Beispiel zu den Steinen am Strand hinunterbeugen). 9.7.2009: Bach-Suite, das ist für die Kinder eine Naturwanne des Katzenbachs, in dem sie den lieben langen Tag lang baden, tauchen, spielen. 8.7.2009: Die Spiritualität der im Sommer abgedunkelten Wohnung, und des Baums unendliches Klirren dringt auf Schmetterlingsflügeln durch die Ritzen der Jalousien herein. 7.7.2009: Marines Make-up. Sie bewegt sich in dieser weichen, salzigen Luft am Strand und bemerkt gar nicht, wie sich ihre Maske auflöst und ihre Schönheit zu Tage tritt. 6.7.2009: Die utopische Pflanze. Am Strand sagt die junge, große Frau, und sie sagt es zurückgeneigt und zugleich das Meer fest im schwebenden Blick: „Von der Ewigkeit gehen so viele Reize aus.“ Ihr Strandnachbar ist von dieser Äußerung betört, er kann sie nicht verstehen, und so gibt er sich der Vorstellung hin, die Frau neben ihm sei eine utopische Pflanze, die es an den Strand verschlagen hat. 5.7.2009: Nachts auf der Wiese am Fluß sich in den Mond legen. 4.7.2009: Eine Art Musik. Mit leeren Händen kommen, mit leeren Händen gehen, den Kopf voll Flausen und das Herz voll Liebe. 3.7.2009: Im Schatten gemeinsam rastend: Mensch und Ameisen. 2.7.2009: Mohnblumen und Kornblumen, diese kleinen Segelboote, flatternd auf dem wogenden Meer des Kornfelds. 1.7.2009: Helligkeit, Mysterium der Zartheit. 30.6.2009: Mozartklänge, Ballerinas für Ohren. 29.6.2009: Der Weisheit erster Schritt ist das Staunen; der letzte: das Staunen mit Humor zu verbinden. 28.6.2009: Der Stift – ein Zauberstab, der die unsichtbare Stimme sichtbar macht. 27.6.2009: Die Zeiten, die man erlebt, sind wie die Zeilen des Lebens, des Buches, das man ständig wird, wie ein rauschender Baum in der Landschaft. 26.6.2009: Der Traum, eine Allee in den Morgen. 25.6.2009: Sich bewegen lassen von dem Weg, in dem man aufgeht. Sich beeinflussen lassen von dem Fluß, in den man eintaucht. Sich bestimmen lassen von der Stimme, in die man sich einhört. 24.6.2009: Jeden Morgen den Lustgarten betreten, den Alltag. 23.6.2009: Liebe ist das unsichtbare Fahrwasser, das einen ans Ziel träumt. 22.6.2009: Liebe ist die Zeit, in der die Menschen ihre Flügel wieder fühlen. 21.6.2009: Zu jedem Schritt, den man tut, mag die Liebe beitragen; sie ist das Geheimnis des Tages. 20.6.2009: Liebe ist der Ort, an dem die Sterne geboren werden. 19.6.2009: Sich aufbäumen, weil Metaphern Kraft geben. 18.6.2009: Sich amüsieren, weil es nichts zu lachen gibt. 17.6.2009: Sich öffnen, weil man eine Blume ist. 16.6.2009: Sich deuten, weil man ein Gedicht ist. 15.6.2009: Sich aufgeben, weil man ein Brief ist. 14.6.2009: Sich dem Himmel entgegen drehen, weil man von der Erde genug hat. 13.6.2009: Sich benehmen, weil man vergeben ist. 12.6.2009: Sich mit sich anfreunden, weil man sich fremd ist. 11.6.2009: Sich finden, weil man verloren ist. 10.6.2009: Sich lösen, weil man ein Rätsel ist. 9.6.2009: Liebe = Ermutigung erfahren. 8.6.2009: Sich mit einem Gedanken tragen, sich in die Welt hinaus und in die Geborgenheit hinein tragen. 7.6.2009: Als die Frau die Felle wegschwimmen sieht, atmet sie auf. 6.6.2009: Liebesflüstern, Herzkammermusik. 5.6.2009: Diese Sehnsucht, die einem Beine macht, glitzert am Horizont, am Horizont der Welt. 4.6.2009: Heimat, ein Potemkinsches Dorf. 3.6.2009: Im Gehäuse eines Apfels macht sichs eine Ameise bequem, sie legt sich hin und schläft. 2.6.2009: Jeden Tag Herz genug haben für eine gute Tat. 1.6.2009: Besuch jedes Tal, geh in jede schmutzige Gasse, schlaf in jedem finsteren Loch, sammle jede Träne und gib sie alle dem Meer zurück. 31.5.2009: Solange spazieren, bis man das Ufer des inneren Flusses erreicht, das Ufer jenes Flusses, der man selber ist. 30.5.2009: Das Leben ein Tagtraum. 29.5.2009: Mäuse und Katze = Wünsche und Mensch. 28.5.2009: Was weiß man längst? Woraus hat man immer noch keine Konsequenzen gezogen? 27.5.2009: Der Philosoph sagt, für ihn sei der schönste Innenraum der Philosophinnenraum. 26.5.2009: „Die toten Seelen“ – ist das nicht ein Gegenwartsroman? 25.5.2009: Kinder, nachwachsender Feinstoff. 24.5.2009: Glitzern von Humor ist eine Form der Liebe. 23.5.2009: Man knipst den Fernseher an, und es beschleicht einen das Gefühl, eine Verfilmung der Hölle zu sehen. 22.5.2009: Fruchtig, unergründlich und durchscheinend sein wie eine Stachelbeere. 21.5.2009: Aus dem Spiegellabyrinth des Alltags den Weg hinausfinden ins Freie, ins Wirtliche, ins Luftigwindige. 20.5.2009: Sie lächelte, auf ihrem Gesicht der unsichtbare Abdruck eines Kusses. 19.5.2009: Eine Kurve leben. 18.5.2009: Wie der Hund zu seinem Namen kam. Er bellte schon als Welpe für sein Leben gern. Er hörte einfach nicht auf damit. Eines Tages nannte die Tochter ihn Rebell. 17.5.2009: Jede Zeile eine Welle der Hoffnung, die am Strand der Sehnsucht bricht. 16.5.2009: Zur Stärkung empfohlen. Aus einer Kanne, gefüllt mit Luft, etwas in ein Glas füllen und das Glas langsam leertrinken. 15.5.2009: Der Alltag, diese nicht geräuschlose Kirmesbudenwiese. 14.5.2009: Das, was einen anspielt, ist das, was sich abspielt, das Leben. 13.5.2009: Schaukelnde Äste illustrieren den Wind, schaukelnde Kinder das Glück. 12.5.2009: Dichter sein heißt wahrscheinlich so viel wie sorgfältigst leben. Sorgfältigst leben heißt wohl so viel wie die Blumen des Guten pflanzen und nach gusto auch besingen. 11.5.2009: Rezept für seelische Gesundheit: Einmal am Tag aufatmen und sich in die Blumen fallen lassen. 10.5.2009: Der Sonnenbrand, ein Knutschfleck der Sonne. 9.5.2009: Die Musik ist die Rettung. 8.5.2009: Sie verloren sich in den Fängen der Sehnsucht. Sie betteten sich auf dem Schaum der Kronen, die das Meer ihnen unermüdlich zuwarf. Sie zählten von unendlich an abwärts. 7.5.2009: Ideal: das unmerkliche Lächeln, die unmerkliche Träne im Angesicht. 6.5.2009: Die schöne Literatur ist dort, wo sie ganz bei sich selbst ist, wenig mehr als eine Ansammlung therapeutischer Lehrsätze. Goethes Erfolg verdankt sich nicht zuletzt seiner Fähigkeit, mit Sätzen zu heilen. Goethe war der rhetorisch bedeutendste Arzt der deutschen Medizingeschichte. 5.5.2009: Horizonte, Wellen verschwimmen, in den Dünen Windstille; dann und wann prickelt Regen in den Sand, und die Erinnerung an morgen verblaßt. 4.5.2009: Egal, um wieviel Uhr man morgens erwacht, man erscheint immer pünktlich in der Schule der Schmerzen, im Leben. 3.5.2009: Jedes Schlafen ist ein Probeschlafen vor dem großen Schlaf dermaleinst. Miteinander schlafen: der Probe fernbleiben und das Leben feiern. 2.5.2009: Urlaub machen in Kastanien. 1.5.2009: Diese Fliederalleen, diese Fliederwälder, schaukelnd im Wind, glänzend im Morgenlicht, Heroin für die Seele. 30.4.2009: Natalia Lisboa schreibt aus Sintra: „In der Küche atmen aus den Gewürzschalen die Farben der Welt, das Lachen der Liebe mischt sich mit dem stillen Gespräch der Augen, das hexenküchenhafte Brutzeln und Brodeln in den Töpfen und Pfannen zeugt von den vergänglichen Substanzen des Lebens, der Frühlingswind, hingebungsvoll und ungewöhnlich heiß, bläst vom Garten herein und trägt das Vorgefühl der zarten Geflicktheit der Paare in sich, ein Vorgefühl, das einen der Länge nach hinwirft, so daß man, scheint’s, am Ufer im Sand dürstet und den nahe vorüberziehenden Fluß des Lebens unentwegt murmeln und flüstern, küssen und schluchzen hört.“ 29.4.2009: Morgens ein Wirbelwind, gefolgt von einem Regenguß um zwölf; nachmittags Stille; am Abend der Auftritt der Ameisen, zu beobachten beim Überqueren des Himalaya, der kleinen Gartenmauer. 28.4.2009: Morgens das Kreuzfahrtschiff der Träume und Alpträume verlassen und den Landgang über die Insel des Tages antreten. Wie es auch sei, das Leben, am Ende aller Landgänge wird man das absolute Kreuzfahrtschiff betreten, das an keiner weiteren Insel mehr anlegen wird, ein Schiff der Stille und Dunkelheit, der unerdenklichen Weite des Nichts. 27.4.2009: Aufmerksam sein und die innere Musik hören – ist das nicht fast dasselbe? 26.4.2009: Männer sind, was die Bartpflege angeht, die Förster ihres Gesichts. 25.4.2009: Nach dem Schlaf und dem Aufblick ins Licht weiterreisen im Zeitland, das die Meere und Berge umschließt. 24.4.2009: Welche Souvenirs könnte man aus dem Alltag mit nachhause nehmen? 23.4.2009: Die Ohrmuscheln fühlen sich am Wasser am wohlsten; der Klang der brandenden See ist ihr Klang, der Klang ihrer Heimat. 22.4.2009: Der Dichter ist eine Art Bauer. Mit seinen Versen pflügt er das brache Papierfeld. Die Ernte lesen dürfen andere. 21.4.2009: Menschen sind entlaufene Bäume, die sich danach sehnen, Wurzeln zu schlagen. 20.4.2009: Am Ende eines langen Tages das Bett wiederfinden wie ein im Schilf verstecktes Boot. 19.4.2009: Die Scheinheilige, die, zumindest aus dem Schatten heraus, zu verehren ist, die Sonne, die scheinende, heilige. 18.4.2009: Ein chinesischer Nationalsport – in Shanghai offensichtlich: Shopping Pong. 17.4.2009: Auch morgen wieder wird die Welt voller Musik sein, schön sein, und ich höre sie schon, die Töne und die Geräusche, das Rascheln in deinem Haar, das Pochen in deiner Brust, das Gurren der Tauben im Lüftungsschacht, das Sausen des Winds in der offenen Ladentür, das Röcheln der kettenrauchenden Nachbarin, das ferne Anschlagen der Hunde auf dem verlassenen Industriegelände, das Rauschen des untergehenden Monds über dem See. 16.4.2009: Einmal täglich Gymnastik machen – sich auf den Arm nehmen. 15.4.2009: Eine jungfräuliche Zeile schreiben, eine, die einfach zu nichts zu gebrauchen ist, das wärs! 14.4.2009: Morgentau = Eau de Toilette Naturelle mit der blumigen Herznote. 13.4.2009: Die Fröhlichkeit der Blicke der frisch Verliebten ist wie der heitere Himmel zum Glück ein vorübergehendes Phänomen. Nur wenn der Himmel immer wieder auch voll weinender und schluchzender Geigen hängt, wächst Gras und erneuert sich die Erde und fliegt Samen hinaus zu verjüngendem Leben. 12.4.2009: Vor der Dimension der Ewigkeit erhält das einfache Leben seinen Glanz. 11.4.2009: Blühender Weißdorn, süßer Duft, Duft des süßen Lebens. 10.4.2009: N.L.: „Unzerstritten flattern die Vögel über den Himmel ins Gebirge, und die Menschen darunter gehen am reißenden Fluß. Auf dem Hügel leuchtet im Sonnenlicht die Eiche. Im Herzen der Frau, die über die Wiese flieht, steigt der Ruf der Sehnsucht auf, während in der nahen Stadt ein Gewitter die Kinder berückt.“ 9.4.2009: Die Bäume mit geschlüpften Blätterchen, zart wie Babyhändchen. 8.4.2009: Matchball. Die Spieler ballten sich zusammen und zappelten im Netz. 7.4.2009: Täglich-allzutägliche Aufgabe: den Mitmenschen leiden können. 6.4.2009: Die Weltanschauung, die vielleicht gilt, ist diejenige, die ein Weltenbummler hat, ein Mensch, dessen Leben eine einzige große Bummelei ist und der aus dem Bummeln heraus sich das unbummelige Weltgetriebe anschaut. 5.4.2009: Nicht nur im Traum das Gefühl haben, als sei die Welt ein einziger großer Schwindel, der einen schwindeln läßt. 4.4.2009: Liebe ist ein Färbemittel, mit dem sich zwei Menschen bunt anstreichen. 3.4.2009: Es ist schier unmöglich, sich nicht bestimmen zu lassen. Egal, wie sehr man hüpft, hin und her hüpft, durchs ganze Land oder gar durch die ganze Welt hüpft, immer nimmt man eine Position ein, die sich bestimmen läßt. 2.4.2009: Die Augen öffnen sich. Jeden Morgen. Unbegreifliches Geschehen. 1.4.2009: Die Wellen, die im flatternden Wind Richtung Küste wandern, diese wilde Lockenpracht der See. 31.3.2009: Erstaunlich, wie die Zeit sich mit jedem Tag der Zukunft annähert, ohne sie je zu erreichen. 30.3.2009: Falten und Narben, die Hieroglyphen des weitgereisten Menschen. 29.3.2009: An der Küste. Der Weg der Liebe, ein schöner Weg, krumm, steil, hoch überm Abgrund führt er entlang und bietet jähe Ausblicke – in der Ferne kräuseln sich die Schaumkronen des Meeres –, er ist anstrengend und wohltuend, er ist der einzige Weg, der Weg, der weiterführt. 28.3.2009: Das Lächeln ist das Visum für die Einreise ins Herzland des Gegenübers. 27.3.2009: Sobald man geboren wird, ist er da: der Rest des Lebens, und man kann aus ihm, aus dem Rest, unterhaltsame Träume formen. 26.3.2009: Das Zögern, weiterzugehen, gehört zu jedem guten Spaziergang. 25.3.2009: In der Gemäldegalerie immer das Gefühl, in der idealen Schule zu sein. 24.3.2009: Man muß im Leben nicht esoterisch sein. Das Leben selbst ist esoterisch. 23.3.2009: Sich vom Regen akupunktieren lassen. 22.3.2009: In einem Billett von Natalia Lisboa steht: „Mit den Tagen und Vögeln die hängenden Gärten des Frühlings hinaufsteigen – so will es die Natur, scheint mir.“ 21.3.2009: Das Leben, eine Trauerfeier. 20.3.2009: Der schönste Gesichtspunkt ist der, den man küßt. 19.3.2009: Am Ufer das Klatschen der Zeit, das Verfließen des Raums, das Hinwegschweben auf dem Teppich eines goldenen Traums. 18.3.2009: Unter dem blau scheinenden Himmel gehen und das Unaussprechliche an der Wange fühlen (als Windhauch des Lebens). 17.3.2009: Augentrost. Die Erinnerung an das Lächeln eines verstorbenen Menschen ist das Blumenfeld des Bewußtseins. 16.3.2009: Ihre Augen, auf lichte Weise bewölkt. 15.3.2009: Gedicht, ein vorleises Mundwerk der Liebe. 14.3.2009: Zum Gesang der Welt gehört auch das schluchzende Weinen. Es ist ein Gesang, der intensiv ist, aber keine Freude bereitet. 13.3.2009: Angesichts des Irrsinns in der Welt ist man vielleicht nur dann normal, wenn man auf andere Weise verrückt ist. Also: auf andere Weise verrückt sein und mit den Toten sprechen und sie so, wenn auch nur im virtuellen Raum, am Leben erhalten. 12.3.2009: Nebel und später das Meer, in ihm verschwinden die Menschen. 11.3.2009: Den Goldschatz der Liebe – bisweilen hält man ihn in den Armen, ohne ihn zu sehen. 10.3.2009: Das Leben aus den Gedanken aufsprudeln lassen wie eine Quelle. 9.3.2009: Strandgut finden, sich selbst. 8.3.2009: Auf der Kreisbahn des Lebens jeden Tag in diesen Tunnel des Schlafs. 7.3.2009: Ein Tag, ein Mystiker im Wandel. 6.3.2009: Maxime. Unbegreiflich bleiben jeden Tag, wie das Leben selbst. 5.3.2009: Von der Reise eine Postkarte schreiben mit der Zeichnung der Wege, die man gegangen ist. Die Zeichnung ist ein einziges schönes Gewirr und eine Metapher des eigenen Lebens. 4.3.2009: Beim Zitieren von Goethe das Gefühl, daß nicht ich Goethe zitiere, sondern daß Goethe mich zitiert, zu sich zitiert, auf die liebevollste, schönste, auch lustigste Weise. 3.3.2009: Im nebligen Gebirge der Gedanken die Orientierung verlieren und sich an das Wissen der Füße halten. 2.3.2009: Nicht nur soll man die Feste, wie sie fallen, feiern, sondern auch das Fest aller Feste, das Leben. 1.3.2009: Jeder irrt auf dem Schiff der Gegenwart, das sein Leben ist. Ob mans steuern kann, während es in den sprühenden Fluten und den ewigen Strömungen des Ozeans treibt, weiß man nicht und glaubt man kaum. 28.2.2009: Im Regen sich regen, im Wind wie der Wind sein, in der Luft luftig scheinen, im Feuer brennen. 27.2.2009: In die Berge steigen und sich von den umherkriechenden Wolkenschwaden an der Wange streicheln lassen. 26.2.2009: Nachts wie ein Irrlicht reisen, ein Irrlicht der Liebe. 25.2.2009: Hinausgehen und die Fährte des Menschen aufnehmen. 24.2.2009: Das Leben ein Wellenspiel, die Sonne blendet, alles geht vorüber. 23.2.2009: Wenn man nicht viel Zeit zum Gehen hat, kann man fragmentarisch gehen. Man geht den Weg nicht zuende und bricht ihn ab. Fragmentarische Spaziergänge bewegen und lassen nicht los. 22.2.2009: Schlittschuhlaufen auf dem zugefrorenen Fluß der Erinnerung. 21.2.2009: Reiseleiter, wildfremde Passanten, denen man eine Zeitlang hinterhergeht und die einem unbemerkt einen neuen Weg zeigen. 20.2.2009: Die Dusche die Grotte aus Porzellan, der Wasserfall stürzt gischtsprühend aus der Duschkopfhöhe hernieder; die Wildnis, eingebettet ins Zuhause. 19.2.2009: Gesicht, Lichtung der Sinne, Lichtung der Person. 18.2.2009: Rot geschminkte Lippen wirken gut im grauen Alltag. 17.2.2009: Meteorologe der Seele sein, den inneren Himmel beobachten, vor einem aufziehenden Sturm sich in acht nehmen. 16.2.2009: Die goldenen Schellenglöckchen der alemannischen Narren, hundertfach angebracht am Kostüm, klingeln und rasseln bei jedem Schritt. (Der tanzende Narr eine Stromschnelle aus Hieroglyphen.) 15.2.2009: Die Verwandlung der Landschaft im Schnee, das Gefühl der Weite, Helligkeit, Härte und Süßigkeit, das die unendlichen Gänge über die Berge begleitet... sie geht einher, nebenbei, mit der Verwandlung des Traums vom inneren Leben in geträumtes Leben. 14.2.2009: Von Tag zu Tag durch den Tunnel der Nacht. (Ein Traum das Licht am Ende des Tunnels.) 13.2.2009: Verloren, ungefunden, im Innern des Passanten eröffnet sich wie eine Blume die abenteuerliche Welt der Träume und liebender Anteilnahme. 12.2.2009: Carl Apfelschnitz meint: „Kreativ sein ist wie Wasserlassen; ohne daß man viel dafür kann, sprudelt es.“ 11.2.2009: Aus ihren Augen, blaßhell, schauen Träume fernweg ins Unendliche hinaus. 10.2.2009: Die Ouverture des Tages – das Licht, das der Traum aus einer verwunschenen Welt herübersendet. 9.2.2009: Maxime. Pfeife auf die Maximen und geh deiner Wege. 8.2.2009: Jemanden im Regen stehen lassen, ist im Grund eine schöne Handlung. 7.2.2009: Leger-leicht verloren in den Zimmern der Welt, in die hinein das akkurate Lachen der Sonne scheint. 6.2.2009: Sie saß jeden Abend vor dem Fernwehapparat. Sie las Gedichte. 5.2.2009: Morgens die Gedanken schütteln, ohne den Kopf zu bewegen, und es glitzern die Felder mit ihren Perlen vor einem; die Lust, die Landschaft bis zum Horizont zu erwandern, ist unzähmbar. 4.2.2009: Die Liebe, Komplizin in der Sache des Lebens. 3.2.2009: Leben, jemandem im Vorübergehen ins Gesicht sehen und in seinen Augen die Funken der Liebe entzünden. 2.2.2009: Gedanken, dieses unendliche Heer, das ein windschiefes Dorf belagert. (Das Dorf des Ich.) Eines Nachts fegt der Sturm das Dorf hinweg, und als es Tag wird, hat sich auch das Heer in Luft aufgelöst. 1.2.2009: Gedanken wie heimelige Häuser, in die man en passant hineinspaziert. 31.1.2009: Auf einer Wanderung den Handatlas, das Handinnere, öffnen und seinen Weg finden. 30.1.2009: Leben, das Brennen der Bedeutungen. 29.1.2009: Wie viele Tränen verweint ein Mensch in einem Leben? Tausend und eine? So viele, wie man Sterne am Himmel zählen kann? Man weiß es nicht. 28.1.2009: Faszinierend, daß die Welt keinen Mittelpunkt hat. Um es umgekehrt zu formulieren: Egal, wo ich steh und geh, immer befinde ich mich im Mittelpunkt der Welt. 27.1.2009: Ist nicht die Linie des Lächelns die erstaunlichste Linie des Universums? 26.1.2009: Neubeginn, dieses gewaltige Sprudeln, das allein aus diesem Wort entspringt. 25.1.2009: So lange gehen, bis man das Gefühl hat, im Palast des Tages angekommen zu sein. 24.1.2009: Zwei, die sich berühren, und deren Härchen an den Unterarmen elektrisch sind und sich ineinanderweben wie Unterwassergräser im reißenden Strom. 23.1.2009: Die blonde Träumerin, angelehnt an die grüne, marmorne Theke mit den weißen Adern, sagt Sätze düster wie Ginster, während sich der Verlorene im Blau ihrer Augen spiegelt und das Meer rauschen hört. 22.1.2009: Das Wartezimmer ein Ort nicht von diesem Leben. Das Wartezimmer das Antizimmer des Lebens. Das Wartezimmer das unhübsche Vestibül des Todes. 21.1.2009: Das gelangweilte Kind schießt auf die Brotscheibe. (Zen oder die Kunst des Bogenschützen.) 20.1.2009: Das Bewußtsein ist wie eine stehende Meereswelle, die durch einen hindurchrollt. 19.1.2009: Die Wohnung, dieses private Hotel, morgens verlassen, um eine Reise zu tun, den Spaziergang durch die offene Gegend der Welt, und abends wieder absteigen und zuhause sein im schönsten, besten Hotel, das sich nur finden läßt. 18.1.2009: Maxime. Tage noch und noch leben und sehen, daß die Helligkeit ins Innerste dringt und einem auch in düsteren Stunden den Weg zu gehen zeigt. 17.1.2009: Schafe. Nicht leicht ist, was vor sich geht, zu fassen, und so begreifen sie das Leben kaum. 16.1.2009: Der mäandernde Fluß leuchtender Stunden mündet ins Meer des Schlafs. 15.1.2009: Jemand liegt im Bett wie ein aufgeschlagener Weltatlas. 14.1.2009: Weil der Geist ein Porzellanladen ist, muß man die Elefanten draußen halten. 13.1.2009: Man lebt eigentlich auf zwei Planeten, auf der Erde bei Tag und auf der Erde bei Nacht. 12.1.2009: Sehnsucht, dieses tausendseitige Pferd. 11.1.2009: Zugefrorene Seen und Flüsse bedeuten Landgewinn. 10.1.2009: Jeden Tag anders in die Zeit hinein gehen, tanzen, laufen, schlittern, purzeln, eilen, schleichen, schlendern, rückwärts hüpfen und den Raum in seinen Farben zum Blühen und in seinen Tönen zum Singen bringen. 9.1.2009: Tragödie des Lebens. Aus dem neugierigen Kinde wird ein alter, gieriger Kunde. 8.1.2009: Daß es künstliche Intelligenz gibt, weiß man inzwischen. Bei der natürlichen Intelligenz ist man sich nicht sicher. 7.1.2009: Die Felder von Eisblumen, zum Anschauen, nicht zum Pflücken, am Fenster, lösen sich, wenn die Sonne erscheint, in Wasser auf. xx.xx.xxxx: Dieser Eintrag [ein Eintrag nicht nur für diesen Tag] gedenkt der Menschen, die aufgrund einer zynischen, menschenverachtenden Politik verletzt, verstümmelt, getötet werden. 5.1.2009: Statt kritisieren immer nur erinnern sagen. Eine Kritik eine Erinnerung nennen. 4.1.2009: Leise schweben weiße Kristalle vom Himmel. 3.1.2009: Auf dem zugefrorenen See fühlt man die Brüchigkeit des Lebens auf besonders nahegehende Weise. Der mehrfache Hall des springenden Pucks auf dem Eis und das untergründige Echo der Schläger, die auf das Eis aufschlagen (die Kinder spielen Hockey), erinnern in ihren Molltönen an ein dumpfes Requiem, das unaufhörlich aus der Tiefe des Sees herauftönt. 2.1.2009: Kolumbus, alt geworden, entdeckte, daß er inkontinent war. 1.1.2009: Stille, unendliches Gut, aus der, unendlich langsam und behutsam, eine Melodie entsteht; die Melodie übertönt die Stille nicht, Melodie und Stille sind ein Paar. 31.12.2008: Leicht beieinander wohnen die Liebenden, doch in der Zeit entfremden sich die Menschen. 30.12.2008: Sich in den Tag stürzen wie in ein offenes Meer. 29.12.2008: Aufstehen und zum mitgehenden Betrachter des Tages werden. 28.12.2008: Hinausgehen und nach bunten Kieselsteinen suchen (eine Form von Laissez-faire). 27.12.2008: Das unstillbare Heimweh – oder Stille nur in der Sehnsucht finden. 26.12.2008: Der makellos blaue Himmel ist der Himmel auf Erden. 25.12.2008: [1000. Eintrag:] Natalia Lisboa: „Unbegehbar das Haus des Lebens, es zerfällt, du wirst verwiesen, der Weg, dein Gang, das Glück, alles verloren, verlassen, verbrannt. Fetzen kreisen über den Wiesen. // Keusch sitzt du am Wegrand in Erwartung des Unmöglichen; die Nacht bricht herein, die Sterne glänzen, zittern. Die Rehe, die vorüberkommen, küssen dein Ohr, die Wange, du suchst ihren Schlafplatz und legst dich in die Kuhle, die Wärme des Rehkitzes wärmt dich, und auf deine Lider legt sich der Tau der Nacht wie ein Schleier nieder. // Verborgen in den Träumen, wanderst du ins Helle zu den Sternen hinauf. So gehts vorüber, und am Ende schmeckst du die Weite der Liebe. // Beflügelt steigst du ab und fühlst die Kälte des Tals, der Mond rollt fern vorüber, jenseits des Buchenwalds, und schweigt im Leben lieber. // Die Sonne dringt durch stürmische Schleier atmend, glühend immer weiter vor und küßt mit einemmal, befreit von diesen Jalousien, der Landschaft hügelige Busen wach zum Leben, Glänzen wieder.“ 24.12.2008: Natalia Lisboa: „Zu sich kommen, wenn man gesund ist, morgens, und plötzlich den hellen Tag sehen, ist vielleicht das Unheimlichste und zugleich das Beglückendste im Leben.“ 23.12.2008: Das Zittern, Wasserzittern, im Auge des Anderen sehen. 22.12.2008: Das Branden des Luftmeers am Hausfelsen, das Baden der Schwalben in der Luftsee. 21.12.2008: Im tiefsten Schacht des Lebens das Licht der Liebe entzünden. 20.12.2008: Die Kühle im Kleiderschrank an der Wange fühlen. 19.12.2008: Vorsinnen, nachsinnen, das Unermeßliche ermessen, das Leben erleben, die Liebe erlieben, schönstes Tun. 18.12.2008: Karl Aufpasser ist ein sorgfältiger Mensch – wenn er etwas verliert, verliert er alles. 17.12.2008: Aufsehen und in der Wolkenlücke das ameisenhafte Licht begrüßen. 16.12.2008: Aufstehen und wieder, unermüdlich, nach dem Unsinn des Lebens suchen. 15.12.2008: Aufstehen und nach der alten Erkenntnis lechzen, um sie sich neu anzuverwandeln. 14.12.2008: Feine Wege sehen in den Gedanken des Gegenüber. 13.12.2008: Man hat den Mund, um ihn aufzumachen. 12.12.2008: Via nova / vita nova – ein neuer Weg ist ein neues Leben. 11.12.2008: Aufwachen und sich in einer weltoffenen Gegend wiederfinden. 10.12.2008: Bestimmt unbestimmt bleiben und so vielleicht schön und leer. 9.12.2008: In der Wirklichkeit verloren, unter blauem Himmel, dem Menschen nah, summend und singend, während die Welt im Schleier langsam verschwimmt. 8.12.2008: Morgens aufstehen und wieder hereinfallen – auf die hinterlistige Illusion eines sinnvollen Lebens. 7.12.2008: Blüten abseits in einer warmen Waldlichtung versteckt zwischen niedergesunkenen Sommergräsern. 6.12.2008: Einen neuen Weg finden allein dadurch, daß man die Reise mit dem schwachen Fuß beginnt. 5.12.2008: Hypnologie. Je mehr man schläft, desto weniger Schlaf hat man. 4.12.2008: Die Fanblocks in den Stadien, fauchende Ungeheuer, fürchterliche Chordrachen. 3.12.2008: Aufwachen und sich von lichten Fäden in den Tag nähen lassen. 2.12.2008: Natalia Lisboa: „Der Weg von Sintra an das Cliff-Café hoch über dem tobenden Atlantik ist der Inbegriff der Liebe.“ 1.12.2008: So wie der Wind zwischen den Häusern saust, so saust der Humor zwischen den Zeilen. 30.11.2008: An eiskalten Tagen Wange an Wange verglühen. 29.11.2008: Nachts spirituell sein, unter den Sternen träumen. 28.11.2008: Tags spirituell sein, wandern auf der Schneide zwischen Sprache und Musik. 27.11.2008: Jemand, der sich schon glücklich schätzt, weil er bei Grün über die Straße gehen darf. 26.11.2008: Wer gute Bücher liest und gutes Essen ißt, wird deshalb nicht gleich zum guten Menschen. Geschieht die Verwandlung zum Besseren vielleicht erst dann, wenn man unerwartet stutzt – über einen schleierhaften Gedanken, über einen sonderbaren Geschmack? 25.11.2008: Sechs Tage sollst du an dir arbeiten (und deine innere Welt vergrößern und verbessern), am siebten Tage sollst du ruhen. 24.11.2008: Und das Lied nah im Verborgenen wohnend, hilft heimlich durch den Tag. 23.11.2008: Eine Sängerin, die ihren Reichtum an Tönen mit persönlichen Nuancen belebt und so erst die Zuhörer verzaubert. 22.11.2008: Liebe: jemandem lieb, aber nicht teuer, aber auch nicht billig sein. 21.11.2008: Unverloren im Tal ein Weg, und Schneewolken schleichen über die entschwindenden Gipfel. 20.11.2008: Morgens aufstehen und eine Nuance Nacht mit in den Tag nehmen. 19.11.2008: Jeden Tag eine Ferne finden und zu ihr wandern. 18.11.2008: Geist ist das, was einen Traubensaft zu Wein macht. 17.11.2008: Natalia Lisboa fragt: „Beginnt am Ende des Tages das eigentliche Studium? Mit Fragen wie diesen: Was habe ich falsch gemacht? Was richtig? Wie werde ich ein besserer Mensch? Und wird es am nächsten Morgen fortgesetzt mit der Erinnerung an die Antworten des Abends?“ 16.11.2008: Ein Mensch, der schweigt, ist wie eine Blume, die blüht. 15.11.2008: Ferner im Alltag, wenn man an die immer gleich trostlosen Plätze hetzt, unvermutet innehalten, die Augen öffnen und die Welt wie zum ersten Mal sehen. 14.11.2008: Damit ihre Kunst nicht brotlos sei, legte die Malerin einen Laib Brot auf den Arbeitstisch. 13.11.2008: Man sagt den lieben, langen Tag leicht viel falsches; man ist ein Falschsager. Übers Schweigen, grenzenlos wie der Wind, erreicht man das Wahrsagen? 12.11.2008: Ausgehen, um nach dem schönen, dem offenen, leeren Gesicht zu suchen. 11.11.2008: Das eigentliche Studium der Jugend ist das Leben. 10.11.2008: Der Kälte unverfroren begegnen. 9.11.2008: Still sein, die Gezeiten des Lichts sehen, atmen. 8.11.2008: Ein zweckloses Leben führen, höchste Kunst. 7.11.2008: Wenn in der Frühe die glutrote Sonne hinterm beschlagenen Fenster aufgeht, dann wird alles leicht. 6.11.2008: Geld sollte man prinzipiell nur verjubeln. (Das geht natürlich auch leise.) 5.11.2008: Wenn alle Autos nur mehr rückwärts fahren würden, dann änderte sich alles. 4.11.2008: Auf dem Gehsteig einer deutungsschwangeren Frau begegnet. 3.11.2008: Morgens ratlos, welche Miene man zum Lebensspiel machen soll. 2.11.2008: Hellauf verloren im Morgentaublau. 1.11.2008: Die Zeit, wenn sie über die Ufer tritt, schwemmt das Land der Stille. 31.10.2008: Jeden Tag wird einem von irgendwem die Zeit gestohlen – auf Nimmerwiedersehen. 30.10.2008: Natalia Lisboa: „Mit Tränen den Salat salzen.“ 29.10.2008: Der Maler malte Selbstportraits, Phantombilder. 28.10.2008: Bildung: Wo Esel war, soll Ich werden. 27.10.2008: Unbarmherzig sein – die größte Niederlage. 26.10.2008: Gerade im Spiel spielerisch sein. 25.10.2008: Bei heiterem Himmel wirken wenige gesprochene Worte wie Schönwetterwolken. 24.10.2008: Jeden Tag im eigenen Schlupfwinkel die weite Welt erfahren. 23.10.2008: Mitten im Alltag, irgendwo, eine liebliche Spur entdecken und, alles vergessend, ihr folgen und sehen, wohin sie einen führt. 22.10.2008: Ihre Schulbildung war die Fähigkeit, gegen den Wind segeln zu können. 21.10.2008: Wer sich gern auf der Heide bewegt, wird der nicht einen Hang zum Heidentum haben? 20.10.2008: Jeden Morgen der Sonne entgegengehen, den Tag lang, und auf diese Weise, bis zum Abend, eine schöne Kurve in die Landschaft zeichnen. 19.10.2008: Poesie sind die kleinen Flammen, die auf einem See zu schwimmen wissen. 18.10.2008: Natalia Lisboa: „Wenn Worte versagen, sagt ein Lächeln stattdessen vielleicht genug?“ 17.10.2008: Auf Papier Landstriche zeichnen. 16.10.2008: Natalia Lisboa: „Ich sah ein Kind an der Kasse mit Plastikspielzeugzahlen zahlen.“ 15.10.2008: Was geht morgens in Flammen auf? – Die Sonne. 14.10.2008: Was hat man eigentlich gegen Hinterwäldler? Kann nicht hinter dem Wald eine schöne Siedlung sein, und bestünde sie auch nur aus Baracken? Ist man aus der Perspektive der Hinterwäldler nicht selbst ein Hinterwäldler? Man sollte einmal die Vorderwäldler besuchen gehen. 13.10.2008: Kinder sind wie Katzen, sie streichen um die Häuser, schlüpfen durch Hecken, klettern auf Bäume, bringen erjagte Steine und Äste stolz mit nachhause, und wann immer es ihnen paßt, wollen sie gestreichelt und gekrault werden. 12.10.2008: In einem Konvolut bunter Laubblätter lesen und die Zeit vergessen. 11.10.2008: Der Oktober serviert die Farben. 10.10.2008: Jetzt Laubgold sammeln. 9.10.2008: Angesichts des Sonnentaus auf dem Haar einer Passantin die Augen erfrischen. 8.10.2008: Einmal wieder ins Daumenkino gehen. 7.10.2008: Von der Laufbahn abkommen und den Trödelweg einschlagen. 6.10.2008: Vorzug des Bohème-Lebens: man muß morgens nicht mehr aufstehen. Mangel des Bohème-Lebens: man erlebt den köstlichen Schreck nicht mehr, der mit dem Verschlafenhaben einhergeht. 5.10.2008: Der Sonntag ist auch ein Gehirnwäschetag. 4.10.2008: Jeden Tag wach sein für den einen Augenblick, in dem dieser Tag als ein schöner aufscheint und er in seiner Schönheit in einem langsam zerbricht. 3.10.2008: Gerade wenn es draußen regnet, drinnen besonnen sein. 2.10.2008: Sich vor einem Brombeerstrauch verneigen. 1.10.2008: Der Himmel ewiges Gemälde der Wandlungen. 30.9.2008: Natalia Lisboa: „Das Meer im Abendlicht ein goldenes Fließ.“ 29.9.2008: So wie Michelangelos „David“ im Marmorblock verborgen war, so sind wohl in jedem Menschen wunderschöne Gedanken verborgen. Es kommt darauf an, zu einem Michelangelo der inneren Sätze zu werden. 28.9.2008: Philosophieren heißt, um es in einem Gleichnis zu sagen, den Sonntag zum Alltag zu machen. Entsprechend gilt für Philosophen: Am siebten Tage sollst du arbeiten. 27.9.2008: Das Glück der Kindheit könnte sein, nicht zu wissen, daß ihre Tage gezählt sind. Die Utopie der Erwachsenen könnte sein, die Sphäre der ungezählten Tage wiederzubeleben. 26.9.2008: Angesichts der kleinen Schatten der Sehnsucht auf den stillen Wegen erlischt die Erinnerung an heiße Sommer. 25.9.2008: Daß die Evolution das Niesen hervorgebracht hat – diese Erschütterung des ganzen Gesichts. 24.9.2008: Jeden Morgen das erneute Erwachen auf dem Zeitschiff; der Anker lichtet sich, die Raumfahrt beginnt. 23.9.2008: Billett von Natalia Lisboa: „Wenn mitten im Tag eine Flaute sich bemerkbar macht und kein Wind die Segel bauscht, wird man diesen Wink verstehen – sich in die Hängematte legen und im Traumwind über die Meere wehen.“ 22.9.2008: Ein verträumter Mensch, der gerade in seiner Verträumtheit zu träumen gibt. 21.9.2008: Märchen. Die Kinder, die in die Salzburg einfuhren, streuten heimlich Zucker. Ihr Kichern erboste den Salzgott, und er verschüttete sie. Sie fanden im Dunkel einen Stollen, der ins Freie führte, und retteten sich. Am Horizont ging die Sonne unter, Wind kam auf. Sie liefen über taunasse Wiesen ins Tal. Das Dorf glitzerte. Im Löwen saß das Volk, es war still, nur ab und an trank einer einen Schluck von seinem Bier; es war wie nachts bei den Kühen im Stall. Da ging die Tür auf, und über die Schwelle sprangen die Kinder. 20.9.2008: Aus der Grammatikstunde unserer Clownsschule, Beispiel Steigerungsformen: Herb, Herbert, Herbst. 19.9.2008: Noch ehe der Wasserhahn kräht, wirst du den großen Morgen bewundert haben. 18.9.2008: Im flüchtigen Tag langsam gehen. 17.9.2008: Gähnen, ein gelegentlicher Genuß, der von selbst ausgelöst wird und der schicklicherweise hinter vorgehaltener Hand die Runde macht. 16.9.2008: „Kleider machen Leute“ gilt auch in dem Sinn, als der Bekleidungsstil der unmittelbaren Umgebung einen selbst stark beeinflußt, einen deprimiert, kalt läßt, beschwingt oder gar beflügelt. 15.9.2008: Morgens, im Frühlicht, aus dem Haus treten, die Pferde der Phantasie satteln und eine Ausfahrt wagen. Auf den Wegen wird der Wind den Sternenstaub wegblasen und den Geist mit frischen Blumen erheitern. 14.9.2008: Die Welt wird ungemein schön, weit und abenteuerlich, sobald man aufhört, Zeitungen zu lesen. 13.9.2008: Das Wetter führte ihr die Feder. Obs stürmisch oder heiter, bewölkt, neblig, hitzig oder gefrierend war, die Wetterhistoriker lasen es aus ihren Tagebuchnotizen. 12.9.2008: Nachts bei Mond unter den Linden zwei Rehe gesehen. Die Linden rauschten. Die Rehe spielten miteinander. Schließlich gingen sie mit stummem Gruß davon. Sie liefen durchs Brandenburger Tor in den Tiergarten. 11.9.2008: So wie man einen Menschen besuchen geht, einen Baum besuchen gehen. Man leistet ihm ein Weilchen Gesellschaft, schenkt seinen windigen Erzählungen ein geneigtes Ohr, umarmt ihn zum Abschied innig und begibt sich wieder auf den Nachhauseweg. 10.9.2008: Unter den Birken am Ufer das Licht auflesen und in der Handschale wie Wasser nachhause tragen. 9.9.2008: Mit den Wimpern jemanden streicheln. 8.9.2008: Jeder Kopf der Palast einer geheimen Republik. 7.9.2008: Eine Schiffsreise ist gut, um die Vergangenheit über Bord zu werfen. 6.9.2008: An der Küste das wachsende Gefühl, jenem unvergleichlichen Apartment nahe zu sein, in das man eines Tages einziehen wird. 5.9.2008: Die glitzernde Uhr der Ewigkeit, das schwebende Ziffernblatt des Unendlichen, die tausend Liebkosungen der in der Sonne ausgebreiteten See. 4.9.2008: Ein Tagebuch lesen, in dem einer ausschließlich seine genossenen Gerichte aufzeichnet. 3.9.2008: Welchen Aspekt des Rätselbergs Leben male ich heute? 2.9.2008: Bei sich, in der Fremde, sein. 1.9.2008: Das Aufwühlende der Küste, die verwischte Grenze zwischen Hier und Dort, zwischen Endlichem und Unendlichkeit. 31.8.2008: Meeresrauschen, eine unaufhörliche Hörenswürdigkeit. 30.8.2008: Tränen, Weintropfen der Seele. 29.8.2008: Der schöne Augenblick, der verweilen mag, ist der Augenblick des sehnsuchtsreichen Menschen. 28.8.2008: Nachts schläft das Licht. Am Morgen wird es von Vögeln aus dem Schlaf gesungen. 27.8.2008: Ins Fahrwasser geraten, und vom Floß des Denkens aus die Welt bestaunen. 26.8.2008: Man hört, es soll Alt-Achtundsechziger geben, die beim Gang durch die Straßen jedesmal, wenn sie das Schild „Apotheke“ lesen, den entsprechenden Laden betreten und erstmal ein Bier bestellen. 25.8.2008: Die Welt ist ein kompliziert aufgebautes Spielfeld, auf dem die Menschen ein kompliziertes Spiel spielen, das sie nicht wirklich verstehen. Sicher ist nur: jedem wird irgendwann die Rote Karte gezeigt. 24.8.2008: „Saumseligkeit“ – dieses Wort ist vielleicht das kürzeste Gedicht in deutscher Sprache. 23.8.2008: Wie kann es sein, daß der Feiertag keinen Feierabend hat? 22.8.2008: Nachts im Freien in den Augen des Anderen den Sternenhimmel betrachten. 21.8.2008: Am Bach, das Schattenspiel, die duftenden Tollkirschen, die schwebende Libelle, das Glucksen des Wassers, die versunkenen Kinder, der mit einem Rechen heuende Bauer, das im Baum sitzende Mädchen, der hoch kreisende Bussard, der betagte Mensch auf der Waldbank, das Rauschen des Winds in den Kronen, die ziehenden Wolken am Horizont, die fern klingende Musik, das ballspielende, jugendliche Paar... So geht’s hin, so geht’s weiter. 20.08.2008: Das unbezwingbare Gefühl, daß die Welt mit jedem Tag jünger und nicht älter wird. 19.8.2008: Tagwache: von seinen Beschäftigungen absehen und nur für den Tag wach sein. 18.8.2008: Auch schön: ein bewölkter Tag mit kurzen Sonnenschauern. 17.8.2008: Jeden Morgen aufs neue bestrebt sein, die eigene Ratlosigkeit zu vertiefen. 16.8.2008: Ein Grashüpfer sonnt sich auf dem Frühstückstisch – ich überlasse ihm meinen Platz und setze mich draußen ins Gras. 15.8.2008: Jeder Tag ist eine gigantische Lichthupe. 14.8.2008: Den Tag als Bergbesteigung sehen. Auf dem Mittagsgipfel Rast machen, sich umsehen – und langsam wieder absteigen. (Am Sonntag Berg Berg sein lassen und ans Meer fahren.) 13.8.2008: Träume sind Blumen, die einem nachts blühen. 12.8.2008: In eine Kunstgalerie gehen, in der nur Spiegel hängen, und sich in den Anblick der Bilder vertiefen. 11.8.2008: Er abonnierte eine Tageszeitung, um jeden Morgen zu erfahren, welches Datum man schreibt. 10.8.2008: Der Mensch, die Schaumkrone der Evolution. 9.8.2008: Jeder Tag macht das Versprechen, daß in ihm die Bewegung geschieht, die zum Anfang einer Geschichte wird. 08.08.08: Natalia Lisboa: „Schade, daß es derzeit keinen Flugtaubenpostanbieter gibt. Ich würde gern meine Briefe per Flugtaubenpost versenden.“ 7.8.2008: Arznei: Täglich eine Sackgasse finden, die einen zur Umkehr zwingt. (Und dann: der Blick ins Weite zwischen zwei Häusern hindurch.) 6.8.2008: Küsse munden. 5.8.2008: Sich im Urlaubwald erholen. 4.8.2008: Die Morgenröte auf der Wange eines geliebten Menschen bewundern. 3.8.2008: Kinderspiel. Morgens im Bett am Klang der Welt den Wochentag erkennen. 2.8.2008: Auf der Straße stehen – und den Himmel anhimmeln. 1.8.2008: Schelmisch lächeln – weil man ein Schelm ist. 31.7.2008: Jeder Mensch spricht aus mehr oder weniger unberufenem Munde. 30.7.2008: Sich das eigene Leben nehmen, es zu sich nehmen, wie ein Waisenkind. (Bevor ein anderer es einem wegschnappt.) Und selbst aus ihm ein Kunstwerk formen. Oder es zu einem solchen wachsen lassen. Ein Kunstwerk zum Weinen und zum Lachen. 29.7.2008: Die Kinder brachten vom Feld eine Handvoll Strohhalme nach Hause und tranken mit ihnen die Limonade. 28.7.2008: Auf Rosenblätter schreiben. 27.7.2008: Lang nach Welzheim tauchte die Pferdekutsche auf mit den beiden Clowns. Der eine saß vorn auf dem Bock, der andere stand auf dem Kutschendach und machte Kniebeugen. Sie riefen mich an und winkten mir, während ich auf meiner alten Zündapp mich langsam näherte. Der Clown auf dem Dach forderte mich auf, meine Maschine Maschine sein zu lassen und in die Kutsche zu steigen. Ich folgte ihm, ohne daß ich es wollte, und die Zündapp fuhr ohne mich weiter, quer über das Feld. Am Abend erreichten wir das Clowns-Dorf. In ihm leben nur Clowns, große und kleine. Es heißt Utopia. 26.7.2008: Natalia Lisboa: „Im guten Gespräch stimmen wir unsere Instrumente, die Körper, mit unseren Stimmen.“ 25.7.2008: Natalia Lisboa: „Ich mag es, wenn mir Fragen gestellt werden, Fragen, die mich betreffen. Fragen wie Warum pflückst du Himbeeren am Waldsaum (und liest anschließend in der Wiese Gedichte von Ricardo Reis)? Warum treibst du auf der Matratze den Fluß hinunter? Warum gehst du in der Mittagshitze ins Kino (wie in eine Höhle)? Natürlich kann ich auf diese Fragen nicht antworten. Aber ich weiß, daß diese Fragen den Tag erfrischen und mir auf die Sprünge helfen.“ 24.7.2008: Sommerlicher Wind, dieser Fön, der die Haare der Badenden samthändig, mit dem Duft der Blüten, streichelt und trocknet. 23.7.2008: Wolken, eine marmorierte Plastik, über den Himmel schwebend. 22.7.2008: In einem Gesicht wie in der schönsten Novelle lesen. 21.7.2008: Auf der Landstraße eine einzelne, einsame Ameise. Auf welcher Wanderung, mit welchem Ziel?, befindet sie sich nur? Ameise, es scheint, als hättest du noch eine große Strecke vor dir. 20.7.2008: Kommunismus. Im Reich der Zeit sind alle Menschen Genossen. 19.7.2008: Natalia Lisboa: „Die Schrift kettet sich wie Efeu an einen und umspielt die ans Licht strebende Seele.“ 18.7.2008: Mittagskonzert. Unter einem Baum lauschen die Passanten dem Gesang einer Amsel. Als das Federwesen seinen Auftritt beendet und davonflattert, wird es vom Beifall der Passanten beflügelt. 17.7.2008: In der Weinstube saßen die Gäste weinend. 16.7.2008: Natalia Lisboa: „Immer wieder dieses Ziel: Im Abendtau barfuß durch die Wiese gehen und sich vergessen.“ 15.7.2008: Vaterland/Mutterland. Das Land, das der Vater/die Mutter ausmißt, ausbuchstabiert, in dem er/sie umhergeht, umherfährt, umherstreift, schwimmen geht, von dem er/sie erzählt, etc. 14.7.2008: In der Sprache wandern, in einer Landschaft, die sich erst im Wandern lichtet. 13.7.2008: Wolkenmuschel, Regenperlenstickerei. 12.7.2008: Ein Geistesblitz kommt meist aus heiterem Himmel. 11.7.2008: Es gibt viele Kirchenschiffe zu Lande. Es gibt kein Kirchenschiff auf hoher See. 10.7.2008: Ideal: Oft dort hingehen, wo einen etwas wirklich angeht. Realität: Allzuoft dort hingehen, wo einen nichts wirklich angeht. 9.7.2008: Der Spiegel: Tagebuch, flüchtiges, des eigenen Lebens. 8.7.2008: Statt sich durchboxen – sich durchs Leben streicheln. 7.7.2008: Wer kann behaupten, wirklich mündig zu sein? Man kann wohl höchstens, immer wieder, versuchen, den Mund richtig einzusetzen. Beim Küssen, beim Kommunizieren. 6.7.2008: Natalia Lisboa: „Wie kommt ein Gedanke zu einem? (Was ist überhaupt ein Gedanke?) Er kommt vielleicht dann, wenn das Geplärr der Welt aufhört, wenn es still wird, wenn sich der eigene Organismus eine Weile in die Stille einschwingt; dann geschieht es vielleicht (und unvermutet), daß man ihn wahrnimmt, wie ein Reh, das auf einer Lichtung sich unbeobachtet wähnt.“ 5.7.2008: Natalia Lisboa: „Ein Lichtblick – der Blick eines liebenden Menschen.“ 4.7.2008: Natalia Lisboa: „Amerika, du haßt es, besser zu sein, als andere, baust jetzt auch Trutzburgen alteuropäisch-finstermittelalterlicher Natur als Botschaften deiner Machtpolitik, mit der du unterm Mäntelchen der Demokratie die Grundrechte mit Füßen trittst, in Abu Ghuraib, Guantánamo und in unbekannten Folterkellern.“ 3.7.2008: Friedhöfe: metaphysische Postämter. Grabsteine Briefmarken, Gräber Kuverts. In den Kuverts die Sendungen, die liegenbleiben. Der Geist wurde aufgegeben. 2.7.2008: Schlafen: eine Bootsfahrt, von der man nichts mitbekommt. Beim Aufwachen landet man am Ufer, mit Träumen im Netz. (Landen = an Land gehen; festen Boden unter die Füße, unter die Reifen, bekommen; hier: das Land der Aufgeweckten betreten.) 1.7.2008: Ein dringend benötigtes Schulfach: „Schweigen, atmen, nichts denken.“ 30.6.2008: Einen Menschen schätzen: den Schatz, der in ihm liegt, sehen können. 29.6.2008: Die Mücken schmücken das dörfliche Leben. 28.6.2008: Der Tau auf dem Gesicht einer schlafenden Frau. 27.6.2008: Ein Gedanke, Regenbogen aus Neuronen. 26.6.2008: Natalia Lisboa: „Ich betrat ein Großraumabteil voller Zugvögel.“ 25.6.2008: Passanten, wandelnde Romane, von denen nur Fragmente zu lesen sind. 24.6.2008: Nachts im Federbett, wenn man das Federkleid des Engels trägt, das Schweben durch die Nacht. Morgens läßt man die Flügel im Bett zurück, erhebt sich als schwerfälliger Mensch. 23.6.2008: Acqua alta. Die unendlichen Touristenströme Venedigs – eine mitreißende Sehenswürdigkeit. 22.6.2008: Schriftsteller, die Schreibmaschinen der Gesellschaft. 21.6.2008: Das flüchtige Gold, die schwebenden Sonnensterne auf dem Seespiegel, das bleibende Gold, mit keinem Hartgold der Welt aufzuwiegen. 20.6.2008: Liebe, ein Halluzinogen. 19.6.2008: Sich verlieben – ist das nicht dasselbe wie sich vertun, sich verfahren, sich verirren? 18.6.2008: Natalia Lisboa: „Ein dicker Regentropfen trifft meine Stirn. Ich schaue in den Himmel und sehe in großer Höhe eine kleine, weiße Wolke. Ich bewundere ihre Treffsicherheit.“ 17.6.2008: Ein Mensch schwimmt im See, im Auge der Natur. 16.6.2008: Natalia Lisboa: „Diese überschäumende Versammlung von Tränen, dieses rauschende Meer.“ 15.6.2008: Trödelmarkt. Menschen, die ihre Zeit trödelnd verbringen. Zeitvertrödler. 14.6.2008: Die horizontale Stille des Sees, die ein Fisch vertikal durchbricht. 13.6.2008: Die Öffentlichkeit ist das Bewußtsein einer Gesellschaft. Die Prominenten sind ihre bewußten Gedanken. (Die Prominenten = prominente Menschen, Gebäude, Institutionen etc.) 12.6.2008: Jeans, die poetischste Hose der Welt. 11.6.2008: Natalia Lisboa: „Das erlösende Wort, das ihm auf der Zunge lag, entschlüpfte ihm als Kuß.“ 10.6.2008: Traumhaftes Schlafen, traumhaftes Wachen – traumhaftes Leben. 9.6.2008: Das Leben: ein Kreativurlaub. 8.6.2008: Natalia Lisboa: „Tage sind die Verschnaufpausen von den Alpträumen der Nacht.“ – Natalia Lisboas Mutter Emanuela: „Nein, umgekehrt wird ein Schuh draus. Nächte sind die Verschnaufpausen von den Alpträumen des Tags.“ 7.6.2008: Die Pille für den Mann – der Fußball. 6.6.2008: Babylon – der Ort, an dem viele Babys durcheinanderschreien. 5.6.2008: Jeden Morgen die gleiche Komödie: man setzt die Füße auf den Bettvorleger und beginnt seine Reise durch den Tag. 4.6.2008: Nachts wach liegen, weil einen der Schlaf so sehr langweilt. 3.6.2008: Im Traum, inmitten von Passanten, einen blinden Hund mit einem Blindenhund sehen. (Braucht nicht jeder Mensch auch einen Blindenhund?) 2.6.2008: Statt „Amen“ nur noch „Atmen“ sagen. (So sei es.) 1.6.2008: Himmlisches Meer aus Bläue und weißen Cumulusschaumkronen. 31.5.2008: Wo einen die Hitze auszieht, zieht einen die Kälte an. 30.5.2008: Sommerbad: Körper und Seele verschwimmen. 29.5.2008: Jeden Morgen in sein Rollenkostüm schlüpfen. (Der Schlaf: die unkostümierte Zeit des Lebens par excellence.) 28.5.2008: Es gibt die Weltreligion des Bettismus. Seine Anhänger liegen im Bett und sind erleuchtet. 27.5.2008: Wie man sich geradezu „geadelt“ fühlt, wenn (in der S-Bahn) ein wildfremder Hund einen freundlich anblickt. 26.5.2008: Sommer: der Sand in der Kuhle des Liegestuhls. 25.5.2008: Auf den Wiesen die Meisen, sie haben was zu sagen, auf den Wiesen die Weisen, sie haben nichts zu klagen. 24.5.2008: Sinnlich leben. 23.5.2008: Ausgehen und die Schönheit an unvermutbaren Stellen entdecken. 22.5.2008: Das Leben der Fluß, den man durchquert, ohne seine Ufer zu sehen. 21.5.2008: Kindheit: Drachen steigen lassen und dabei nie an Drachen denken. 20.5.2008: Wo viele gehn, wächst kein Gras mehr, dafür kommt ein Weg zum Vorschein. 19.5.2008: Versemmelte Tage, die Sonntage der Seele. 18.5.2008: Man könnte den Weg auch „den Hin“ nennen. Du gingst auf dem Hin und warst dann da. 17.5.2008: Mit jeder Lichtwerdung zerbricht das Ei der Geborgenheit. 16.5.2008: Die Verkäuferin spricht von Armbanduhren, und alles, was ich verstehe, sind Amouren. 15.5.2008: Mensch, ein denkender Teil des Ganzen, der sich sein Teil denkt. 14.5.2008: Bibeltreue könnten sagen: das Gesicht ist die Brandmarke Gottes. 13.5.2008: Ist eine buddhistische Tageszeitung vorstellbar? Wie wären ihre Sätze formuliert? Auf welcher Seite würde man beim Lesen in einen meditativen Zustand geraten? Auf der „Panorama“- oder vielleicht auf der „Sport“-Seite? 12.5.2008: Natalia Lisboa kritzelt aus Sintra: „Ein Gedicht sollte nur so lang sein, daß man es bei Ebbe bequem in den nassen Sandstrand schreiben kann. Wie alle guten Gedichte verschwindet es mit der kommenden Flut. Die Schaumkronen des Meeres erinnern an die verlorenen Gedichte.“ 11.5.2008: Die innere Tür entriegeln und weit öffnen, um ein guter Geistgeber zu sein. 10.5.2008: Was hat „vielleicht“ eigentlich mit „viel“ und „leicht“ zu tun? Wenigschwer, daß einem vieles leicht fällt? 9.5.2008: Philosophieren: sich etwas vormachen – so, als wäre man sein eigener Lehrer, der einem etwas vormacht, damit man es ihm nachmacht. 8.5.2008: Die Welt, ein verwunschener Ort (= die lange gesuchte Utopie). 7.5.2008: Wie ein Schiffsbug durchs Wasser, so segelt das Gesicht durch die Winde. 6.5.2008: Natalia Lisboa: „Nachts leuchtet es, das Nichts des Tages.“ 5.5.2008: Die Mimik, das lebendige Portrait des Inneren. 4.5.2008: Was der Frühling wieder zu Gehör bringt – das Rauschen des Regens in den Blättern. 3.5.2008: Dieses pflanzliche Gewitter des Werdens, das man einmal im Jahr über sich ergehen läßt (Frühling). 2.5.2008: Natalia Lisboa kritzelt beim Nüsseknabbern: „Leibliche Genüsse = geistige Genüsse. Geistige Genüsse = leibliche Genüsse.“ 1.5.2008: Der Angesehenste ist der Frühling. Alle sehen ihn an und werden verwandelt. 30.4.2008: Der Bauminnenraum, der durch die Blätter entsteht, ist der Kreißsaal der Vogelnester. 29.4.2008: Es gibt keine Nobodys. Jeder hat seinen Körper. No such things as nobodies exist in the world. Each one has his or her body. 28.4.2008: Das Sonnenlicht näht die Blätter aus den Knospen heraus. 27.4.2008: Ein Augenpaar, Meeresspiegel. 26.4.2008: Etwas bewegen = einen Weg finden. 25.4.2008: Jeden Morgen sich aufmachen und hinüberschwimmen zur Insel der Präsenz. 24.4.2008: Wer sich selbst vergißt, erinnert sich an die Welt. 23.4.2008: Niemand steigt zweimal in denselben Hirnstrom. 22.4.2008: Recht hatte Jean Paul, Bücher sind „nur dickere Briefe an Freunde“, er hätte aber hinzufügen können, daß meist der Empfänger dafür bezahlt. 21.4.2008: Sich im Kreis drehen heißt, wenigstens für eine geometrische Figur gut zu sein. 20.4.2008: Jeder Tag, an dem die Sonne scheint, ist ein Sonntag. 19.4.2008: Philosophieren, mit der Weisheit flirten. 18.4.2008: Das Leben, der Landweg zwischen zwei Meeren. 17.4.2008: Humor zulassen = sich ermutigen lassen. 16.4.2008: Sich mit eiskalten Gedanken wachduschen. 15.4.2008: Sobald man auf die Straße tritt, übernimmt man eine Hauptrolle in der Comédie humaine. (Es gibt in ihr nur Hauptrollen.) 14.4.2008: Im Halbschlaf meditierende Katzen, Mönche des Tatzen-Buddhismus. 13.4.2008: Die Kiesel, die am Grund eines Flusses leuchten, gefallene Sterne. 12.4.2008: Die Blüte, das Hochzeitskleid der Pflanze. 11.4.2008: Das Leben, eine Zeitung. 10.4.2008: Ein Federbett, die Haufenwolken, unter denen man träumt. 9.4.2008: Lebenskunst, das Versprechen, das der Morgen macht, bis zum Abend erfüllen. 8.4.2008: Gedanken, die Bienen, die zur Blütenlese ausschwirren. 7.4.2008: Die Augen aufschlagen, wenn die Sonne aufgeht. Die Augen niederschlagen, wenn es regnet. 6.4.2008: Der Schlaf ist eine Brücke, sie führt ans Ufer eines neuen Tags. 5.4.2008: Das Denken, das mit den Dingen der Welt spielt, ist das Denken, das einen auf der Welt einbürgert. Es macht einen zum Weltbürger. 4.4.2008: Liebe: sich im Gegenüber finden und verlieren. 3.4.2008: Am See: Zwischen gespiegelten weißen Wolken in den blauen Himmel eintauchen. 2.4.2008: Kinder und Blumen, eine Augenweide. 1.4.2008: Das Leben ist der April, in den man geschickt wurde. 31.3.2008: Die glänzenden Knospen dieser Tage im Frühling schweigen, lächeln einen vielsagend an. 30.3.2008: Der Kuß ist das Wort, das einem am liebsten über die Lippen kommt. 29.3.2008: Das Lächeln einer Frau, die Blüte einer Blume. 28.3.2008: Philosophieren: sich sich selbst überlassen und beobachten, was dabei geschieht. 27.3.2008: Man befindet sich im Café und sieht draußen eine Frau vorübergehen, als wäre sie eine Metapher für das Leben. Man sieht sie mit Staunen, Zuneigung und Traurigkeit. 26.3.2008: Aufwachen in den Tag ist der tägliche Exodus aus dem Dunkel, aus dem man ursprünglich kommt. Das Dunkel, in das man am Ende wieder zurückkehrt. 25.3.2008: Bushaltestellen, die Zentren des Wartens, des Wartens auf Geschichte. 24.3.2008: Der Geist eines Menschen ist das Gemälde seines Lebens. 23.3.2008: Das Pilgern der Ungläubigen ist der Spaziergang durch die Welt. Ein Spaziergang ohne Ziel, nur der Nase nach. 22.3.2008: Einsamkeit ist der stabile Untergrund der sozialen Welt. 21.3.2008: „Einen nichtswürdigen Menschen“ – gibt es den? Würdig des Nichts. Es müßte sich um einen bedeutenden Menschen handeln, denn wer wäre schon des Nichts würdig? 20.3.2008: Natalia Lisboa: „Der gerade beginnende Frühling erinnert an die Zeit der Jugend. Alles liegt vor einem.“ 19.3.2008: Immer kürzere Bücher schreiben, bis am Ende ein Buch mit nur einem Wort herausspringt, ja nicht einmal mit diesem einen Wort, sondern ohne dieses, ein Buch, in dem nur geschwiegen wird, über hunderte von Seiten hin. 18.3.2008: Spazierengehen, die Augen ernähren. 17.3.2008: Die Frauen, Hieroglyphen. 16.3.2008: Natalia Lisboa: „Erst dann zu sich kommen, wenn der Andere zu einem kommt.“ 15.3.2008: Auch die Steinzeitmenschen erlebten den Wechsel von Sonnenschein, Regen, Wind, Schneefall, Stille. So gesehen hat sich seitdem nicht viel verändert. 14.3.2008: Wolken, Besprenkelungsanlage. 13.3.2008: Schreiben ist wie querfeldein gehen, um wieder besser Fuß zu fassen. 12.3.2008: Natalia Lisboa nach einem Scala-Besuch: „Wir wechselten miteinander ein paar Worte, es spielte keine Rolle, welche, Hauptsache, wir wechselten sie. Jetzt trage ich sie mit mir herum wie Kieselsteine, die ich an der Küste gefunden habe.“ 11.3.2008: Gedanken sind die Stromschnellen des Blutkreislaufes. 10.3.2008: Ihr Müßiggang, ihre legere Art zu gehen. 9.3.2008: Die Hände eines Babys vollführen pantomimische Tanzbewegungen. 8.3.2008: So lange auf dem Alexanderplatz stehen (eine Ewigkeit), bis man den aufragenden, über und über blühenden Weißdorn entdeckt. 7.3.2008: An den Klippen eines geliebten Menschen hängen. 6.3.2008: Das Gewicht einer Träne ist das Gewicht der Welt. 5.3.2008: Indem die Wolken sichtbar sind, enthüllen sie das Unsichtbare. 4.3.2008: Philosophieren heißt auf andere Gedanken kommen. 3.3.2008: Sätze sind Ornamente auf dem Schweigen. 2.3.2008: In den Tag hinein leben, ist eine Kunst. Wer in den Tag hinein lebt, lernt den Tag auch von innen kennen. 1.3.2008: Das Meer, diese Monarchie der Schaumkronen. 29.2.2008: Der 29. Februar, dieser mirakulöse Tag, ein Feiertag. Wäre er ein Mensch, müßte man ihn umarmen. 28.2.2008: Sich in der Stille eines Sees spiegeln, die Stille in sich aufnehmen und mit nachhause tragen. 27.2.2008: Wer unbeabsichtigt in eine Pfütze tritt, soll sich nicht ärgern, lieber daran erinnern, welches Vergnügen man als Kind dabei hatte, von Pfütze zu Pfütze zu hüpfen. Vielleicht tut man es dem Kind nach und hüpft endlich wieder von Pfütze zu Pfütze. 26.2.2008: Zebrastreifen, Afrika auf der Straße. 25.2.2008: Natalia Lisboa schreibt aus Paris: „Es wird zuviel gequatscht – der Mund ist zum Küssen da.“ 24.2.2008: Philosophieren heißt auf Erkenntnisverhütung verzichten. 23.2.2008: Sehnsucht ist die belebende Fontäne im Inneren. 22.2.2008: Die beste Schule ist der Mensch, aus dem man schlau wird. 21.2.2008: Einen in der Krone haben, das geht auch in nachmonarchistischen Zeiten. 20.2.2008: Der Zug ist eine in die Länge gezogene Kutsche mit Bar. 19.2.2008: Welche Diät hilft mir, ein paar Kilogramm Unwissen loszuwerden? 18.2.2008: Wörter wie Trauben und Baumfrüchte lesen und zu einem Prosawein und einem Lyrikschnaps verarbeiten. 17.2.2008: Zuhause: der Ort, wo einen jemand anheimelt. 16.2.2008: Zwischen den Zeiten lesen (Poesie). 15.2.2008: Weil es flüchtig ist, muß das Glück etwas verbrochen haben. 14.2.2008: Eine Botschaft des Lebens bauen, in jeder Hauptstadt – zum Beispiel in Berlin am Pariser Platz neben dem Brandenburger Tor; es gäbe für sie keine Sicherungsmaßnahmen, keine Videokameras, kein Wachpersonal, jeder dürfte sie betreten, sich an ihr erquicken, drin bleiben, raus gehen, ganz nach gusto. 13.2.2008: Mit den Augen Bündnisse schmieden. Augenblickelang. 12.2.2008: Man spürt das Gewicht des eigenen Gehirns nicht. 11.2.2008: Jeder ist sich selbst ein Gedicht. 10.2.2008: Gedanken in Worte fassen – sie in ein Faß tun und wie Wein reifen lassen. 9.2.2008: Früher lagen die Geschichten auf der Straße, heute sind sie aufgehoben in die Schilder am Straßenrand, und was diese schildern, sind Gebote und Verbote. 8.2.2008: Avantgarde, Nachhut sein. 7.2.2008: Der Spaziergang, die zivilisierte Form der Flucht vor dem Alltag. 6.2.2008: Sich etwas abschminken, aber wann hat man sich geschminkt? 5.2.2008: Damit sie in ihrem späteren Leben ihre Sache verfechten könnten, lehrte man die Schüler fechten. 4.2.2008: Selbstvergessenheit, der Sonntag der Reflexion. 3.2.2008: Gerade zur Narrenzeit sind die Narren keine Narren. Die im Alltag in Wirklichkeit närrischen Normalbürger nehmen an Fasching eine Auszeit von ihrem Narrentum. Paradoxer- oder närrischerweise tun sie das dadurch, daß sie sich als Narren verkleiden. Gerade in der Verkleidung des Narren befreien sie sich für ein paar tolle, im Grund normale Tage von ihrem ansonsten das ganze Jahr über anhaltenden Narrentum. 2.2.2008: An den Wolken sich festhalten, mögen sie noch so flüchtig und flatterhaft sein. 1.2.2008: Schengener Land. Den Berg hinaufwandern und die Schneefallgrenze überqueren, ohne kontrolliert zu werden. 31.1.2008: Kunstlos sprechen ist Kunst, wenn es kunstvoll geschieht. 30.1.2008: Schönheit besticht, und man läßt sich von ihr gern bestechen. 29.1.2008: Ich saß lang ruhig im Wald. Plötzlich landete eine Eule auf einem Ast neben mir und sah mir tief in die Augen. Mit einem Flügel strich sie sachte über ihre großen Federohren. Dann verstand ich, daß sie sich in meinen Augen spiegelte. 28.1.2008: Unglück ist auch eine Art Glück. 27.1.2008: Im Bambus sitzen und sich nachgiebig ins Nichts schaukeln lassen. 26.1.2008: Die japanische Schrift ein Bambuswald. 25.1.2008: Meditieren – sich entkleiden. 24.1.2008: Jena. Ein Haus, ein Garten, der alte Steintisch, an dem Schiller und Goethe manches gute und große Wort miteinander gewechselt haben. Und hinterm Zaun an der Ampel das wartende Auto, aus dem das Geschrei einer Nazi-Band dröhnt. 23.1.2008: Sich zusammenreißen und die Stücke neu zusammenfügen. 22.1.2008: Die Vorstädte, die Überröcke der Großstadt. 21.1.2008: Wind und Kind. Geh vor die Tür, der Wind fragt nach dir. Der Regen murmelt, die Straße schweigt. Der Weg ist weit. „Was willst du, Wind?“ „Bist du das Kind?“ Die Sonne blickt hervor durchs Wolkentor, unterm Regenbogen glätten sich die Wogen, der Fluß glänzt bunt. Kind, öffne deinen Mund. „Ob ich das Kind bin? Was, wenn ich der Wind bin?“ „Wenn du der Wind bist, dann laß uns gehn und vereint durch die Straßen wehn.“ Kind und Wind seitdem zusammen sind. 20.1.2008: Der Schauplatz, das Gesicht. 19.1.2008: „Das Unsagbare sagen, das Unmögliche möglich machen.“ (Edgar Allan Poesie) 18.1.2008: Natalia Lisboa: „Ich sah einen unmöglichen Menschen und atmete auf.“ 17.1.2008: Wie das Meer hat der Mensch Ebbe und Flut. 16.1.2008: Sich großes vornehmen – dasitzen und nichts tun. 15.1.2008: Es schmückte sie, daß sie keinen Schmuck trug. 14.1.2008: Einem geliebten Menschen nur Küsse aufhalsen. 13.1.2008: Wann hat man zum letzten Mal jemanden aus Begeisterung weinen sehen? 12.1.2008: So wie man fürs Wohlbefinden Sport treibt, mag man sich vielleicht zwei bis dreimal im Monat verirren, um den Geist zu erfrischen. 11.1.2008: Vor Glück zittern wie ein Angsthase. 10.1.2008: In den Wolken schlafen Träume. Wenn es regnet, schweben sie zur Erde nieder. 9.1.2008: Gemälde, Röntgenbilder der Seele. 8.1.2008: Das Schweigen ist Teil eines guten Gesprächs. 7.1.2008: Grauer Alltag – ein anmutig gefärbter Tag. 6.1.2008: Die Liebe ist eine Kosmetikerin. Wer sich von ihr massieren läßt, wird schöner. 5.1.2008: Ein Raumtagebuch führen: Welche Räume habe ich heute durchschritten und was habe ich dabei empfunden? 4.1.2008: Ober- und Unterlippe sind wie zwei Leiber, die sich immer wieder aufeinanderlegen; einander liebend schweigen sie. 3.1.2008: Weghören, gleich wichtig wie hinhören. 2.1.2008: Ins Kino gehen, sich etwas träumen lassen. 1.1.2008: Ein neuer Tag, ein neues Jahr im kleinen. 31.12.2007: Zuversicht, Blick auf das Anrollen des tosenden Meers. 30.12.2007: Früher trugen viele Männer Hut, sie waren behütet; heute sind die Männer entweder unbehütet oder bemützt; die Mützen geben den Älteren das Gepräge der Fitneß und Jugendlichkeit. 29.12.2007: Es gibt keine Noteingänge. 28.12.2007: Sätze schreiben, die wie Passanten an einem vorübergehen und einen berühren. 27.12.2007: Träume: lösen sich wie Seifenblasen, schweben von einem fort, man sieht ihnen nach und sieht sie zerplatzen. 26.12.2007: Rauh sein, reif sein, Rauhreif sein. 25.12.2007: Schreiben: jemandem zusprechen, lesen: Zuspruch erfahren. 24.12.2007: Jede Nacht, in der man gut und tief schläft, sollte einem heilig sein. 23.12.2007: Von den Kindern geerbt – des Lebens ernstes Spielen. 22.12.2007: Paris Hilton, die Mona Lisa des Medienzeitalters. 21.12.2007: Ideal: Die Zartheit, die ein Kind im zartesten Alter hat, auch als Erwachsener haben. 20.12.2007: Zwei Leser schauen sich an wie Kollegen. 19.12.2007: Küsse sind Lippenbekenntnisse. 18.12.2007: Der Himmel auf Erden ist der Privat-Himmel, den Verliebte über sich aufspannen. 17.12.2007: Theorie der Rillen auf einem Apfelbaumblatt. Setzt man nur die Nadel der Phantasie drauf, erklingen frühlingshafte Lieder. 16.12.2007: Leben: immer wieder aufwachen und das Licht der Welt erblicken. 15.12.2007: Schreiben: herumtollen wie ein Kind. 14.12.2007: Die Erde ein Raumschiff, die Menschen Kosmonauten. 13.12.2007: Ein Landstreichler sein. 12.12.2007: Gefräßiger Grund? Ein Mensch nach dem anderen wird vom Erdboden verschluckt. 11.12.2007: Die Liebe ein Glücksspiel. Das älteste der Welt. 10.12.2007: Im Zug. Die tschechischen Schaffner stempeln die Fahrkarten. Das hat etwas von Amtsstube. 9.12.2007: Schreiben: einen Satz machen wie ein Kind. 8.12.2007: Die Welt ist das Haus des Lebens. Auch, wenn es in Trümmern liegt. 7.12.2007: Liebe heißt jemanden mit den Augen tragen. 6.12.2007: Jeden Tag der Zeit ins Gesicht sehen als wäre man frisch verliebt. 5.12.2007: Jemanden bewundern heißt ihn als Wunder sehen. 4.12.2007: Das Leben ist eine Zimmerflucht. Vom Mutterbauchzimmer an durchläuft der Mensch im Lauf seines Lebens mehrere Zimmer bis er endlich im Sargzimmer landet. 3.12.2007: Einen Menschen getroffen, der seit Jahrzehnten, unter dem Licht der Sterne, ein Nächtebuch führt. 2.12.2007: Liebe = Unterschlupf anbieten. 1.12.2007: Liebesgeplauder. Da die Zahl der Nähkästchen, aus denen zu plaudern wäre, offensichtlich abnimmt, muß man sich um so mehr an den Nähekasten, das Bett, halten und aus ihm heraus plaudern. 30.11.2007: Manchmal hat man das Gefühl, daß man sich selbst gegenüber inkognito bleibt. 29.11.2007: Der November ist der Eremit unter den Monaten. Still, düster und ohne Putz. 28.11.2007: Ein abgebrühter Mensch muß einmal Schmerzen gelitten haben. 27.11.2007: Die Trübnis eines trüben Tages hat ihre eigene stille Schönheit. 26.11.2007: Straßen sind trockene Flüsse, Autos Boote mit Rädern. 25.11.2007: Ein Tagebuch könnte man auch Regelbuch oder Buch der Periode nennen. 24.11.2007: Obdachlose sind öffentliche Personen. Öffentliche Personen sind Obdachlose. 23.11.2007: Ein Haus ohne Bücher ist wie ein Kopf ohne Gehirn. 22.11.2007: Schleichende Mobilmachung der Bevölkerung. Immer mehr Bürger tragen Tarnkleidung. 21.11.2007: Wach sein heißt sein Leben bewachen, damit nichts passiert. 20.11.2007: Lieben heißt jemanden beatmen. 19.11.2007: Junge Paare studieren Wirschaftswissenschaften. Alte Paare sind Wirschaftsweise. 18.11.2007: Allzweckaffe – ein anderes Wort für Mensch. 17.11.2007: Ideal: sich jeden Tag einen Denkzettel verpassen. 16.11.2007: Egal, wie weit man sich von seinen Wurzeln entfernt hat – irgendwann heißt es: back to the roots (beerdigt werden). 15.11.2007: Menschen brauchen Sauerstoff und Süßstoff (die Liebe). 14.11.2007: Manche Wintertage sind nur fadenscheinige Kopien der Nacht. 13.11.2007: Was not tut: Erwachsenenspielplätze. 12.11.2007: Was ist die sogenannte Ehrfurcht anderes als die Furcht vor dem absoluten Nichtwissen? Die Hochform, in die sich ein Mensch bringen kann, ist diese Furcht. Nicht „Fürchtet euch nicht...“ müßte es heißen, sondern: „Fürchtet euch... denn ihr wißt nichts...“ Erst dieses Wissen vom absoluten Nichtwissen macht den Menschen zu einem interessanten Idioten. 11.11.2007: Frauenhandschriften haben meist rundliche Formen. 10.11.2007: Man muß sich verfragen, um Neuland zu finden. 9.11.2007: Die Hirnfahrten des Lebens bestreiten, so gut es geht. 8.11.2007: Begeistert sein heißt von einem Geist bewohnt werden. 7.11.2007: Konsum, ergo sum. 6.11.2007: Jeder Tag hat eine Lücke, durch die das Unbegreifbare schimmert. 5.11.2007: Enttäuschung heißt die Täuschung erkennen, der man aufgesessen ist. 4.11.2007: Die Wallfahrt der aufgeklärten Menschheit ist die Allfahrt. 3.11.2007: Das Leben ist wie eine Fahnenstange. Irgendwann ist das Ende erreicht. 2.11.2007: Ideale sind nützliche Halluzinationen. 1.11.2007: Wo es Friedhöfe gibt, muß es auch Kriegshöfe geben. 31.10.2007: Leben ist der Wechsel von horizontal und vertikal. 30.10.2007: Heimat ist der Ort, wo man etwas verloren hat. 29.10.2007: Selbst wenn man sich in ein Erdloch verkriecht, kommt man nicht umhin, Weltallbürger zu sein. 28.10.2007: Menschen sind Arbeiter im Weinberg des Hirns. 27.10.2007: Es gibt Menschen, die das Leben absitzen wie eine Gefängnisstrafe. 26.10.2007: Manche Menschen sind wie eine Kur: Man sieht und hört sie und gesundet. 25.10.2007: Herbst: blattgoldene Wege gehen. 24.10.2007: Menschen irrlichtern durchs Leben. 23.10.2007: Manchmal scheint das Leben vor einem selbst so verborgen zu sein wie ein Fluß im Nebel. 22.10.2007: Das Leben ist der Ort, an dem man sich einleben muß und an dem man sich auslebt. 21.10.2007: Natalia Lisboa kritzelt in einem Brief aus Sintra: „Ein Leben, das nicht Tage kennt, an denen man nichts denkt, nichts sagt, höchstens nur Gedanken denkt und Worte sagt, die so haltbar sind wie eine Welle am Strand oder ein Blatt, das der Wind trägt, wäre kein vollkommenes Leben. Zu einem guten Leben gehört die Unvollkommenheit, wer die Vollkommenheit sucht, muß auch die Narben der Unvollkommenheit lieben.“ 20.10.2007: Frauen, die in Pflanzungen reden, Frauen, die Pflanzungenküsse geben. 19.10.2007: Die heutigen Kolonien der Deutschen sind die Kleingartenkolonien. 18.10.2007: Asphaltwurzler. Ein schöner Mensch kommt einem entgegen, und man wurzelt verzaubert auf dem Gehsteig fest. 17.10.2007: In ein Schweigekonzert gehen, dem Schweigechor zuhören und ein anderer Mensch werden. 16.10.2007: Tagedieb. Tagederb. 15.10.2007: Dichter alphabeten. 14.10.2007: Der Herbst ist ein Frühling. Die Welt blüht in Baumfarben. 13.10.2007: Bei dem, was man sagt, will ein Schweigen mitschwingen. Das Schweigen das Fragezeichen des Lebens. Ohne Fragezeichen wachsen keine Flügel. 12.10.2007: Ein Gedicht ist die Blume auf dem Misthaufen der Sprache. 11.10.2007: Dichterberuf: Lebenswörtchen sagen. 10.10.2007: Das älteste Gewebe der Welt: das Horizont-Gewebe der Dichter. Dichter weben mit den Fäden des Alphabets neue Horizonte ins Auge des Lesers. 9.10.2007: Pathetisch – immer opulent gedeckt. 8.10.2007: Sinnieren = etwas sinnvolles tun. 7.10.2007: Der Mensch ist eine Zeitblume. 6.10.2007: Ein Kunststück: sich nicht von der schlechten Stimmung anderer anstecken lassen. 5.10.2007: Lesen heißt den Geist umbuchen. 4.10.2007: Herbst. Der schöne Schein der Bäume blättert ab. Das Gerippe kommt hervor. 3.10.2007: Der morgendliche Kaffeegenuß ist für viele die letzte Bastion des Paradieses. 2.10.2007: Auch den Augen und Ohren ein Frühstück bereiten. 1.10.2007: Jemanden anfeuern, jemanden brennen lassen. Der Schädel die Feuerstelle des Geistes. 30.9.2007: Wörter sind wie Steine, man kann mit ihnen Häuser bauen, Menschen erschlagen. 29.9.2007: Jede Erzählung ist im Grunde endlos. Es läßt sich immer ein Wort hinzufügen. 28.9.2007: Lebensziel eines Kindes: „Bloß leben.“ Bloß, das heißt auch entblößt, schutzlos, machtlos, frei. 27.9.2007: Leben, Wechsel von schwach sein, wach sein. 26.9.2007: Das bestellte Gericht im Lokal gibt es nur, wenn auch das Land vor den Fenstern bestellt ist. Bauern heißen nicht umsonst Landwirte. 25.9.2007: Wolken, diese Jalousien der Erde. 24.9.2007: Was ist der Mensch andres als ein Taugenichts? Er ist so wirklich und so flüchtig wie der Tau. 23.9.2007: Die Erde, ein Tropfen im Weltall. 22.9.2007: Jemandem beiwohnen ist sicher die höchste Form von Kultur. 21.9.2007: Das Schicksal ist nicht schick. Es ist unschick. Es müßte Unschicksal heißen. 20.9.2007: Philosophieren heißt sich vergewissern, daß man nichts weiß. 19.9.2007: Ins Leben verliebt sein. In den Nebel verirrt sein. 18.9.2007: Immer baden gehen, im Laub, im Schnee, in der Luft, im See. Die Badesaison ist nie zu Ende. 17.9.2007: Natalia Lisboa schreibt aus dem Berufsverkehr, in dem sie am Rossio steckt: „Es gibt die Pflicht, glücklich zu sein. Auch im Stau.“ 16.9.2007: Was in den Märchen die Riesen, sind in der wirklichen Welt die Türme. Einen Turm besteigen und die eigene Kleinheit hinter sich lassen. Auf dem Turm stehen, auf der Schulter eines Riesen stehen und die unten liegende Welt mit den Augen des Riesen betrachten. Einstürzende Türme einstürzende Riesen. 15.9.2007: Fußball wird schön, wenn man wie bei einem Tanzball tänzerisch mit dem Ball spielt. Fußball ist geselliger Tanz. 14.9.2007: Das Gehirn das größte erdnahe Labyrinth. Dank dem Luftgeist, dem Ariel, entweichen Enten aus diesem Irrgarten und fliegen in die freien Lüfte hinauf. Was man Gedanken nennt, sind diese über einen hinwegschwirrenden Enten. 13.9.2007: Der Körper der Korb des Lebens. 12.9.2007: Liebe, das Hoheleid des Leibes kurieren. 11.9.2007: Statt kapitulieren lieber rekapitulieren. 10.9.2007: Eine schöne Tat – die Flinte ins Korn werfen. 9.9.2007: Jedes Haus sollte einen Tanzboden haben. 8.9.2007: Ideal: Lyrische Dunkelheit, feinsinnig ins Nichts überleitend. 7.9.2007: Manche Menschen wohnen in einem Saustall. 6.9.2007: Credo. Auch nach dem jüngsten Gericht gibt es einen Digestif. 5.9.2007: Für den inneren Schweinehund gilt Leinenzwang. 4.9.2007: Not gebiert Notizen. 3.9.2007: Für Ordnung muß man sorgen, Unordnung entsteht von selbst. 2.9.2007: Augen, die Auen der Tränen. 1.9.2007: Dem Leben eine Wende geben. Beim Spazieren unerwartet in eine andere Richtung gehen. 31.8.2007: Regen, eine Art Fluß. 30.8.2007: Sommer heißt sich unter dünner Wasserdecke im Flußbett erholen. 29.8.2007: Junge Naive sucht Alternative. 28.8.2007: Bei vollem Mond sprich nicht, bei vollem Mond kritzele ein Gedicht. 27.8.2007: Am Anfang war es finster. Dann baute man das Fenster. 26.8.2007: Das Sonnenlicht, das frühmorgens an der Innenseite des Fensters erscheint, ist optischer Espresso. 25.8.2007: Wenn ein „ich“ liebt, wird es licht. 24.8.2007: Einmal in der Woche freundgehen. 23.8.2007: Man ist Zuschauer und Spieler gleichzeitig. Man schaut zu und spielt mit. Man ist Schauspieler. 22.8.2007: Sie steht gern früh auf, sie, ein frühlicher Mensch. 21.8.2007: Der Mann, der gerade seinen Regenschirm aufgespannt hat und jetzt unter der Kunststoff-Kuppel feierlich weitergeht. 20.8.2007: Das Wiesengefühl, wenn man in einer Sommernacht durch die Wiesen geht und eine Grille zirpt, das Gefühl des nimmermüden Lebens. 19.8.2007: Ein anderes Paradies – die Streuobstwiese, in der einem der Apfel von selbst in die Hände fällt. 18.8.2007: Das Beispiel – ein Spiel, das man öfters spielen sollte. 17.8.2007: Einen Teil des Lebens verschläft man, eine Zeit arbeitet man, und ein Teil geht mit der Erledigung der Formalitäten drauf. In der restlichen Zeit kümmert man sich um die Katze. 16.8.2007: Tage sind manchmal wie aufgeschreckte Vögel, die über einen hinwegschwirren. 15.8.2007: Das hartnäckige Gefühl, daß jeder Tag ein Feiertag ist. 14.8.2007: Jeder Mensch ist ein Seufzer. Von Zeit zu Zeit seufzt er. Vermutlich seufzt er als Kind zum erstenmal, vermutlich im Gespräch mit seinen Eltern. 13.8.2007: Jeden Tag so leben, als gäbe es einen Schatz zu finden – und dann den Schatz tatsächlich finden. 12.8.2007: Im Nichtstun Fortschritte machen – darauf kommts an. 11.8.2007: Sänger: Menschen, die große Töne spucken. 10.8.2007: Wer immer das Niemandsland erfunden hat, er tat gut daran, denn wo sonst sollte man aufatmen, wenn nicht dort? 9.8.2007: Jemand kniet nieder. Er bindet seinem Kind die Schuhe. 8.8.2007: Im Schlaf ähnelt der Mensch dem Schaf, deshalb kuschelt er im Bett so weich, so brav. 7.8.2007: Der Schlaf ist erholsam, weil er einen für eine Zeit vom Leben erlöst. 6.8.2007: Sommertage, wenn warmer Wind geht und das Flirren des Blätterschattens auf dem Gras einen kirre macht, sind homerische Tage, Tage des strauchelnden Gesprächs und eines vom Wind hinweggetragenen Gelächters. Tage, in denen die Sonnensterne auf dem goldenen Wein in die Runde blinzeln. 5.8.2007: So wie man in einer Wohnung, in der eigenen Bibliothek, Entdeckungen machen kann, so kann man auch in sich – unliebsame wie liebsame – Entdeckungen machen. 4.8.2007: Als der Mensch das Flugzeug entwarf, wurde er flügge. Menschen sind doch Vögel, Vögel mit künstlichen Flügeln. 3.8.2007: Jede abschätzige Betrachtung hat sich schon verloren ins Nichtlebendigsein. Die Beschreibung des Lebens ist ein fröhliches Tun. 2.8.2007: Einen Weg gehen, den es noch nicht gibt, der erst im Gehen entsteht, ist ein wirkliches Abenteuer. 1.8.2007: Zuversicht schenken ist wahrscheinlich das sinnvollste Geschenk, das man machen kann. 31.7.2007: Man sagt, man soll mit anderen nicht allzu streng sein, sich lieber selber anstrengen und so jemand werden, der ganz unangestrengt lachen kann. Wo Menschen lachen, entstehen hübsche Sachen. 30.7.2007: Innere Wolken reißen auf, wenn man bilderreich denkt. 29.7.2007: Fragen, die einen wirklich interessieren, sind der Wind in den Segeln des Körperschiffs. 28.7.2007: Pan. Wo man Ja zu Pan sagt, muß Japan sein. Die alten Griechen, die ihren Hirten- und Röhrengott Pan verehrten, müssen Japaner avant la lettre gewesen sein. Das moderne Japan ist zu einem Gutteil nur die Fortsetzung des antiken Griechenlands mit anderen Mitteln. 27.7.2007: Auch in der Ernüchterung liegt etwas Berauschendes. 26.7.2007: Bewundernden Aufblick – zu was auch immer, zum Himmel, zu den Wolken, zu den Schwalben, zur Decke der Sixtinischen Kapelle oder in die Augen eines Gegenübers – ihn braucht man, wenn nicht jeden Tag, doch einmal pro Woche. 25.7.2007: Das Karussell – von dem man nie genau weiß, wie man es schreibt, mit zwei r? mit einem s? und mit wie vielen l? – ist das Jahrmarktsgefährt schlechthin, sieht man es oder denkt man an eines, empfindet man unmittelbar Lebensfreude. Der Mensch geht von seiner körperlichen Konstitution her geradlinig, das Sichimkreisdrehen der Kinder auf dem nackten Boden oder, in höherer Kulturform, das Kreisen im Karussell, ist gewissermaßen der Sonntag des Gehens. 24.7.2007: Wenn zwei unter einer Decke stecken, handelt es sich um eine Form von Liebe. 23.7.2007: Natalia Lisboa schreibt aus Sintra: „Jeden Morgen liest man in der Zeitung das Wort Fortsetzungsroman, und man wundert sich, wenn man hineinliest, daß er nicht von einem selber handelt. Wäre das nicht für eine Zeitung etwas, das sie leisten müßte? Zu erzählen vom eigenen Leben? Jedes Leben ist schließlich ein Fortsetzungsroman – jeden Morgen setzt man den eigenen Roman fort, und so entsteht das Lebensganze. Und wie bei jedem Roman, der auf sich hält, gibt es im Leben keinen glücklichen Ausgang.“ 22.7.2007: Man nennt es Lebenskunst, wenn aus einem Muß durch Adoption eines e Muße entsteht. 21.7.2007: Kunst ist Ausdruck der Sehnsucht. 20.07.2007: Es fällt auf, wenn einem nichts mehr einfällt. Damit einem etwas einfällt, muß man die innere chinesische Mauer schleifen und die Gedanken-Mongolen zum Einfallen einladen, sie werden sich nicht zweimal bitten lassen. Man trägt China oder das Reich der Mitte in sich, und die Mongolen sind die darin umherstreifenden Hirngespinste zu Pferde. 19.7.2007: Wenn einem etwas nicht mundet, darf man deshalb nicht gleich maulen. 18.7.2007: Hereinspaziert, hereinspaziert! So müßte man jedes Neugeborene begrüßen. Hereinspaziert in den verrücktesten Zirkus des Universums! 17.7.2007: Bestes Kino. Im Freien übernachten und zu den Sternen aufschauen. 16.7.2007: Dort, wo eine Frau und ein Mann zärtlich sind, entsteht ein Gedicht. 15.7.2007: Malerischer Eindruck. Bäume und Wiesen sind die akustischen Leinwände des Windes. 14.7.2007: Küsse sind Gymnastik der Lippen. 13.7.2007: Eine attraktive Frau, sie wird von so vielen geliebt: Miß Verständnis. 12.7.2007: Ideal: Das Leben spielerisch führen. 11.7.2007: Gesellschaftskunst. Der Mensch ist von Natur aus verführbar. Es kommt darauf an, sich zum Gelingen sozialen Miteinanders verführen zu lassen. 10.7.2007: Wer täglich ein Humorbad nimmt, hält den Geist frisch. 9.7.2007: Die Liebe ist die einzige Weltmacht, die von ihren Untertanen respektiert wird. 8.7.2007: Leben heißt in der Fremde heimisch werden müssen. 07.07.07: Die Lichtmusik, die man hört, wenn das Licht durch die Blätter rieselt, macht einen zum träumerischen Kind, das die Zeit nicht kennt. 6.7.2007: Ein Spaziergänger schreibt sich in die Landschaft ein. 5.7.2007: In den Regen hinaufschauen und sich den Kopf waschen lassen – die Gelegenheit sollte man sich nicht entgehen lassen. 4.7.2007: Schallplatten, die man lange Jahre nicht gehört hat, sind Zeitfloße, die einen in eine längst verflossene Zeit zurücktragen. 3.7.2007: Regengüsse, diese wilden Küsse des Himmels. 2.7.2007: Antworten geben auf drängende Fragen heißt Verantwortung übernehmen. 1.7.2007: Fangerles ist das Urspiel schlechthin. Die Kinder tun es, die Erwachsenen tun es wieder, sie versuchen, einen Menschen zu fangen, bzw. sie tun alles dafür, nicht gefangen zu werden. 30.6.2007: Philosophische Disziplin: Der Schüler seines eigenen Traumes sein. 29.6.2007: Eine heutige Form der Meditation: sich unter der heißen Dusche vergessen. 28.6.2007: Am ästhetischen Menschen ist alles Musik. Jede Geste, jedes Lidzucken, jeder Schritt, jedes Lachen, jedes Weinen und Sprechen sind Teil einer Symphonie, eines Zusammenklangs aus Liebe und Sehnsucht, aus Angst und Vertrauen. Seine Maxime lautet: Lebe jederzeit so, daß ein „da capo“ dich erfreuen würde. 27.6.2007: Ein gezeichneter Mensch erscheint reizend. 26.6.2007: Alles, was der Denker wahrnimmt, gibt er in wahren Gedichten zurück. 25.6.2007: Der Stift ist das Surfbrett auf den Wellen der Phantasie. 24.6.2007: Gedanken sind wie sich kräuselndes Wasser auf der Meeresoberfläche. Niedergeschriebene Gedanken sind wie Photographien von sich kräuselndem Wasser. 23.6.2007: Herrschaftszeiten – Alltag. Ohnmachtszeiten – Kunst. Kunst ruft Momente ohne Macht hervor. Momente ohne Macht = Schönheit. 22.6.2007: Im Sommer glaubt man, das Leben bestünde nur aus Tag und Licht und Auge, die Nächte wären nur ein Blinzeln. 21.6.2007: Kinderlied. Nach der Rückkehr aus dem Reich des Schlafes sind wir ganz weich wie Schafe, dann frühstücken wir wie Küken und sind glücklicher als Fürst Pückler. Mittags fahren wir nach Essen und vergessen uns im Gewimmel der Metropole, abends bewundern wir das Rot, die Aureole am Himmel. Dann besteigen wir das Boot, kurven wie Ben Hur auf der Ruhr und gleiten im Mondschein auf dem Rhein und schlafen ein. 20.6.2007: Liebe ist die Energie, die zunimmt, während man sie verschwendet. 19.6.2007: Natalia Lisboa sendet vom Café Nicola aus ein Billett: „Manchmal erscheinen mir die Augen wie Schaufenster, die die Menschen voneinander trennen.“ 18.6.2007: Sozialismus der Wolken. Die Wolken bildeten die erste sichtbare und noch heute wirksame Internationale. Sie spenden mit blinden Augen ihren säkularen Segen in Form von regenerativem Regen. 17.6.2007: Ein Mensch, der mit einer Situation unzufrieden ist, soll nicht bruddeln, er soll wettern. Wer wettert, erscheint am Gesellschaftshimmel wie eine Schönwetterwolke. Bewundernswert. 16.6.2007: So leben, daß die gelebte Zeit als die Gelobte Zeit erscheint. 15.6.2007: Der Sommer ist die Zeit der Verheißung. 14.6.2007: Für die Stadt ist ein Fluß das natürliche Beatmungsgerät. 13.6.2007: Der Mensch ist ein sich richtendes Tier. Das Tier muß sich immer nach etwas richten, sich neu ausrichten und neu einrichten. Oft richtet es wider Willen etwas an. 12.6.2007: Man soll, muß jeden Tag ganz Gegenwart sein. Auch dann, wenn man den Tag verbummelt. 11.6.2007: Jeder Tag ist eine Einladung, etwas schönes zu machen, es bunt zu treiben. 10.6.2007: Die innere Bewegung, die man beim Bad im Meer empfindet, rührt vielleicht von dem Wissen her, daß man eines Tages für immer baden geht. 9.6.2007: Der Kreisel ist die Aufhebung der Kreuzung. Der Kreisel ist die Aufhebung des Todes. Kein Kreuz mit dem Kreis. 8.6.2007: Daheimsein, lachen heißt sich einen Reim auf sich selber machen. 7.6.2007: Eine erschöpfte Taube fährt mit der Rolltreppe von der U-Bahn zurück ans Tageslicht. 6.6.2007: Das Wort Brauchtum klingt altmodisch. Aber jeder Mensch hat sein eigenes Brauchtum. Jeder Mensch hat etwas, das er braucht. Das ist sein Brauchtum. Ein Mensch, der nichts mehr braucht, ist am Ende. 5.6.2007: Seinen Weg machen, jeden Tag, bringt Glück. 4.6.2007: Liebende sind füreinander ein existentieller Lebkuchen. 3.6.2007: Das Leben gelingt am ehesten, wenn man es aus Liebhaberei betreibt. 2.6.2007: Liebe ist eine Herzensangelegenheit. Liebende legen sich einander ans Herz. 1.6.2007: Die Leiter, die in den Himmel führt, ist die Tonleiter. 31.5.2007: Jedes Leben liegt in den Händen der Zeit. Die Zeit eine Bildhauerin. 30.5.2007: Durch das Leben bläst immer ein Sturm. Zivilisation ist der Versuch, dem Sturm aus dem Weg zu gehen. 29.5.2007: Man muß sich auch selber verführen – zu einem guten Leben. 28.5.2007: Menschen sind wie Musiker. Sie spielen anderen etwas vor. 27.5.2007: An einem Brunnen. Am jüngsten bleibt der Geist, / der unermüdlich reist. 26.5.2007: Jede Gesellschaft braucht einen Ort, wo ihre Mitglieder toben und rasen dürfen. In Deutschland heißt der Ort Autobahn. 25.5.2007: Hoffnungslos. Eine Frau am Bahnsteig sieht dem sich entfernenden Zug nach und wirkt befreit, als ließe sie die Hoffnung fahren. 24.5.2007: Etwas unverblümt sagen – mit Blumen. 23.5.2007: Verdi ist wie Monteverdi, nur ohne Monte. 22.5.2007: Fräulein Lisboa schreibt, wie sie sagt, lächelnd: „Im Schlaf sind wir unter Tage. Im Tod bleiben wir dort.“ 21.5.2007: Menschen, die sich ineinander verlieben, sind zwei Flüsse, die beim ersten Kuß ineinander münden. 20.5.2007: Denken heißt Ansichten haben. Man sieht ein Ding von unterschiedlichen Seiten an, hat dadurch mehrere Ansichten von ihm. Ein Mensch, der sein Denken schriftlich festhält, ist ein Ansichtskartenschreiber. 19.5.2007: Im Licht glänzen auch die grauen Mäuse. 18.5.2007: Die natürliche Vorform des Weckers ist das schreiende Baby. Den Wecker abstellen heißt ihn stillen. 17.5.2007: Kein Tag ohne Zeile gegen Langeweile. 16.5.2007: Blumen sind die Gedanken der Wiese. 15.5.2007: Natalia Lisboa schreibt: „So reizend die Schönheit der Erde sein mag, ohne die Möglichkeit, sich mit dem Blick in einen wolkenverhangenen Himmel zu retten, wäre das Leben unerträglich.“ 14.5.2007: Das erste Spielzeug, das Kinder geschenkt bekommen, ist die Zeit. 13.5.2007: Natalia Lisboa sendet ein Billett vom Atlantik, unweit von Sintra, an dessen Ufer sie schier endlose Stunden geht. „Weil der Geist ein Meer ist, entstehen Sätze so unermüdlich wie Wellen am Strand. Und wie Wellen am Strand lösen sich die Sätze wieder auf. Die Schrift besteht aus einer Reihe von gefrorenen Wellen. Wenn ein Mensch die Wellen liest, erwachen sie zum Leben.“ 12.5.2007: Manche tragen beim Denken ein Verhüterli, das verhüten soll, daß sie Fehler machen. Aber wer nicht riskiert, Fehler zu machen, kann auch nicht fruchtbar denken. 11.5.2007: Das ß erinnert in seiner Form an eine schwangere Frau. Allein schon deswegen sollte man es hochhalten. 10.5.2007: Ein Kinderspiel. Morgens, am Ufer der Nacht, wenn man verschlafen aus dem Boot steigt, steht der Tag vor einem wie ein Gebirge, das man überqueren soll; man weiß nicht, wie, doch geht man, als wärs ein Kinderspiel. 9.5.2007: Der Fortschritt ist nicht per se der Schritt zum Besseren, oft ist er nur der Schritt fort vom Guten. 8.5.2007: Hörgemälde. In einer vollständigen Geschichte der Malerei müßten auch jene Künstler verzeichnet sein, die nur auf lautmalerische Weise, nur mit ihrer Stimme, ihre Bilder schaffen. 7.5.2007: Das ganze Leben ist eine Übergangszeit. Leben, über die Zeitbrücke gehen. 6.5.2007: An Erfahrung gewinnt, wer etwas verliert. 5.5.2007: Die menschliche Gesellschaft müßte ein Naturschutzgebiet sein, in dem auch seltene Pflanzen gedeihen. 4.5.2007: Wer die Schleppe der Vergangenheit abschneidet, kann wieder rennen. 3.5.2007: Sich die Meise auf dem Fenstersims zum Vorbild nehmen – nur leben und singen. 2.5.2007: Das Leben ist ein Spiel mit Murmeln am Sonntag nachmittag. Ehe man sich versieht, ist die Zeit verflogen. 1.5.2007: Auch die Natur dichtet, ihre Gedichte sind nicht jugendfrei. 30.4.2007: Jede Gemeinschaft hat einen Hang zur Gemeinheit. (Hexenweisheit) 29.4.2007: Wenn alles mit allem zusammenhängt und der Mensch will, daß die Menschen weniger leiden, muß jede Handlung, jedes Handzeichen, jeder Blick eine befreiende, erotische Güte haben. 28.4.2007: Wer denkt, geht schwanger. 27.4.2007: Man stelle sich ein Internat vor, dessen Zöglinge in der Früh von einem Witz geweckt werden, der wirklich Witz hat und den eine Frau mit sanfter Stimme erzählt. Würden die Zöglinge nicht bereits wach in ihren Betten liegen, bevor der Witz erzählt wird, und würden sie nicht im Lachen aufstehen und auf diese Weise den Tag beginnen? Was für eine Generation würde man dadurch heranziehen? 26.4.2007: Nicht allein die Früchte von Wald und Flur, auch Früchte des Denkens munden. Im Denken gibt es freilich ebenso Tollkirschen und Fliegenpilze. 25.4.2007: Von Zeit zu Zeit hört man, es käme mehr darauf an, Fragen zu stellen, als Antworten zu geben. Meist wird diese Aussage von einem Anflug triumphalischen Mienenspiels begleitet, als würde die Aussage denjenigen, der sie macht, schon zu einem klügeren Menschen machen, wobei das Mienenspiel zugleich das Bedauern ausdrückt, daß derjenige, demgegenüber die Aussage gemacht wird, leider nicht zu diesen Menschen zählt. Aber warum sollte das mit den Fragen eigentlich so sein? Sicher sind Fragen wichtig und zum Glück so rasenmähertrotzig wie Gänseblümchen. Fragen wie etwa diese: „Warum bewegt sich Ottilie nicht mehr? Was passiert mit Menschen, wenn sie sterben? Warum gibt es das Universum? Warum gibt es Obdachlose? Wieso befindet sich die Armut der Welt in den Händen vieler Menschen? Wieso gibt es Menschen, die hungern müssen und aufgrund von heilbaren Krankheiten früh sterben?“ Keine Frage, Fragen sollen nicht unter den Tisch fallen. Doch wer Fragen stellt, und Fragenstellen ist einfach, muß der nicht auch Antworten geben? Antworten sind das Salz in der Fragensuppe. 24.4.2007: Der Mensch hat einen Körper, der gleicht einer Insel, und einen Geist, der gleicht dem Meer, das die Insel umspült. Die Insel wandert in den Meeresströmungen. Das Denkvermögen, das Ich, das an der Inselküste wohnt, unternimmt Ausflüge ins Meer, läßt sich von den Wellen schaukeln, taucht am Riff, betrachtet die Gedankenkorallen, die farbenreich schillern, betrachtet die Fische, die lautlos vorüberziehen. Manchmal, bei Unwetter, stürmt das Meer die Küste und droht, das Ich in seine Tiefen mit hinabzureißen. 23.4.2007: Natalia Lisboa schreibt: „Das Leben mag jeden Tag neu versucht werden, was heute gelingt, kann morgen mißlingen, was heute mißlingt, kann morgen gelingen. Im Gelingen bleiben Menschen ein Leben lang Lehrlinge. Die Lagen, in die sie gespült werden, denen sie nicht entweichen können, sind unvorhersehbar und launisch wie das Meer.“ 22.4.2007: Zum Tanzen und Singen zählen auch stillstehen und schweigen. 21.4.2007: Das Lächeln ist die Schleife um das Geschenk des Lebens. 20.4.2007: Suchende und unsichere Menschen sind das Salz der Erde. 19.4.2007: Jeder Mensch ist wie ein Museum, das Tag für Tag vergrößert wird. Das Museum ist voller Erinnerungen und Narben. In manchen Räumen verweilt man gern, bleibt länger, setzt sich auf eine Bank, andere durcheilt man hastig und man wendet den Blick von den ausgestellten Objekten. So oder so, man ist froh, wenn man wieder im Freien ist – ein Museumsbesuch ermüdet. 18.4.2007: Ein Tag ist wie ein Gänseblümchen, klein, nahrhaft, vollkommen. 17.4.2007: Zum Frühstück eine Melange, dieses Glück, jeder Tag ist eine Chance. 16.4.2007: Wenn die Tage, im Frühjahr, wieder ins Land gehen, öffnet sich den Augen ein neues Sehen. 15.4.2007: Frühling. Wer nicht unter Menschenschnupfen leidet, genießt die blühenden Menschen. 14.4.2007: Menschen sind tagsüber komisch, nachts kosmisch veranlagt. 13.4.2007: Die Haut ist ein zerbrechliches Haus, ein unzerbrechliches weht im Wind, ist der Geist, das himmlische Kind. 12.4.2007: Das Tier ist eine Tür in die Vergangenheit des Menschen. Das irritiert ihn. 11.4.2007: Ideal: Jeder lebt willkürlich nach dem eigenen Gutdenken. 10.4.2007: Spielen heißt das Seelengeschirr spülen, der Spieler ist ein Spüler. 9.4.2007: Meeresfrüchte. Meeresströme rauschen in jedem; Meersalz klebt auf der Haut. Durch die endlichen Tiere fließt ein unendlicher Strom. 8.4.2007: Der Jubel über das Leben ertönt in Nebenklängen, in Nebenklängen der Stille. 7.4.2007: Wege in die Weite sind Küsse aufs Herz. 6.4.2007: Man muß die Stille sich artikulieren lassen, um ihre Botschaft zu hören. 5.4.2007: Menschen sind Romane, jeder ist lesenswert. 4.4.2007: In jedem Genießer steckt ein Genie. 3.4.2007: Egal wie unaufgeräumt die Wohnung erscheint, wichtig ist, daß du selbst aufgeräumt bist. 2.4.2007: Wer seiner naiven Wahl traut, wird glücklich sein. 1.4.2007: Unter den Monaten ist der April, der lacht, wie er will, ein Scherzo. 31.3.2007: Ein Jahr, man umkreist einmal die innere Sonne. 30.3.2007: Jemand spricht abfällig von einem „einfachen Menschen“. Lieber ein einfacher Mensch sein als ein Mensch voll Halbheit. 29.3.2007: Egal obs draußen warm oder kalt ist, man trifft sich auf dem Gemeinplatz. 28.3.2007: In jedem Menschen ist eine ganze poetische Welt niedergelegt. 27.3.2007: Die Gelblichtszene, in der man sich morgens, bei schräg einfallendem Sonnenlicht, in der Wohnung, im Freien wiederfindet, inspiriert die Lust zu leben. 26.3.2007: Gewohnheiten im Denken sind die Laufställe der Erwachsenen. 25.3.2007: Europa, der Name des kleinsten, buntesten und jahrtausendealten Kulturkontinents, ist, wie man weiß, der Name einer Frau. Europäer haben gewissermaßen zwei Mütter, die leibliche und die Übermutter Europa. 24.3.2007: Transzendenz heißt lächeln. 23.3.2007: Jeder sollte von Zeit zu Zeit über die Milchstraße schlendern. Das erfrischt die Augen und eröffnet das anmutigste Panorama. 22.3.2007: Eine lautere Seele ist paradoxerweise leise. 21.3.2007: Das Meer ist der terrestrische Himmel. Deswegen läßt es nicht kalt, an sein Ufer zu treten und von rauschenden Wellen umspült zu werden. 20.3.2007: Man sieht zahlreiche Menschen ihre Hunde ausführen. Mögen sie auch ihre guten Gedanken ausführen! 19.3.2007: Der Geist, der in einem Menschen wohnt, ist ein Gast, den man gut verpflegen muß, sonst geht er flöten. 18.3.2007: Es ist kein Wunder, daß man beim Nageln immer wieder danebentrifft. Beim Nageln erkennt das Gehirn neben dem Werkzeugnagel unbemerkt noch den Daumen- und den Zeigefingernagel. Diese Nägelhäufung führt zu Verwirrung, Zielunentschiedenheit, mit der schmerzhaften Folge. 17.3.2007: Kein Mensch ist von Natur aus ein Kind von Traurigkeit, Menschen sind Kinder von Frohnaturen. Ein Mensch, von dem man sagt, er sei ein Kind von Traurigkeit, lebt im Exil. Seine Heimat, die er wiederzufinden sucht, ist die Frohnatur. Der Mensch ist ein Rheinländer. 16.3.2007: Ein Kreativer seufzte: „Ich brauche dringend eine unkreative Pause.“ 15.3.2007: Humanismus ist Lustgebung. Er gibt entmutigten Menschen wieder die Lust zu leben. Frühling ist der natürliche Humanismus. 14.3.2007: Im Winter wärmen sich die Menschen in den vier Wänden, im Frühling geraten sie aus dem Häuschen. 13.3.2007: Wer die Musik der Welt hören will, muß einmal ruhig sein und lauschen. 12.3.2007: Natalia Lisboa sendet vom Marktplatz in Sintra aus ein Billett: „Man muß sich jeden Tag klar machen, wie zutiefst fremdartig und verlockend die Schönheit ist, die uns umgibt und unsere Augen küßt.“ 11.3.2007: Die Stille läßt die Zeit langsam gehen. 10.3.2007: Jeden Morgen legt das Schlafboot an einem unbekannten Ufer an, der Sand schimmert wie tausend schlafende Sterne, der Schlaf hat den noch Versunkenen über den Strom der Nacht gesetzt, im Zwielicht geht der Himmel auf, der Fahrgast erwacht von Vögeln umzwitschert und betastet mit den Augen den neuen Tag. 9.3.2007: Nach einer Wanderung durch den Zoo mit all den Tieren aus allen Erdteilen ist man müde wie nach einer Weltreise. 8.3.2007: Verssucher, die Dichter. 7.3.2007: In der Vogelwelt rechnet man den Menschen zur Spezies der schrägen Vögel. Weil dieser Vogel nicht mehr selber fliegen kann, hat er Flugzeuge gebaut. Der jahrtausendealte Traum des Menschen vom Fliegen war der Wunsch, selber wieder in die Lüfte zu steigen. 6.3.2007: Wer lebt, schlägt Sahne. Der Tod ist ein Absahner. 5.3.2007: Tränen, die salzigen Tröpfchen, sind Abgesandte des Meeres. 4.3.2007: Liebe ist ein Happyning. 3.3.2007: Die Trübsalblaser. Die Trübsal ist das Instrument, das noch immer zu viele von ihren Eltern spielen lernen. Kaum haben die Zöglinge ein paar Stunden Unterricht genossen, beherrschen sie das Instrument für den Rest ihres Lebens. Ist irgendwo gute Stimmung, fühlen sie sich auf den Plan gerufen, nehmen ihr Instrument zur Hand und blasen Trübsal. 2.3.2007: Natalia Lisboa sendet aus Sintra eine Kurznachricht: „Das Licht und der Wind sind wie ein Kindergesicht, aufheiternd und wohltuend, ein Vergißmeinnicht.“ 1.3.2007: Menschen sind laufende Bilder. Der Hautfilm erzählt von der Zeit des eigenen Lebens. 28.2.2007: O mio babbino caro, lindere meinen Schmerz, laß mich zu meiner Freude, zu meinem Geliebten, ziehen – das ist leicht variiert der Inhalt von Laurettas flehklagender Arietta in Puccinis Oper „Gianni Schicchi“. Man wird hier Zeuge dessen, was im Grund jede lyrische Erhebung ausmacht, Zeuge des Versuchs, die schwer erträgliche Nähe von Schmerz und Freude, die ein liebender Mensch fühlt, mithilfe ihrer Mitteilung erträglich zu machen. 27.2.2007: Die Rede ist ein Fluß. Die Zunge ist ein Boot. Im Reden schaukelt es, im Schweigen gleitet es lautlos dahin. 26.2.2007: Noch jedes Kaff hat seine Fee. Kaffee. 25.2.2007: Selbst-Interview (Ausschnitt). Warum interviewen Sie sich selber? – Weil ich schon immer wissen wollte, was ich mich selber fragen würde. – Und, sind Sie mit der ersten Frage zufrieden? – Nun, mich irritiert, daß ich mich selber sieze. Warum duze ich mich nicht? – Fragen Sie das mich? – Nein, ja, das heißt, ich frage mich das selber. – Und wie lautet Ihre Antwort? – Was glauben Sie? – Bin ich der Fragensteller oder Sie? – Aber haben nicht Sie mich gesiezt? – Doch, das ist wahr, ehrlich gesagt, bin ich aus dem Konzept gekommen. Am besten wir beginnen von vorne. – Gut. Fangen Sie an. – Warum siezt du mich? 24.2.2007: Bücher sind Wolken. Sie kennen keine Grenzen, überqueren Länder und Meere, jeder kann diese luftigen Wesen mit den Augen sehen und lesen, kann ihnen folgen und sich von ihnen, wenn sie sich in Tränen auflösen, erregen und beseelen lassen. 23.2.2007: Das Zwielicht ist das Brunnenlicht des Menschen. 22.2.2007: Wer im Kopf einen Vogel hat, muß sich nicht wundern, wenn er morgens allzu früh aufwacht. Der Vogel zwitschert mit seinen Genossen im Garten. 21.2.2007: Fasten. Was den Grund des Universums und des Lebens angeht, weiß man fast nichts, das heißt man weiß nur, daß man nichts sicheres darüber weiß. Dieses Fast-Nichts-Wissen sich bewußt machen nennt man fasten. 20.2.2007: Ausgerechnet an Karneval lassen die Menschen ihre Masken fallen. 19.2.2007: Der Baum ist der Wal unter den Pflanzen. 18.2.2007: Renate sagte immer So-so-so, irgendwann nannte man sie nur noch Sonate. 17.2.2007: Verschleierte Frauen. Schöne Schleier – die offenen Haare der im Frühlingswind gehenden Frauen. 16.2.2007: Mit der Weisheit verhält sichs wie mit einer Partitur. Es nützt nichts, sie unbemerkt im Regal stehen zu haben, man muß sie lesen und zur Aufführung bringen. 15.2.2007: Wörter, die etwas kleines bezeichnen, haben einen eigenen Charme. Kajüte, Kiesel, Ameise, Kind, Bach. Wörter, die etwas großes bezeichnen, eher nicht. Wahrheit, Palast, Staat, Krieg, Präsident. Der charmante Staat – klingt utopisch. Vielleicht wäre es wünschenswert, einen Staat mit Charme zu haben. 14.2.2007: Tagebücher. Jeder Tag ist ein Buch. Der Mensch liest selbstredend den Tag auf seine eigene immer wechselnde Weise. Mal hudelt er durch, verschläft einen Teil, driftet mit den Gedanken ab, verpaßt eine Spanne, mal liest er genau, jede Zeile für sich, als handelte es sich um einen Klassiker, der einem selbst an den scheinbar unscheinbaren Stellen etwas sagen mag, und der Mensch braucht ewig, bis er ans Ende kommt. Ob der Tag dick oder dünn ist, hat nichts zu sagen, Laotses Taoteking ist ein dünnes Buch, das trotz seiner Dünnheit auch nach zweieinhalb Jahrtausenden noch nicht zu Ende gelesen ist. 13.2.2007: Zum Beispiel bei Krankheit, wenn man flachliegt, zeigt sich einem wieder einmal oder zum erstenmal: Der ganze Körper ist ein einziges Instrument, ein Instrument aus vielen einzelnen Instrumenten: Beine für die Fortbewegung, Hände zum Greifen, Mund zur Energieaufnahme, Kommunikation und Erotik, etc. Des Lebens Element ist das Instrument. So oder so, leben heißt ein Instrument spielen lernen. 12.2.2007: Musikalischer Imperativ. Lebe so, daß sich immer wieder neue Töne in dein Leben einspielen. 11.2.2007: Das Morgenorange ist für die Seele eine Frühtrinkmelange. 10.2.2007: Das Morgenrot ist für die Seele ein Boot. 9.2.2007: Das Morgenblau ist eine Seelenau. 8.2.2007: Wirklich schade. Erwachsene sitzen nie auf Bäumen. Von Baumgärtnern abgesehen, sieht man dort nur Kinder und Tiere. Es würde jenen guttun, immer wieder in einem Baum zu sitzen und die Welt von dieser Position aus zu betrachten. Eine Welt, in der Erwachsene auf Bäumen sitzen, müßte eine verträgliche Welt sein. 7.2.2007: Natalia Lisboa seufzt in einem Billett: „Schon beim Wort shoppen fühle ich mich schlecht, beim Anblick von Einkaufstüten muß ich mich hinlegen.“ 6.2.2007: Das Leben eine Heimsuchung. Jeder Mensch sucht sein Heim. 5.2.2007: Flower-Power. Wenn der Mensch eine Blume ist, ist sein Lächeln die Blüte. Die Augen lächeln mit. 4.2.2007: Wer alles fahren läßt und stehenbleibt, vergeht; wer alles fahren läßt und selber geht, bleibt im Spiel. 3.2.2007: Menschen, die herzkonservativ sind. Sie glauben an die Liebe, sie wollen die Welt retten. 2.2.2007: Die Welt wird von den Guten regiert – oder sie sollte es zumindest. 1.2.2007: Amsterdam. Nebel, atmende Fee, bella donna des Tages, streift die Colonnaden; mit einem Streichholz, Marke Riesa, reißt Rembrandt eine Flamme auf, träumt von Mona Lisa. 31.1.2007: Zwei, die sich anziehen, ziehen sich aus. 30.1.2007: Luftikusse stammen aus dem Völkchen der Wölkchen. 29.1.2007: Wer im Meer baden geht, kann sich vom Wellenkamm frisieren lassen. 28.1.2007: Der Mensch ist ein Taucher, taucht im Nebelmeer. 27.1.2007: Höherer Sieg – auch der Niederlage etwas abgewinnen. 26.1.2007: Periode. Liebe ist wie die Mode – sie geht vorüber, je früher je lieber. 25.1.2007: Winterlunge. Auf Wegen, über hingesausten Sternen, wehen glasierte Schleier feenhaft schüchtern übers Himmelbett und glitzern, in der Sonne, mit elektrisierter Zunge lüstern unentdeckt. 24.1.2007: Schneetreiben. Der Winter ist ein Pianist, für Kinder, er kann auf Tasten, vom Winde verweht, lautlos schneien, und die Kinder, die Phantasten, schreien aufgedreht. 23.1.2007: Pflücke den Tag, schreibt Horaz an die Jungfrau Leukonoe. Natalia Lisboa kritzelt hinzu: „Und dring auch selbst auf gründliche Befruchtung, damit auch die anderen nach uns noch Tage pflücken können.“ 22.1.2007: Sich überwinden, sich vom Wind tragen lassen. 21.1.2007: „Laß mal!“ sagt der eine zum anderen, und der andere läßt das, woran er gerade ist, liegen; sie gehen und setzen sich in der Nähe auf einen Stapel geschnittener Latten und schauen ins Tal. Die Landschaft breitet sich vor ihnen aus, am Horizont brandet die See. Sie schweigen und schauen nur. Abends werden sie das Gefühl nicht los, an diesem Tag mehr als sonst geleistet zu haben. 20.1.2007: Du hast einen Vogel. Glück soll man nicht erzwingen, sich nicht greifen, auch wenns zum Greifen nah ist, Glück soll man in Ruhe lassen wie einen Vogel, der im Laub nestelt. Wenn er heraushüpft und zu einem unter die Jacke schlüpft, ist es gut. Irgendwann flattert er davon, in den nächsten Baum. Wer sollte was dagegen haben? 19.1.2007: Tagträumen. Fräulein Lisboa in einem nächtlichen Billett: „Die angenehmen Nachtträume sind zum Genießen da, nicht, um sie auszulegen. Was im Schlaf gelingt, nämlich zu träumen, sollte auch im Wachen wie im Schlaf gelingen. Ein Tag ohne Tagträume ist kein Tag.“ 18.1.2007: Nimm wahr, was dir vor die Augen kommt – das klingt einfach, ist schwer. 17.1.2007: Obdachlos. Das Leben ist eine Gewohnheit. Ohne Gewöhnung wäre es nicht zu leben, müßte jeder verrückt werden. Bekanntlich ist es bei Licht besehen unbegreifbar, wundervoll, den Verstand übersteigend. Vor dem unaushaltbaren Anblick dieser exzentrischen Wohnung rettet die Gewohnheit. Jeder ist das Leben gewohnt und zugleich obdachlos. 16.1.2007: Lyrischer Nomade. Das Schaf auf der Wiese braucht keine Wissenschaft. Der Mensch auf seinem Wanderstab labt sich an Erlebnissen, insbesondere auf Kissen, an Leckerbissen wie den Küssen. Zugänglich für andere, in jedem Land, ist er, lebenslänglich, sehr verfänglich und am Ende, dem blühenden, unzulänglich und vergänglich. 15.1.2007: Opernpause. Gelöste Männer und rätselhafte Frauen passen gut zusammen. 14.1.2007: Untergrundbahngespräch. „Das Türstehertum ist einer der peinlichsten Beweise für die allgemeine Geschmacklosigkeit unserer Zeit.“ – „Du redest nicht gerade kollegial – ich hätte dir gern widersprochen; aber der Wahrheit widersprechen ist unmöglich.“ 13.1.2007: Hygiene. Zumindest einmal am Tag schweigen, abgeschieden, zumindest einmal am Tag lachen, zweisam, unbemerkte Minuten lang. 12.1.2007: Der Geist ist ein Förderturm. Er bringt etwas zutage. Menschen sind Bergwerke. 11.1.2007: Philosophieren, sich schönen Dingen hingeben. 10.1.2007: „Augenblick, bitte!“ Den Augenblick genießen meint auch im Augenblick des geliebten Gegenübers versinken. 9.1.2007: Natalia Lisboa, in einem Billett über Erlösung: „Menschen sind beim Anblick der endlosen Wellen des Meeres dergestalt aufgewühlt, daß sie den Sand des Alltags nicht mehr fühlen.“ 8.1.2007: Äquivalenzen. Zwei, die sich ergänzen, erglänzen. Zwei, die sich teilen, heilen andernorts. 7.1.2007: Lokalologie (Erörterung). Wer an seinem Ort ist, ist in Ordnung. Wer nicht an seinem Ort ist, sucht seine Hortensie. 6.1.2007: Lieb und Leid, vereint, erklingen als Lied. 5.1.2007:Was die Wiegenlieder für die Kleinen, ist der Fernseher für die Großen: ein Einluller par excellence. 4.1.2007: In die Lehre gehen. Einzig sinnvolles Ziel der Penne wäre, daß aus Lernenden Lehrende werden. Wer aus der Schule entlassen wird, soll das Zeug haben, sich selbst zu belehren. Jeder Tag wäre einer, an dem jeder sich belehrt. So wäre das Ideal eines Menschen erreicht: die Gemeinschaft des Lehrenden und Lernenden in einer Person. 3.1.2007: Menschen sind unentwegte Tiere, sie machen immer ihren Weg, selbst wenn sie von ihm abkommen. 2.1.2007: Grundrechtsartikel 1. Die Bürde des Menschen und des Tiers ist antastbar. Sie zu erleichtern und aufzulösen ist Verpflichtung aller menschlichen Gewalt. 1.1.2007: Vorspatz. Sich schöne Augen machen. Schöne Augen sind die in die Welt flatternden Liebesspatzen. 31.12.2006: Menschen, die sich mögen, haben Vermögen und verwöhnen sich. Einen Menschen verwöhnen heißt ihm die Welt wohnlich machen. 30.12.2006: Den Dingen und Menschen lustvoll beiwohnen und zugleich lässig, und durchlässig, bleiben. 29.12.2006: Zwischen den Jahren. Sonnenschein, das Meer zerfahren, wellenfein. Zwischen Dialogen Sangesmenschen, ein farbiger Bogen, gute Wünsche. 28.12.2006: Natalia Lisboa sendet wieder aus den Wäldern Sintras ein Billett: „Uhu, Bär, Tannenmeise, oder welche Tiere immer, welche Blumen immer in die Sinne kreisen: heilsam sind sie, eines Tages Tusculum.“ 27.12.2006: Die Handschrift ist die optische Melodie der Sprache. 26.12.2006: Festplatzwurst. Das ideale Leben ist für viele wie das Schnappen nach der Wurst auf dem Festplatz – die Wurst bleibt unerreichbar. Ihr reales Leben ist ihnen dabei wurscht, sie haben Augen nur für die glänzende Festplatzwurst. Aber was heißt das – das Leben erreichen? Jeder hat sein Leben schon, lebt es aber nicht immer. Nicht so, wie es ihm möglich wäre. Ein Lebenskünstler ist einer, der Wurst Wurst sein läßt und sich um das kümmert, was er schon hat, seine alltägliche Möglichkeit, sein alltägliches Amlebensein. 25.12.2006: Geburtsbad. Natalia Lisboa kritzelt: „Wenn ich das Gefühl habe, die Welt nicht mehr ertragen zu können, gehe ich im Atlantik baden. Danach fühle ich mich leicht und neugeboren.“ 24.12.2006: Mündlicher Verkehr. Der Mensch ist das Tier, das mit sich reden kann. Manchmal ist er auch das Tier, das mit sich reden läßt. 23.12.2006: Natalia Lisboa notiert in einem Billett mit gänseblümchengelber Tinte: „In Liebe dem Geliebten beiwohnen ist menschlichstes Tun.“ 22.12.2006: Mehr Licht! Humanheliologen vermuten beim Menschen das Vorkommen innerer Sonnenwenden. Jedes Menschenjahr habe seine lichtabnehmende und seine lichtzunehmende Hälfte. Wenn die innere Sonne ihren Tiefstand erreiche, schreite der Mensch durch ein Tal und sei zugleich schon überm Berg. Man spricht dabei vom Mons-Vallis-Paradox. 21.12.2006: Warte, du! Der Mensch ist wohl doch ein Warter, er muß sein Leben warten; aber oft wartet er es kaum, statt dessen vertut er es in irgendeiner Schlange wartend. 20.12.2006: Königin der Nacht. Ihr Gesang ist die akustische Sonne. 19.12.2006: Ich nehme wunder, also bin ich. 18.12.2006: Perpetuum mobile. Wer findet, wird suchen. 17.12.2006: Was hast du dir dabei gedacht? Die aus dem Alltag gegriffene Frage deutet hintenherum an, daß es offenbar darauf ankommt, sich bei dem, was man tut, etwas zu denken. Wobei die Frage je nach Tonfall entweder eine Rüge darstellt – „wie konntest du das nur tun? wo hattest du deinen Kopf?!“ – oder ein fast sachliches, wissensdurstiges Verlangen. 16.12.2006: Seltsame Affäre. An manchen Morgen erwacht der Mensch scheinbar neben sich und fragt sich verwundert: Welchen Fremdling habe ich mir gestern nur ins Bett geholt? 15.12.2006: Feiner als Einfluß, der Menschen schleichend etwas einflößt, ist ein Fluß, der sie unter freiem Himmel fließend anspricht und verschönert. 14.12.2006: Feste locken an und lockern feste Banden auf. 13.12.2006: Regenlachen. Regen versieht die Welt mit Lachen. Lachen macht Freude. 12.12.2006: Schmieden. Gewisse Wörter leben weiter, obgleich sie eigentlich schon ausgestorben sind. Das aus dem Alltag praktisch verschwundene Verb schmieden lebt in der Wendung Pläne schmieden fort. Kaum jemand sieht ja im Alltagsleben noch einen Schmied schmieden. Dafür sind fast alle Menschen Pläneschmiede. Für diese Pläneschmiede gilt die Maxime: Man muß die Pläne schmieden, solange die Gedanken heiß sind. 11.12.2006: Man sollte sich immer bereitwilligst von der Intelligenz eines vorüberreisenden Enthusiasten anstecken lassen. 10.12.2006: Jemanden besuchen heißt ihn finden („ach, da bist du!“). 9.12.2006: Die Welt ist eine Art Gehirn. 8.12.2006: Lider, die kleinen Bettdeckchen der Augen. 7.12.2006: Wie der Mensch sich auch drehe und wende, immer entsteht ein Kreis. 6.12.2006: Der feinste Lebkuchen, der in einem Stiefelpaar vor der Haustür stecken mag, ist ein lieber Mensch. 5.12.2006: Sehnsuchtsort Neusehland. 4.12.2006: Täglich gehen, heißt es, sei gesund, aber man muß hinnehmen, daß man eines Tages Fehler begeht. 3.12.2006: Jeden Tag erlebt der zeitig wache Mensch den Advent, das Auftauchen des Tages, das Tagen der Welt aus der Dunkelheit. 2.12.2006: Sich des Herabziehenden zu entschlagen, tut dem Herzschlag gut. 1.12.2006: Niemand ist perfekt, jeder ist präsent. 30.11.2006: Welche Tiere tanzen? Nur der Mensch. Der freie Tanz ist eine symbolische Bewegung, ein Inbild des Menschen. Charakteristisch für den freien Tanz wie für den freien Menschen ist das Ineinander von augenfälliger Klarheit und bleibendem Geheimnis. Daher die Faszination des freien Tanzes, die er auf den Betrachter ausübt. Während der Betrachter sich der Sinnlichkeit der Bewegung öffnet und sich an der Schönheit des Tänzers labt, schaut er zugleich gebannt auf sich selber, das rätselhafte Tier. 29.11.2006: Unlustige lustig machen ist Kunst. 28.11.2006: Jeder umsichtige Satz enthält, auch wenn er mit einem Punkt endet, eine Frage: Ist es wirklich so? 27.11.2006: Trachten, die leider nie aus der Mode kommen – die Tracht Prügel und die Niedertracht. 26.11.2006: Einer mag noch so wasserscheu sein, seine Fehler darf er immer selber ausbaden. 25.11.2006: Leben heißt, jeder blamiert sich so gut er kann. 24.11.2006: So viele fahren Auto, aber wer kann behaupten, ein Erfahrender zu sein? 23.11.2006: Relativität. Kleiner Mangel kann Großes diffamieren, wie ein aus dem Essen gegabeltes Härchen ein noch so geschmackvolles Gericht verdirbt. 22.11.2006: Friedhofsmauergraffito: „Noch jeder November / gebar seinen Novampir.“ 21.11.2006: Handschuhfach. Ein merkwürdiges Fach ist das Handschuhfach. Im Gegensatz zum Schuhfach, das meist Schuhe enthält, finden sich im Handschuhfach meist keine Handschuhe. Es finden sich darin Straßenkarten, Scheibenkratzer, Bonbons, Taschentücher und sonstiger Krimskrams. Das Handschuhfach ist ein Krimskramsfach. Erfunden wurde es, weil der Autofahrer anfänglich als ein Reiter konzipiert wurde – gerade in Stuttgart, das seine Ursprünge als Stutengarten nicht vergessen hat. Der Autofahrer ist ein Reiter auf einem künstlichen Pferd. Und wie ein geläufiger Pferdereiter sollte der Kunstpferdereiter mit Handschuhen die Zügel bzw. das Steuer halten. Zur Ablage dieser Reiterhandschuhe erfanden die Autoingenieure das Handschuhfach. Heute tragen Autohandschuhe meist nur noch Leute, die Oldtimer fahren oder höhere Allüren haben. 20.11.2006: Ist das Winterlicht ein Fraglicht? 19.11.2006: Eine gute Antwort hat nichts abschließendes, oder, wenn sie abschließt, öffnet sie zugleich eine neue Tür. 18.11.2006: Noten lindern, ausbezahlte wie gesungene. 17.11.2006: Der vollkommene Staat wird derjenige sein, der jeden seiner Bürger hochleben läßt. 16.11.2006: Sammelsurium, alternative Bezeichnung für den menschlichen Geist. 15.11.2006: Für jeden geöffnet: das Wolkenkuckucksheim. Und wenn der Himmel blau ist? Dann vermißt man es nicht, dann fühlt man sich auf der Erde zuhause. 14.11.2006: Man muß anstößig denken, um Anstöße zu geben. 13.11.2006: Fast jeder Mensch hat das Genie, sich Illusionen über sich zu machen. 12.11.2006: Existentielles Judo. Beim Judo geht der Judoka zunächst in die Fallschule, in der er das Fallen so einübt, daß er sich dabei nicht verletzt. Vielleicht sollte man den Schülern spätestens ab der Mittelstufe existentielles Judo beibringen. Wie falle ich im Leben, ohne mir bleibende Schäden zuzufügen? Wie falle ich einem Laster, einem Lebensstil, einem geliebten Menschen anheim, ohne auf immer verloren zu sein? Allerdings hätte das zur Voraussetzung, daß man die Beamten, die jetzt die Lehrpläne erstellen oder die Lehrer ausbilden, erst zu existentiellen Judo-Meistern ausbilden müßte. Auch wenn ein solches Unterfangen utopisch anmuten mag, dürfte allein schon die Vorstellung, daß in den Kultusministerien und an den Pädagogischen Hochschulen existentielle Judokas schalten und walten, Gefallen finden, und Gefallen finden können ist auch schon Judokunst. 11.11.2006: Auch wenn kein Geld im Geldbeutel ist, kann man sich als etwas ausgeben. 10.11.2006: Reserviert. Manche Menschen sind reserviert. Es ist erstaunlich, daß man Menschen reservieren kann, als wäre der Mensch ein Stuhl. Ein Wesensmerkmal des Stuhles ist, daß er ganz sein kann und doch nicht vollständig, denn auch wenn er ganz ist, erfährt er seine Bestimmung doch erst, wenn sich ein Mensch auf ihm niederläßt. Aber ein Stuhl kann auch reserviert sein, was seinen Status verändert. Betritt man einen Saal, um sich einen Vortrag anzuhören, sind die meisten Stühle nicht reserviert, das heißt, jeder kann sich einen beliebigen freien Stuhl aussuchen und sich auf ihm niederlassen. Die reservierten Stühle dagegen genießen eine Sonderstellung, weil sich nur ganz bestimmte Personen auf ihnen niederlassen dürfen. Das gilt für jede Art von reserviertem Stuhl, sei es der gewöhnliche Vortragssaalstuhl, der Heilige Stuhl, der elektrische Stuhl. Menschen, die reserviert sind, geben einem zu verstehen, daß nur ganz bestimmte Menschen bei ihnen Platz nehmen dürfen. 9.11.2006: Donau. Der normal sein Leben lebende Mensch ist wie die Donau. Wo die Donau genau entspringt, ist eine Streitfrage, genau wie beim Menschen. Verschiedene Kommunen erklären, auf ihrer Gemarkung befände sich der Donauursprung, die anderen Städte, die das gleiche für sich reklamieren, lägen falsch. Freilich hat die Donau viele Ursprünge, wie der Mensch, diese Folge diverser Einflüsse. Wie die Donau ist der Mensch erst ein unscheinbarer Tropf. Langsam wächst er, erlebt Staus und Durchbrüche, durchläuft Stadien und Länder, wird größer und bekannter. So zieht er hin. Schließlich offenbart er einen Hang zum Trägen und Langsamen. Am Ende zerfasert er sich, als wolle er nicht ins Schwarze Meer. 8.11.2006: Ursprung. Fast jeder Mensch hat irgendwann einmal in seiner Kindheit einen ersten Sprung absolviert, man nennt ihn Ursprung. Der Sprung war vielleicht gewagt, aber man hat ihn überlebt. Auch Erwachsenen stünde wohl ein Sprung nicht schlecht zu Gesicht; kein Sprung vom Boden in die Luft oder vom Wohnzimmertisch aus hinunter, sondern nur auf ganz ungefährliche Weise, im Geiste. Jeder Tag ist doch ein Gymnasium für einen neuen gedanklichen Ursprung. Dabei darf jeder sein eigener Lehrer sein, der den Schüler in sich zu seinem Tagesursprung animiert. 7.11.2006: Sich kugeln. Angesichts dieser unfaßbar schlichten, allerdings nie wirklich ganz begreifbaren Tatsache, daß wir in diesem ziemlich großen, unwirtlichen Universum auf einer Kugel leben, von Kugeln umgeben, müßten eigentlich auf der Erde alle Gewehrkugeln schweigen. Der einzig sinnvolle Intelligenztest ist doch der IKugeltest. Mit ihm stellt man fest, ob ein Mensch angesichts unserer alles in allem ausweglosen Gesamtsituation bereit ist, sich zu entblöden und Gewehrkugel Gewehrkugel sein zu lassen und statt dessen eine Eiskugel zu schlecken oder sich vor Lachen zu kugeln. 6.11.2006: Krieg: die Welt in tatsächlichen Kampfhandlungen erobern wollen, Frieden: sie in einer Kunstsphäre eropern können. 5.11.2006: Die tägliche abendliche Trunkenheit, die menschlich ist, ist die Schlaftrunkenheit. Am Morgen wacht man oft traumtrunken auf. Man wankt ans Fenster, schüttet Licht ins Gesicht, das klart den Kopf auf. 4.11.2006: Das Leben macht es einem gern schwer, es kommt sehr darauf an, es leicht zu nehmen. 3.11.2006: Jägerstand. Das Verhalten von Jägern, die am Rand einer Lichtung auf dem Hochsitz auf ihr Opfer warten, ähnelt jenem von Spinnen. Die Fliege verfängt sich im Spinnennetz, das Reh fängt eine Kugel. Vielleicht erklärt sich von daher die Furcht vieler Frauen vor Spinnen. Sie fürchten sich vor den Attacken aus dem Hinterhalt, davor, Beute zu werden eines spinnenden Mannes. 2.11.2006: Die letzten Minuten. Hannah Arendt sagte, 1964, im Gespräch mit Günter Gaus, sie „würde wahrscheinlich noch drei Minuten vor dem sicheren Tode lachen“. Warum nennt sie drei Minuten? Was geschieht nach dem letzten Lachen in einem Leben, was geschieht in den verbleibenden hundertachtzig Sekunden? Zeit für ein trauriges Gesicht? Der Tod ist ein ernster Meister, sollte man ihn nicht, wenn er über die Schwelle kommt, auf eine Weise begrüßen, die ihm zuwider ist wie dem Teufel das Weihwasser? Lachend sterben, sich zu Tode lachen, der menschlichste, jedenfalls kein trübsinniger Tod. 1.11.2006: Allen Eiligen. Das Gegenteil von Armut ist Anmut. Ein anmutiger Mensch macht Mut, tut vorbeieilenden Menschen gut. 31.10.2006: Nichtsnutz. Wirkliche Bildung ist zu nichts nütze. Universitäten in einem friedlichen Sinn sind Nichtsnutzgehäuse. Wirkliche Schönheit ist zu nichts nütze. Museen sind Nichtsnutzgebäude. Künstler sind Nichtsnutze. Nichtsnutzigkeit prägt die Sphäre der Freiheit. In ihr spielt die Nützlichkeit keine Rolle. Wer frei sein will, sei ein Nichtsnutz. 30.10.2006: Natalia Lisboa sendet von ihrem in der Mittagszeit sonnigen Waldweg am Atlantik wieder ein Billett. „Glück“, schreibt sie, „das ist ein kleiner Vorgang, ein unscheinbares Etwas, zum Beispiel das auf dem Sandpfad verträumte Mädchen. Eine lila Aster steckt in seinem Haar, und vom aufgebrachten Meer heult der Wind heran, löst die Aster und trägt sie ins Innere des Waldes. Das aufgeschreckte Mädchen läuft davon. Das ist alles. Ein kurzes Drama am Rande der Welt.“ 29.10.2006: Schön wahr. Die Wahrheit mag nicht schön sein. Aber Schönheit ohne Wahrheit ist auf keinen Fall schön. 28.10.2006: Mundlandung. Im Leben fast jedes Heranwachsenden kommt irgendwann der Moment, an dem er zum Flug auf den Mund eines geliebten Menschen abhebt. Das ist ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein gigantischer Sprung für den Heranwachsenden. 27.10.2006: Ernten. Wenn man in einem Schuljahr oder einem Semester etwas lernen würde, müßte man an seinem Ende ein Lerntedankfest feiern. 26.10.2006: Air-conditioning. Der älteste Air-conditioner ist der Schrei, mit dem sich Menschen und Tiere Luft machen. 25.10.2006: Geladene und Ungeladene. Menschen sind ladende Wesen. Ständig laden sie ein und laden sie aus. Das Laden bezieht sich auf ihre ebenfalls ladenden Mitmenschen, denen sie begegnen, in der Fußgängerzone, auf der Straße. Mit minimalen Gesten zeigen sie ihre Bereitschaft an – bitte, komm näher! – oder ihre Verschlossenheit – treten Sie mir nicht zu nahe! Ein anderes Problem sind die Geladenen und die Ungeladenen. Geladene sind oft garstig und unfreundlich, sie müssen ihre Ladung loswerden, indem sie die Ladung wie seelischen Mist gegen Gegenstände und Mitbürger feuern. Ungeladene wiederum sind gern sauer und mißgestimmt, weil sie damit hadern, nicht zu den Geladenen zu gehören. 24.10.2006: Bahnkino. Die herkömmliche Landeisenbahn ist ein rollendes kinematographisches Institut. 23.10.2006: Universalsprache. Singsang verstehen auch Asiaten. 22.10.2006: Ethische Kost. Daß wir geboren werden und daß wir sterben müssen, dafür können wir nichts; für alles andere aber können wir ein bißchen etwas. Auf dieses Bißchen kommts an. 21.10.2006: Sich wehren heißt ein Weh abwenden. 20.10.2006: Gehen und kommen. Sich erinnern heißt nach innen gehen. Wer in sich geht, ist auf dem Weg. Wer bewegt ist, kommt voran. 19.10.2006: Die Welt ist ein Amorphismus, verschleiert von einem Aphorismus. 18.10.2006: Das Meer erinnert daran, daß es mehr gibt als die ewigen Sorgen des Alltags. Das Meer erinnert an die sterblichen Freuden, die in ihrer Vergänglichkeit so schön und verwischbar sind wie die Abdrücke im Sand. 17.10.2006: Musik, die Seele der Menschen. 16.10.2006: Hunde, Menschen und Schweine. Menschen sind gegenüber dem Tod grundsätzlich Underdogs, es wäre unfair, ihnen die Sympathie, die sie von daher genießen, nur deshalb zu entziehen, weil sie sich im Leben oft wie Schweine aufführen – unfair wäre es auch gegenüber den Schweinen. Denn kein Schwein führt sich so unmöglich und unfreundlich auf, wie es den Menschen immer wieder auf spielende Weise gelingt. Es ist zu vermuten, daß die heute als Beleidigung firmierende Bemerkung „Du Schwein!“ in einer nicht allzu fernen Zukunft sogar als schmeichelhaftes Lob durchgehen wird. 15.10.2006: Dichter flechten melodische Kränze der Welt. 14.10.2006: Schwere Stunde. Beim Versuch, sich zu übernehmen, kommt es gern vor, daß man sich übernimmt. Man sollte in diesem Fall dennoch nicht an Aufgabe denken, sondern es als Aufgabe begreifen, es erneut zu versuchen. Die Ursache jedes Versuchs ist die aufbauende Macht, die von der Versuchung ausgeht. 13.10.2006: Frohlocken. Lachen, auch wenn man wirklich nichts zu lachen hat: darin besteht die Lebensaufgabe. Mancher wirkt wie ein Kleinod der Tristesse, sein Seelenholz scheint tot. Die Kunst wäre, ihn zurückzuversetzen in den Zustand, in dem das Holz wieder austreibt. Lachen, die Versuchung der Tristesse austreiben. 12.10.2006: Auch Mücken schmücken das Antlitz der Welt. 11.10.2006: Weltkulturerbe. Die Schlösser, die keinen Unterhalt kosten und vielleicht die schönsten und charmantesten überhaupt sind, sind die Luftschlösser. 10.10.2006: Der glitzernde Leitfaden zur Erkenntnis des Schönen ist im Herbst der Spinnfaden. 9.10.2006: Haute Couture. Der Mensch ist das Tier, das sein Federkleid selbst entwirft. 8.10.2006: Etwas überwinden, etwas in den Wind schreiben und in alle Winde verwehen lassen. 7.10.2006: Zirkus. Nach Wochen des Schweigens meldet sich Fräulein Lisboa von einem Trambahnausflug nach Belém wieder zu Wort: „Um wieviel hübscher wäre die Welt, wenn die Menschen endlich begreifen würden, daß wir in einem Zirkus zu Hause sind und nicht alles zu ernst nehmen sollten. Gott ist ja eine Zirkusdirektorin. Allerdings hat man sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Die Clowns sagen, sie liege seit einem Unfall in ihrem Wohnwagen im Wachkoma…“ 6.10.2006: Redewendungen. Die Reden geben den Dingen zu selten eine Wendung. Wir reden, und kaum etwas passiert, kaum etwas wendet sich, schon gar nicht zum Guten. Das Gute wäre das, was allen nach eigener Aussage guttut („ja, das tut mir gut“). Wie also sollte man reden, damit die Dinge sich zum Guten wenden? Eine Rede braucht vielleicht ein beflügelndes Wort, ohne das es Menschen unmöglich ist, dem Schlechten davonzufliegen. 5.10.2006: Luft und Liebe. Die Luft ist weniger geschwängert als selber schwängernd. Sie einatmen, sofern sie blitzblank ist, heißt sich beleben lassen, schwanger gehen und schöne Gedanken gebären. 4.10.2006: Jeder Tag ist wie ein Sturz ins offene Meer. 3.10.2006: Regen, mit durchsichtigen Farbtropfen die Erde grün und bunt malen. 2.10.2006: Menschen sind von Natur aus nicht ganz bei Trost. Tränen, als die an die Augenoberfläche quellenden Vertreter des inneren Trostwasserkraftwerks, erquicken und ermuntern den Betrübten. Derart getröstet, mag er getrost scheinbar Untröstliche trösten. 1.10.2006: Menschen sind wie Häuser. In der Regel bekommt man sie von außen zu Gesicht. Man kann durch ein Fenster ins Innere blicken und manches ausmachen. Um das Innere kennenzulernen, muß man es aufschließen und öffnen. Dazu bedarf es eines Schlüssels. Manchmal wird die Tür von innen geöffnet, man wird hereingebeten, ob es einem paßt oder nicht. Aber selbst, wenn man innen ist, erfährt und sieht man nicht das Ganze. Wenn an einem Haus die Rolläden heruntergehen, erlischt es in dunkler Nacht. 30.9.2006: Eins der Wörter unserer Tage, die zu hassen einem nicht zur Schande gereicht, eher zur Zier, sofern Haß und Zier sich gedanklich verbinden lassen, ist das Wort Gewinnspiel. 29.9.2006: Lehrstellen. Lernen heißt, sich das, was einem begegnet, egal, was es ist, eine Lehre sein lassen. 28.9.2006: Der Sinn von Kopftüchern ist schleierhaft. 27.9.2006: Traditionen. Zu den Traditionen, die einen gewissen Witz ausstrahlen, sowohl für ihre Beobachter als auch für ihre Träger, zählt das Auflesen der ersten gefallenen Kastanien. 26.9.2006: Ein feuriges schwarzes Waldbäuerchen ritzt in seine Hütte die Devise: Der Mensch ist der Wirt des Weins. Der Wirt ist nur da ganz Mensch, wo er weint. 25.9.2006: Kosmischer Partyschreck. Im Kosmos, diesem halbwegs geordneten, prächtigen Lichtersaal, scheint der Mensch der einzige Gast zu sein, der in seiner Sehnsucht nach Ordnung für Unordnung sorgt und Chaos schafft. Es ist, als lautete seine ihm auf die Stirn geschriebene Losung: Wo Kosmos war, soll Chaos werden. Oder als neigte er zu dieser Definition seiner selbst: Der Mensch ist ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute, die Ordnung, will, und stets das Böse, die Unordnung, schafft. 24.9.2006: Sich die Hand geben ist eine schöne Handlung. 23.9.2006: Das Leben zu bestehen, bedarf es Wehmut. 22.9.2006: Es ist gut für die Gesellschaft, wenn die Menschen einander das Wasser reichen. 21.9.2006: Der blaue Himmel ist das lautlose Meer, das an seinen Ufern, in den Bäumen und Gräsern, raschelt und rieselt. 20.9.2006: Natalia Lisboa sendet von ihrem Felsen an der Atlantikküste wieder ein Billett: „Was not tut, ist ein elektronikfreier Tag pro Woche. Keine Emails, kein Fernsehen, kein Mobiltelephon. Nur atmen, gehen, schauen, reden, lieben, schweigen, hören.“ 19.9.2006: Spirituelles. Ein „Buchgefäß“ (Marileen) enthält den Branntwein der Literatur. 18.9.2006: Fremdheit. Der befremdlichste Fremde ist noch immer jeder sich selbst. 17.9.2006: Loben, lieben, leben sind dreieinig leckerste Reben. 16.9.2006: Das denkwürdigste Merkmal des Lebens ist seine Denkwürdigkeit. 15.9.2006: Leichthörigkeit. Die Liebenden lesen die Wünsche des Geliebten von dessen Lippen ab, ohne daß dieser etwas gesagt hätte. 14.9.2006: Menschenbild. Gerade auch Unbilden bilden den Menschen, dieses bildschöne Wesen. 13.9.2006: Weltaufgang. Ob mit, ob ohne Gott, die Welt geht auf, wenn gleich nicht wie eine Rechnung, doch so klar wie die Sonne, in den Sinnen, jeden Morgen. 12.9.2006: Wer im Binnenland verankert, auf die hohe See sich wünscht, mag provisorisch wandernd und ankerlichtend sich zum Sehmann machen. 11.9.2006: Unter den Linden bei linden Winden den linden Menschen finden, ihn mit einem Lächeln binden an der Linden Rinden und gemeinsam ein ungebunden bindendes Wort entbinden. 10.9.2006: Gehsundheit ist des landläufigen Menschen Glück. 9.9.2006: Vollkommen verkommt der vollkommen im Kimono voll kommende Vollkommene. 8.9.2006: Man hat nur mehr oder minder Einfluß, man bewegt sich, schwimmt und treibt in mehreren Flüssen in fließender Geschwindigkeit gen Meer. 7.9.2006: Nie aus der Mode kommt die Kommode, dieses menschliche Gedächtnis. 6.9.2006: Lebe, liebe, mehr brauchts nicht. 5.9.2006: Mit Anmut, Neugier und Stil. Sich immer wieder gehen lassen, in die Welt. Geh in die Welt und sammle Küsse und küsse selber. Küsse zwitschern so lieblich als wären sie kleine menschliche Singvögel. 4.9.2006: Der gefaßte Mensch. Weil wir in einer Fassung sind, können wir sie verlieren. 3.9.2006: Bitte, Musik! Gewisse natürliche Bewegungen beim Tanzen dienen dazu, Sorgen abzuschütteln. 2.9.2006: Natalia Lisboa spaziert wieder am Atlantik und sendet dieses Spätzlein von einem Sätzlein: „Der Sinn der Liebe ist trösten und getröstet werden.“ 1.9.2006: Wer andere für sich schuften läßt, ist ein Schuft. 31.8.2006: Jeder Mensch ist eine Wurfsendung der Natur ins Leben. Unsichtbar steht auf seiner Haut geschrieben: Vorsicht, zerbrechlich! 30.8.2006: Eins der aufhellenden Gefühle, die man anderen – Menschen und manchen Tieren – vermitteln kann, ist das Gefühl, erwünscht zu sein. Wer dieses Gefühl verspürt, wird frei für praktische Liebe. 29.8.2006: Schöner wohnen. Man braucht, mehr noch als Wohnräume, mehr Spielräume. Nur wer Spielraum hat, atmet frei. 28.8.2006: Der Tor ist wie ein Tor, das offensteht, eine Frage, die Neugier weckt. Die einlädt, durchs Tor ins Innere zu gehen und eine menschliche Erfahrung zu machen. Manchmal bleibt man vor dem offenstehenden Tor stehen und wartet, man wird zum Torwart, ist gespannt, was im Tor erscheint. 27.8.2006: In andere Umstände kommen. Jeden Tag aufs neue prägnant werden. Und staunen darüber, was geboren wird: eine Geste, ein Wort, ein Blick, ein Gang, ein Rezept, ein Tanzschritt, ein Spiel, eine Umarmung, eine Traube, gepflückt am Weinstock, ein Kuß... 26.8.2006: Sich näher kommen. Das Gegenteil von Distanz ist der Tanz. 25.8.2006: Eine Schülerin sagt: „Ich blicks.“ – Aber was? Das Leben. Sie hat das Leben im Blick und versteht es. 24.8.2006: Natalia Lisboa schreibt wieder aus ihrem Büro im Bairro Alto: „Der Verlust des Lebens, während man noch lebt, ist die Unfähigkeit, Lust zu empfinden.“ 23.8.2006: „Fahr lässig!“ könnte man einem Autofahrer sagen, der gleich losfährt. Ist es auch richtig, lässig zu fahren, so wäre es trotzdem fahrlässig, im Leben nur fahrlässig zu sein. Es empfiehlt sich, auch fahrzornig zu sein. Nur mit einem gerüttelt Maß an Fahrzornigkeit läßt sich die Welt zum Besseren wenden. Fahrzornig muß man die allgemeine und die eigene Dummheit loswerden. 22.8.2006: Guter Dinge sein, trotz allen Übels, ist gutes Tagewerk. 21.8.2006: Das Reichen einer Blume, das Reichen eines Apfels, das Reichen einer Hand: Reichtum, von dem Stärkung ausgeht. 20.8.2006: Statt: Der Mensch lebt, könnte man auch sagen: Der Mensch weht. Er weht wie ein Blatt im Wind, er hat ein Weh, er windet sich vor Schmerz, er ist der Wind, der vorübergeht. 19.8.2006: Natalia Lisboa schreibt: „Die übermütigen Kinder sind so schön wie die brandenden Wellen am Atlantik, die die Kinder immer wieder unter sich begraben und aufs Meer hinausziehen. Die Kinder spielen mit dem Abgrund, aus dem sie kommen, in den sie zurückkehren. Die Erwachsenen verlieren das Übermütige und schließen Versicherungen ab.“ 18.8.2006: Mit jedem Tag, den wir älter werden, sollten wir uns um diesen einen Tag verjüngen, unseren Geist neu beleben. Wenn schon älter werden, dann so, daß der Geist dabei jung und weise wird. 17.8.2006: Wir tun oft so als wären wir im Bilde. Dabei stehen wir meist nur davor und sehen vor lauter Flecken das Bild nicht. 16.8.2006: Jeder ist ein Augenzeuge, Zeuge des schwer begreifbaren Geschehens der Welt. Aber mit den Augen kann man auch zeugen, wenn auch keine Körper. Liebe zeugen wir zuerst mit den Augen. 15.8.2006: Wer seine Sehnsucht nach dem wahren, schönen, guten Leben preisgibt, wird käuflich. 14.8.2006: Es ist im Leben im Grund immer höchste Zeit für die hohe Zeit der Hochzeit. Was heißt Hochzeit anderes als das Leben lieben, die Liebe leben, den Leib lieben, die Liebe sich einverleiben. Die Hochzeit ist ein Zeithoch, die Tiefzeit hat ausgespielt. 13.8.2006: Der Tod ist unbezahlter, unersuchter, unbefristeter Urlaub vom Leben. 12.8.2006: Freundliche Worte bauen eine Brücke über den zwischenmenschlichen Abgrund. 11.8.2006: Die Reife, die Menschen gern für sich in Anspruch nehmen, ist die Urlaubsreife. 10.8.2006: Tag für Tag. Zwar werden wir jeden Tag in einen neuen Tag gehoben, doch leben wir nicht immer diesen Tag, lassen ihn allzu oft allzu gern verstreichen, und vertagen, was uns wichtig ist, ohne daß wir wähnen dürften, an einem andern Tag auch noch tagen und das Licht des Tags sehen zu können. Womöglich ist es dann schon Nacht, und mit dem Tagen ist es vorbei. Man sollte jeden Tag danach trachten zu tagen, selber hell werden, jeden Tag sich mit saumseligem Schwung dem Licht des Unwiederbringlichen ausliefern. 9.8.2006: Liebemacher, Herzschrittmacher. 8.8.2006: Die sich zieren, sind eine Zier der Menschheit. Die sich nicht zieren, verunzieren die Welt. 7.8.2006: Natalia Lisboa meldet sich aus den Sintrawäldern: „Wer angesichts von Kriegen, Leiden, Zerstörung öffentlich ach seufzt und sich darin erschöpft, scheint verachtenswert; ehrenwert dagegen sind diejenigen, die Erich Kästners Gedicht Moral beherzigen: Es gibt nichts Gutes / außer: Man tut es.“ 6.8.2006: Umfangen von Wind und Sturm und auf dem Pfad, der vom Fluß aus hügelan über die Wiesen führt, kommt ein Mensch einem entgegen, und als man nah beieinander ist, lächelt er plötzlich, dies läßt die Landschaft wie von Sonnenlicht leuchten. 5.8.2006: Etwas aufs Spiel setzen, in Bewegung geraten, Erfahrung gewinnen. 4.8.2006: Ein Gespräch mag sich verlieren ins allgemeine und ins nebensächliche, es wird dadurch weit und gibt den Gesprächspartnern Raum, sich zu dehnen, zu strecken und ein rührender Anblick zu sein. 3.8.2006: Schönste Nachtlektüre ist, was in den Sternen geschrieben steht. 2.8.2006: Erst wenn wir zu Wort kommen, kommen wir ganz zur Welt. 1.8.2006: Wenn zwei sich streiten und Frieden das Ziel ist, kommt es weniger darauf an, sich auszusprechen, als darauf, ansprechend zu sein. Wer ansprechend ist, spricht den anderen an, kommt mit ihm ins Gespräch, verführt den Streitpartner dazu, selbst ansprechend zu sein. 31.7.2006: Auf den Einspruch, sie nehme es schon sehr genau, eingelegt bei einem Gespräch im Café A Brasileira, sagt Natalia Lisboa: „Ich nehme es nicht sehr genau, ich nehme es genau.“ 30.7.2006: Literatur macht Mut, Mut zur Schönheit, sie weckt Anmut. 29.7.2006: Man muß zerstreut sein, um sich sammeln zu können. 28.7.2006: Philosophieren ist Fremdweh, der Trieb überall in der Fremde zu sein. 27.7.2006: Natalia L. sendet vom Gestade des Atlantiks einen Gruß. „Wir Menschen sind Schwimmer, gehoben und getragen von schäumenden Wellen, und während wir für einen Augenblick uns im Anblick des Horizonts verlieren, werfen uns die Wellen wieder ab, und wir sind froh, den Sand unter uns zu fühlen.“ 26.7.2006: Menschliches Weben am Teppich des Lebens ist ein Schweben, wir haben doch keinen festen Boden unter den Sohlen, nur den Teppich, den wir weben, während wir leben, auf dem wir in gleicher Zeit schon schweben. 25.7.2006: Senhora Lisboa schreibt aus ihrem gekühlten Büro im Bairro Alto: „Wir sind ins Leben verstrickt. Aber stricken wir selbst oder werden wir gestrickt? Gibt es ein Muster? Was genau wird gestrickt – eine Komödie? eine Tragödie?“ 24.7.2006: Nicht mit dem Wagen, der rollt, sollte man sich durchs Leben bewegen, sondern mit dem Wagen, das einhergeht mit Risikomut. Nur wenn man etwas wagt, gewinnt man das erfrischende Gefühl, selbst gelebt zu haben – und das sogar in der Niederlage. 23.7.2006: Zuviele Dinge, die uns nichts angehen und nichts sagen, nehmen uns in Beschlag und wollen erledigt sein. Die Kunst bestünde darin, daß wir uns erledigen, uns freimachen für die Dinge und Menschen, die uns wirklich angehen und berühren. 22.7.2006: Träume, Räume der Utopie. 21.7.2006: Der gute Freitag, der Tag der Liebesgöttin Freia. Im Grunde sollte jeder Tag ein Freitag sein. 20.7.2006: Warum fasziniert Feuer? Natalia Lisboa schreibt, sie sitzt auf einem Fels am Atlantik, die Wellen branden und schließen sie ein: „Die Ewigkeit entzündet sich, wo sie auf die Endlichkeit trifft. Im Feuer werden Ewigkeit und Endlichkeit eins. In der Flamme sieht und spürt man den unfaßbaren Widerspruch – die endliche Ewigkeit.“ 19.7.2006: Der Unergründlichkeit eines Gedankens entspricht die oberflächliche Schönheit seiner Wellen. 18.7.2006: Die Erkenntnis, daß nur die Vergänglichkeit unvergänglich ist, tröstet sogar die Untröstlichen. 17.7.2006: Sorgenfalten verunzieren, Sorgfalt schmückt. 16.7.2006: Um einen Anhalt dafür zu finden, was es mit dem Leben auf sich hat, muß man anhalten. Mit dem Automobil am Straßenrand, wenn man zu Fuß unterwegs ist, indem man vom Weg abkommt und sich an einem Baum niederläßt. Derart angehalten, hat man den ersten Anhaltspunkt. Der Gedanke, was es mit dem Leben auf sich hat, gesellt sich dazu, wie ein Wanderer, der plötzlich auftaucht und sich mit einem unterhält. Später, wenn man wieder unterwegs ist, hängt man dem Wanderer lange nach. 15.7.2006: Umgestalter Juli – an heißen Sommertagen scheint es, als schmölze das Wachs des Charakters: wir werden neu erwachsen, erwachen zu ungewohnter geistiger Form. 14.7.2006: Die Vernunft ist der Turm im Sturm des Lebens, der Verstand der Flieger ins Land der Phantasie. 13.7.2006: Laufbahnen. Wir Menschen verlaufen uns schneller, als wir denken. 12.7.2006: Im Gegensatz zu reifen Erdbeeren, Himbeeren oder Stachelbeeren, sind reife Menschen anders, und das nicht nur, weil man sie nicht pflücken kann. Der Mensch kann immer nur reifen, aber nie reif sein. Paradoxerweise gilt der Satz: Ich bin dann reif, wenn ich weiß, noch nicht reif zu sein. 11.7.2006: Schicksal: Die Menschen werden wie Blätter vom Winde verweht. 10.7.2006: Das Leben gleicht einer Wanderung mit bekanntem Ziel und unbekannten Wegen. Es kommt darauf an, bewegende Umwege zu gehen. 9.7.2006: Das Meer in uns, das auch im Schweigen beredte und sehnsüchtige, sendet immerfort seine Wellen an die Küsten des Alltags. 8.7.2006: Findet man sich auch als Lebenden vor, muß man sich doch erst ins Leben finden. 7.7.2006: Ein Gedanke ist kein Hut, den man kaufen und sich aufsetzen kann. Denken steht einem nicht. Denken wiegelt auf und dreht einen vom Kopf auf die Füße, damit man gehen kann. Denken heißt sich davonmachen. Wer sich davonmacht, gibt zu denken. 6.7.2006: Sich um das Teuerste, das Leben, gut zu kümmern, sollte jedem billig sein. 5.7.2006: Das Schlafen ist der Hafen, in dem man nachts vor Anker liegt und die Ladung löscht vor der nächsten Ausfahrt in den neuen Tag. 4.7.2006: Als die unsterbliche Frau, die hohe See, den sterblichen Mann, das feste Land, erstmals küßte, gaben sie zugleich der Bettstatt ihrer Verbindung, diese auszuzeichnen, den Namen Küste. Im Lauf ihrer mal stillen, mal stürmischen Beziehung entsprangen und entspringen noch immer ihre sterblich-unsterblichen Kinder, die Künste, die vom Endlichen aus den Anblick des Unendlichen eröffnen. 3.7.2006: Der Frieden entspringt geteilten Freuden. 2.7.2006: Sich selbst nicht genügen, ist die Tugend der Jugend, ihr erfrischendes Vergnügen. 1.7.2006: Die Straßen, die in keinem Autoatlas zu finden sind und die den Erdball doch umrunden, sind die Wolkenstraßen. 30.6.2006: Natalia Lisboa notiert in einem mit Meeressand und einem Baumblatt ausgerüsteten Brief: „Sind die herzstärkenden Momente des Lebens nicht jene, da wir gleichzeitig lachen und weinen? Offenbart sich unser menschlichstes Verhältnis zum Leben nicht gerade im lachenden Weinen und weinenden Lachen?“ 29.6.2006: Sommerwinde sind wohltuendes Luftwasser. 28.6.2006: Der auch in der Fremde ein heimatliches Dach bietet, ist der Himmel. 27.6.2006: Der Korrespondent des Schläfers ist der Wächter, der Wächter ist ja wach, er ist der Wachhabende. Und was sind wir im Alltag? Schläfer oder Wächter? Verschlafen wir das Leben oder sind wir seine Wächter und bewachen es? Das Leben bewachen – muß man das? Dürfen wir nicht das Leben verschlafen? Oder geht beides: es eine Weile verschlafen, um dann für es wach zu werden? Das Rätsel des Lebens ist dunkel, wir sind im dunkeln. Egal ob Wache schiebend oder schlafend, erst wenn das Dunkel sich lichtet, wenn die Nacht vorübergeht und der Tag beginnt, werden wir das Rätsel des bewachten und verschlafenen Lebens begreifen. 26.6.2006: Die Naht des Paares ist die Liebe. Die Liebe näht, sie naht. 25.6.2006: Der Juni ist die Juno unter den Monaten. 24.6.2006: Er fegt den Kopf beim Lesen: ein guter Satz ist wie ein Besen. 23.6.2006: Senhora Lisboa schreibt wieder aus Sintra: „Im Traum im Oval Office gewesen, und auf die Frage: Was ist der Mensch? geantwortet: Der Mensch ist ein Errorist.“ 22.6.2006: Das Gesicht ein Gedicht, unerschöpfliche Urschrift. 21.6.2006: „Die Sonne tönt nach alter Weise…“: Die Sonnwende eine Songwende. Nach dem Tonleiteraufstieg begibt sich die Sonne langsam wieder in die Mittellage. Die Zeit auf dem Gipfel ist kurz. Auch die Königin der Nacht, die Schattenfrau des Sonnentags, vermag nur augenblickelang in den höchsten Höhen zu singen. 20.06.2006: Nur solange wir lieben, leben wir. 19.6.2006: Nicht der Staat stellt einem den Paß aus, sondern das Leben, den Laufpaß. Auf ihm steht geschrieben: Hier, Mensch, hast du deinen Laufpaß, du bist rechtmäßig in dein Leben entlassen, lauf selbst, sieh zu, wie du läufst, daß es läuft! 18.6.2006: Sonnenbusen: an ihm liegen sommers etliche Menschen, und gerade, oder vorwiegend, in seinem Schatten, einem von linden Winden umsäuselten, erfrischenden. 17.6.2006: Alle Menschen haben Talente, aber nicht jeder hat das Geschick, sie zu entfalten. 16.6.2006: Wer einen Vers dichtet, stiftet Zuversicht. 15.6.2006: Man ist ausgebildet und doch nur eingebildet. Entbildung tut not. Entbildung als eine Art Entbindung. Man ist immer schon festgebunden an die leerlaufende Bildtonsäule des öffentlichen Lebens – und sieht nicht die Welt, hört nicht ihre Klänge. Entbindung: sich von dieser Bildtonsäule losbinden und lossagen, um sich selbständig, mit eigenen Sinnen, von der Welt selbst bilden zu lassen, vom Buch der Bücher, der Natur, von den Büchern der Dichter. Sich dieser Art Bildung aussetzend, entsteht ein Bild von einem Menschen. 14.6.2006: Auch eine Begabung: Hingabe ist die Gabe der Liebe. Jeder Mensch hat sie und hat oft nicht den Mut, sie freimütig zu geben. 13.6.2006: Zivilcouragelicher Grundsatz: Die Menschen tendieren noch zu oft dazu, sich auszumischen, es kommt darauf an, sich einzumischen. 12.6.2006: Der Schein der Sinne. Erst sich sinnen verleiht dem Leben farbigen Glanz. 11.6.2006: Es kommt nicht darauf an, sich zu sonnen, als darauf, versonnen zu sein. 10.6.2006: Kosmische Kugel: Der Mond, der stumme Ball, wirkt wie einer, den man nur vom Sehen kennt, dessen regelmäßiges Auftauchen am Horizont aber einem liebgeworden ist wie ein Freund. 9.6.2006: Ballade. Die Welt ist alles, was der Ball ist. Der Ball ist rund. Eine runde Sache hat Leben. Das Leben ist eine Welt. Die Welt ist rund. Die Welt ist alles, was der Ball ist. 8.6.2006: Natalia Lisboa weilt wieder in Sintra und schreibt: „Wir haben Augen, um uns anzusehen, einen Mund, um miteinander zu reden, Ohren, um einander zuzuhören; wir haben Beine, um uns zu besuchen, und Arme, um uns zu umarmen.“ 7.6.2006: Die Flößerin am Himmel: Nach langer Regen- und Kältezeit erscheint die Sonne wie eine Flößerin, sie flößt den Menschen neuen Mut ins Herz. 06.06.06: Der heikelste, menschlichste Versprecher: das Versprechen der Liebe. Man verspricht Liebe und verspricht sich nur. 5.6.2006: Lebensziel Euphorie: Sich tragend gut getragen werden. 4.6.2006: Der Mensch hat seinen Geist wie Landsiedler ihre Brunnen. Um Schöpfer zu sein, muß er nur des eigenen Quells innewerden. 3.6.2006: Menschen sind Eintagsflieger. 2.6.2006: Sich entschüchtern: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner Schüchternheit. 1.6.2006: Das Leben ist eine Hochzeit. Es ist immer höchste Zeit, zum Leben Ja zu sagen und es ganz zu leben. 31.5.2006: Musik ist Sauerstoff des Geistes. 30.5.2006: Sich entsetzen und befreien: Jeder Mensch sollte sich regelmäßig entsetzen. Sein Gesetztsein vor dem Abgott des Eigendünkels bedenken, sich erheben, den Tempel der Trägheit verlassen, hinausgehen in die elementare Landschaft. In der Landschaft sein, ein Vogel sein, vogelfrei, das eigene Vogelherz pulsieren fühlen, zart, leise, unbestimmt. 29.5.2006: Gegenwart sein ist eine Aufgabe: Das, was einem begegnet, aufmerksam erwarten, so daß es einem nahegeht und aus der Begegnung neues Leben entsteht. 28.5.2006: Anregen und sich anregen lassen, daraus besteht das Leben. Man könnte auch sagen: Anregnen und sich anregnen lassen, darauf kommts an. 27.5.2006: Die Schwangerschaft ist die Morgendämmerung, die Geburt der Sonnenaufgang des Lebens. 26.5.2006: Weil jeder Mensch ein Stern ist (siehe Eintrag vom 24.5.2006), wandert sein Licht auch nach seinem Tod weiter durch den Weltraum. 25.5.2006: Sehnsucht ist nicht laut, sie braucht nicht gestillt zu werden. Sehnsucht ist ganz Sehnsucht, wenn die Sehnsucht als Sehnsucht auffällt. Sehnsucht ist die Sehnsucht nach der Sehnsucht. Der Sehnsüchtige denkt über sich hinaus und will nirgends hin. 24.5.2006: Jeder Mensch ist ein Stern im unendlichen sozialen Weltraum. 23.5.2006: Das schöne Schlagen: Die Augen aufschlagen ist ein Akt der Liebe. Die Augen aufschlagen und einen Schlag gegen die Gewalt führen. 22.5.2006: Worte, kleine Orte der Sinnstiftung. 21.5.2006: Es ist im Leben eines Menschen nie zu spät, den Fang zu tun, der einen erfrischt und einem Beine macht. Man nennt ihn Anfang. 20.5.2006: Sich etwas aus etwas machen: Oft machen sich Menschen aus etwas nichts, zum Beispiel aus einer Speise („ich mache mir nichts aus Kuchen“). Fürs Leben wichtig ist, daß der Mensch sich aus etwas ganz bestimmtem etwas, wenn nicht alles macht, aus seinem eigenen Leben. 19.5.2006: Der Morgen: Die Sterne gehen unter, die Stirnen erwachen. Der Abend: Die Stirnen sinken nieder, die Sterne gehen auf. 18.5.2006: Der Regenbogen kann einem wie das große Tor in ein Wunderland erscheinen. Nur gelingt es einem nie, unter dem Torbogen hindurchzulaufen. Vielleicht geht es ja nicht darum, durch das Tor zu laufen, sondern darum, zu merken, daß man das Tor bereits durchquert hat und sich längst im Wunderland befindet. Auf der Welt sein heißt, im Wunderland sein. 17.5.2006: Das Leben ist ein Regenbogen, bunt, wirklich vorhanden und doch ungreifbar. 16.5.2006: Die tägliche Choraufführung ohne Chorleiter und Botenlohn: das Konzert der Vögel. (Ein paar Brosamen fliegen aus manchen Fenstern hinaus auf die Bühne.) 15.5.2006: Flieder sind die optischen und duftenden Lieder der Liebe. 14.5.2006: Senhora Lisboa: „Bei der Arbeit gerate ich ins Träumen, und ich frage mich: Ist das Leben ein Labor? In Sintra frage ich mich das keineswegs. Hier erscheint das Leben als ein Garten, ein Garten der flatternden Vögel und der unabsehbaren Räumlichkeit, die hinunterreicht bis zum Ufer des Atlantiks, ein wohltuender Garten, der am Gestade versandet und unter dem Meer weiter gedeiht.“ 13.5.2006: Senhora Natalia Lisboa in einem Brief (gemäß Poststempel in Sintra eingeworfen): „…die Unglücklichen sind die Wanderer. Die Wanderer wundern sich. Die sich wundern, haben Wunden. Wunden sind Zeichen des Lebens. Leben, an dem Wunder des Lebens leiden. Am Wunder leiden, das Unbegreifliche küssen. Küssen, vermissen. Der Mensch ist ein Vermisser. Wer vermißt, geht ins Leere. Im Leeren träumt er die Fülle. Die Fülle ist der Aufgang der Sonne. Die Sonne ist die Unansehnliche. Die Unansehnliche ist die Sehnsucht. Die Sehnsucht ist das Gedicht des Webens. Das Weben beginnt im Kindesalter. Das Kind ist ein sich verlierendes Wesen. Sich verlierende Wesen sind Weltenöffner. Weltenöffner sind Finder. Finder finden Feinde. Feinde sind Freunde. Freunde sind Schenker. Schenker umarmen dich. Die dich umarmen, machen dich reich. Wir sind ein Reich. Unser Reich ist unsichtbar und überall. Überall sind wir jetzt.“ 12.5.2006: Schöne Diebe, Tagediebe. Sie lassen es sich gut gehen, indem sie den Tag, der unvergleichlich ist, ehren, sich ganz auf ihn konzentrieren und nichts tun. 11.5.2006: Das Zimmer der Leere ist das Zimmer, in dem nichts ist. Kein Möbelstück, keine Steckdose, keine Lampe. Jedes Haus sollte vielleicht ein Zimmer der Leere haben. Das Zimmer hat ein Fenster, tagsüber ist es hell, nachts finster, wiederkehrend grüßt der Mond am Himmel, im Winter werfen Schneeflocken Lichtschleier ins Zimmer. Das Zimmer der Leere ist wie Atmen, lebensnotwendig. 10.5.2006: Sich heuten: Der Mensch muß sein wie eine Schlange und sein faltiges Heute abwerfen und ein neues Heute bilden. 9.5.2006: Es ist nicht gewiß, ob das Leben einen Grund hat, immerhin ist klar, daß es einen Abgrund hat. 8.5.2006: Maifliederwindsonnentage. „Alles in der Welt läßt sich ertragen, / Nur nicht eine Reihe von schönen Tagen“, meint Goethe. Tatsächlich wäre das Leben nicht zu ertragen ohne das wiederkehrende Erlebnis einer Reihe von schönen Tagen. 7.5.2006: Wie Wasser rinnen, ist Kunst, und die sich im Augenblick, der gut ist, trennen, entrinnen in ein neues Land. 6.5.2006: Senhora Natalia Lisboa in einem Brief: „Es ist doch unmöglich, nur glücklich oder nur traurig zu sein. Die höchste Laune, die tiefste Anwandlung, die ein Mensch erleben kann, ist die Trauerwonne, die Glückstraurigkeit. Alles andere scheint fast nur Schmu, fast nur Grille und Kaprice zu sein.“ 5.5.2006: Angler des Meeres. Der Mensch ein Menschenfischer, er fischt nicht nach anderen Menschen, er fischt nach sich selbst. Fischen, sich wünschen, daß der anbeißende Fisch, der den Meeresspiegel durchbricht, das Wesen ist, mit dem sich in der Kajüte ein Gespräch führen läßt. 4.5.2006: Lob des Anfängertums. Lebenslänglich ein Anfänger sein heißt, mit der Zeit immer etwas anfangen können. 3.5.2006: Metaphysik des Federbetts. Das Federbett ist auch ein Sinnbild der Heimat. Die Seele erinnert sich daran, daß sie ein gefiedertes Wesen ist. Sie träumt sich davon. 2.5.2006: Die nicht an einem vorübergehen, sind die Kelche des Lebens mit ihren weinseligen Wassern der Liebe, der Lust, der Sehnsucht, der Erinnerung und des Abschieds. 1.5.2006: Der 1. Mai ist unter Liebhabern der Feiertag des Lebens. Das Leben, dieser unsichtbare, überall spürbare Gast, von dem es heißt, sein Name sei Geist. Stoßen wir mit diesem Gast an, lassen wir ihn hochleben, bei einem Fest und allein, im Schweigen. 30.4.2006: Well’ an Welle, heitre Quelle, helle Schritte in die Mitte, bei Gesundheit, hübsche Rundheit, der Tanz heut in Ganzheit. 29.4.2006: Jeder hat von Natur aus die Möglichkeit, sich befruchten zu lassen. Sich befruchten lassen, offen sein für den Anflug weiser Gedankenbienen. 28.4.2006: Die Seele, ein Vergißmeinnicht. Zart, leuchtend, im Wind stehend. 27.4.2006: Spazieren gehen, ein Freiluftgehsang. 26.4.2006: Lebenskunst heißt immer auch, die Möglichkeiten, die in einem schlummern, zum richtigen Zeitpunkt zu wecken und in den hellen Tag hinein springen zu lassen wie Quellen. 25.4.2006: Apologie des Verplemperns. Das Verplempern der Zeit ist die notwendige Schwelle, über die man gehen muß, die Schwelle auf dem Weg in die Besinnung wie ins Freie zu einer die Augen labenden Begegnung. 24.4.2006: Die Welt kannte einen Zustand, da es auf ihr keinen einzigen Weg gab. Heute ist die Welt voller Wege. Doch den eigenen Weg muß jeder selbst finden. 23.4.2006: Der inkommensurable Kommentar der Natur zur Frage nach dem Sinn des Lebens ist das Vorkommen von Nachkommen. 22.4.2006: Leere ist keine Leere. Leere ist die Lehre der Fülle. 21.4.2006: Der Jungbrunnen des Körpers muß noch erfunden werden. Den Jungbrunnen der Seele gibt es bereits, man nennt ihn Frühling. 20.4.2006: Viele der so genannten Künstler verwechseln Dunst mit Kunst, man muß sie Dünstler nennen. 19.4.2006: Schreiben und Schreien hängen zusammen. Weil der Schreibende schreibt, schreit er nicht. Und doch schreit er: Angesichts der unerträglichen Mißstände in der Welt, kann er nur schreien. Das Schreien verhallt, das Schreiben soll den Schrei zu einem haltbaren befördern. Der Schreibende ist der Schöpfer des bleibenden Schreis. 18.4.2006: Brote sind Briefe aus dem Boden. In der Bäckerei holt man täglich seine postlagernden Sendungen ab. Das deutsche Bäckereiwesen ist das brieffreudigste der Welt; die Deutschen sind das bodenberichthungrigste Volk der Geschichte. Am deutschen Bäckereiwesen wird die Welt nicht genesen, doch die Briefe werden von allen Empfängern mit Hingabe gelesen. 17.4.2006: Ja, das tiefsinnigste Wort im Universum. 16.4.2006: Das morgendliche Aufstehen aus dem Bett erinnert bisweilen an das Aufstehen eines Boxers, den ein Haken zu Boden gestreckt hat. Der Niedergeschlagene steht wieder auf, das wiederholt sich unzählige Male, doch endlich bleibt er liegen. Das Leben ist ein Boxkampf gegen die Weltmeisterin aller Klassen, die Zeit. 15.4.2006: Schreiben, auf das Stift der Nachdenklichkeit zureiten. 14.4.2006: Ein Bild abgeben: Nicht der Schriftsteller, Maler, Musiker ist ein Künstler, sondern derjenige, der ein Bild abgibt, das die anderen Menschen inspiriert. 13.4.2006: Poesie, die Wegpfütze, die dem Himmel einen Rahmen gibt. 12.4.2006: Der Autor mag den Tor in sich, Torf tut dem Boden gut. 11.4.2006: Ist der Mensch schon das scherzende Tier (siehe Eintrag vom 1.4.2006), so ist er doch um nichts weniger auch das stolpernde Tier. Nicht nur der Mensch, sofern er Kleinkind ist, stolpert; auch der ältere und älter werdende Mensch stolpert immer wieder. Die Bedeutung des Stolperns geht über das buchstäbliche Stolpern hinaus. Als der ionische Naturphilosoph Thales (625 bis 547 v.d.Z.) beim Betrachten der Sterne stolpert und in einen Brunnen fällt, erschallt aus der Nähe das Lachen einer thrakischen Magd. Die Magd spottet: Thales wolle wissen, was am Himmel sei, aber es bleibe ihm verborgen, was vor ihm und zu seinen Füßen liege. Das Stolpern des Thales, aber auch der Spott der Magd hat mehr als anekdotischen Charakter, die Geschichte offenbart eine metaphorische Aussage: Im mägdlichen Lachen zeigt sich das Realitätsprinzip, im Sternebetrachten und Stolpern des Thales drückt sich hingegen die Ansicht aus, daß zwischen Himmel und Erde mehr ist, als sich die Weisheit der Magd träumen läßt. Wer stolpert, dem fällt etwas auf. Philosophieren heißt, das Stolpern nicht zu verachten. Im Stolpern offenbart sich der Weg. 10.4.2006: Der Grund, weshalb der Regen Regen heißt, liegt darin, daß sich bei Regen die Pflanzen regen. Dieser Satz wird in der ganzheitlich orientierten Ökonomie zusammengefaßt unter dem Fachbegriff Regenomie. 9.4.2006: Das schönste Danke ist ein gelingender Gedanke. To thank is to think of you. 8.4.2006: Die Küsten des Glücks sind auf keiner Landkarte verzeichnet. The coastlines of fortune aren’t scheduled on any map. 7.4.2006: Lebenssünde: sich nicht entblöden. 6.4.2006: Carl Apfelschnitz meint: „Kunst ist nicht anders denkbar als in Form einer Frage. Wo Kunst ist, ist eine Frage verborgen. Kunst stellt in Frage, immer und grundsätzlich das Leben. Das Leben, das sich aus sich selbst in Frage stellt, wäre Kunst. Deshalb schreibe man: Kunst = Leben? Das Fragezeichen gehört zum Leben, ist das Zeichen, das buchstäblich das letzte Wort behält. Leben und Leben? sind Wörter mit unterschiedlichen Bedeutungen. Kunst ist Leben? Ein Künstler ist ein Lebender? Lebenskunst mag man Lebensleben? nennen.“ 5.4.2006: Carl Apfelschnitz schreibt: „Die Glückseligkeit eines Menschen zeigt sich an seiner Liebendigkeit. Felicity is the unity of liveliness and loveliness.“ 4.4.2006: Sehnsucht, die Sucht zu sehn. 3.4.2006: Briefträger, weltliche Engel. Letter carriers are worldly angels. 2.4.2006: Wer sich in den großen Wald traut, vertraut seiner Findigkeit, die Welt ist ein Märchen. Die ersten Menschen heißen Hänsel und Gretel. 1.4.2006: Mißverstehst du den Scherz im Glauben, daß er ein Scherz sei und nicht zum Ernstnehmen? Will nicht der Scherz wie nur mehr das Spiel und die Liebe in aller Ernsthaftigkeit gemacht werden? Im Scherz entblößt sich der Mensch, er ist das scherzende Tier. Der Scherz ist kein Scherz.
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